Leben wie in einem Manga-Comic

Gothic-Kitsch und Japan-Schick: Zu Besuch bei den Münchner Visual-Kei-Fans Chrissy und Jeremias
franzi-schoenenberger
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Illustration: Julia Schubert

Die graue Tristesse der Hochhauskomplexe ist schwarz verhüllt. Die hell erleuchteten Fenster wirken wie aufeinander gestapelte schimmernde Bauklötzchen und das Flutlicht des nahen Stadions durchschneidet den schwarzen Nachthimmel. Chrissys Blick schweift über die dunklen Wohnkomplexe des Olympiadorfs, die sich nur erahnen lassen. „Nachts ist die Aussicht einfach am Schönsten“, sagt Chrissy, „alles wirkt so geheimnisvoll.“ Die 22-Jährige steht auf ihrem Balkon im siebten Stock. In ihrem Wohnzimmer hoppelt ein rabenschwarzes Kaninchen über einen violetten Plüschteppich. Chrissy nimmt es hoch und streichelt es. „Ich wollte unbedingt ein Kaninchen wie bei Alice im Wunderland, eben nur schwarz.“ Sie selbst erinnert an ein düsteres Double von Alice: fast porzellanweiße Haut, schwarze Locken, mit Kajal umrandete Augen, ein Kleid aus schwarzer Spitze mit Rüschen. Chrissy ist eine Gothic Lolita. Es gibt in Deutschland immer mehr Mädchen wie Chrissy. Groteske Zuckerpuppen, die niedlichen Kitsch mit unheimlichen Elementen der Gothic-Kultur mischen – viktorianische Hausmädchen mit Hang zum Morbiden. Seinen Anfang nahm dieser Modestil Mitte der neunziger Jahre in Japan. Heute gehört er dort in vielen Boutiquen zum normalen Sortiment. „Da man aber lange diese Mode in Europa nicht bekam, fing ich an selbst zu nähen“, erzählt Chrissy, die Japanologie studiert. Inzwischen quillt ihr Kleiderschrank über von schwarzen und rosa Spitzenkleidchen, Röckchen, Häubchen besetzt mit Spitze und kleinen Schleifchen. Die Studentin entwirft ihre Kleider und Accessoires selbst. „Schon als Kind fand ich Rüschenkleidchen wahnsinnig toll und wollte nie etwas anderes tragen.“ Die besten Stücke verkauft sie in einem kleinen Laden für japanische Kultur in Schwabing, in dem sie neben ihrem Studium arbeitet. Im Land des Kitsch Nicht nur ihre Begeisterung für Kitsch sondern auch für Japan entdeckte Chrissy früh. Es begann mit asiatischen Comics, also Mangas, die Akira oder Streetfighter hießen. „Aber auch die japanischen Zeichentrickserien für Kinder habe ich immer angeschaut“, erzählt Chrissy. Sie fing an, alles zu sammeln und zu lesen, was mit Japan zu tun hat. „Ich stehe total auf Kitsch. Und vor allem in Japan gibt es so schön verrückte und kitschige Sachen.“ Zum Beispiel die Marke „Hello Kitty“. Chrissy hortet alles, worauf die niedliche weiße Katze mit den großen Kulleraugen zu sehen ist. „Vom Mülleimer bis zu den Kochhandschuhen findet man davon alles. Ich wollte sogar den DVD-Player haben, aber mein Freund hat sich geweigert.“ Auch Chrissys Arbeitskollege Jeremias hat einen Japantick. Er ist eigentlich Musiker aber manchmal arbeitet er im Japansalon in der Ohmstraße. Dort duftet es duftet nach Grünem Tee und Räucherstäbchen. Im Hintergrund läuft eine CD mit japanischer Popmusik. Der Laden ist eng und voll gestopft. Der Verkaufsraum besteht aus mehreren verwinkelten Zimmerchen, die durch schmale Gänge mit einander verbunden sind. Überall hängen farbenprächtige traditionelle Kimonos, neben Regalen mit aktuellen Manga-Comics und Anime-Videos. Jeremias, ein androgyn wirkender Mann Mitte Zwanzig, sitzt an einem Tresen, hinter einer großen altertümlichen Kasse. Sein Gesicht ist blass, die Augen schwarz geschminkt, seine fast schulterlangen Haare feuerrot gefärbt. Er trägt einen altmodischen Gehrock aus Samt mit weißem Stehkragenhemd. Ausbrechen aus der Masse „Bei mir hat alles mit der Musik angefangen“, sagt er und streicht sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. „Dann schenkte mir eine Freundin, die von meinem Japantick wusste, die CD einer japanischen Band, Pizzicato Five. Das war damals für mich wie von einem anderen Stern, ich war völlig begeistert.“ Visual Kei-Musik hat es dem jungen Musiker besonders angetan. Visual Kei ist ein in Japan geprägter Sammelbegriff für Musiker und Bands, deren Styling und Bühnenshow sehr auffällig und aufwändig ist. Diese Bands sehen aus, als wären sie einem Mangacomic entsprungen: theatralisches Make up, exzentrische Frisuren und wilde Haarfarben. Die Fans versuchen im Aussehen ihre Idole bestmöglich nachzuahmen. „Visual Kei kam in Japan Ende der 80er auf. Von den großen Kostümbands und Glamrockstars des Westens, wie Kiss oder David Bowie, haben sich die Japaner viel abgeschaut“, erklärt Jeremias. „Kei bedeutet soviel wie Clique oder Bande. Und Visual bedeutet natürlich visuell. Das Äußere ist eben besonders wichtig.“ In Japan versuchen die Jugendlichen mit dieser Mode Individualität gegen die Normen der Masse zu setzen, denn so Jeremias: „Eigentlich ist Nichtauffallen ein japanisches Ideal." Jeremias fällt auf. Bei seinen Konzerten ist alles bis in Detail durchgestylt. Er kombiniert männliche und weibliche Mode, ebenso wie verschiedene Richtungen, von Gothic über Punk bis hin zu Fantasiekostümen. Und er hat damit Erfolg. „Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst einmal nach Japan reisen würde und dort in kleinen Clubs spiele“, freut sich Jeremias voller Stolz. Gerade entsteht sein erstes Album: Gitarrenpop mit achtziger Synthies und viel Hall. Dabei singt er auch immer wieder auf Japanisch, wie seine Vorbilder, Bands wie D'espairs Ray oder Dir en Grey. Als diese Bands durch Deutschland tourten, wurden ihre Konzerte nicht einmal durch Plakate angekündigt, dennoch waren innerhalb von drei Tagen 3500 Karten für ihr erstes Konzert in Berlin verkauft. In der Münchner Elserhalle fand im Oktober ein ähnliches Schauspiel statt. Sogar die Bravo reagierte auf den Trend und druckte ein Mega-Poster der bis dahin relativ unbekannten Visual-Kei-Band D'espairs Ray ab. Chrissy steht dieser Hysterie skeptisch gegenüber: „Es ist für mich schwierig nachzuvollziehen, wenn sich Mädels die Seele aus dem Hals kreischen, nur weil ein Japaner auf der Bühne steht.“ Auch für Jeremias ist Visual Kei kein kurzfristiger Teenie-Trend. Er sieht sein Styling als Teil seiner Persönlichkeit. Chrissy und er teilen eine tiefe Faszination für Japan. Sie lernen die Sprache und haben das Land schon mehrmals bereist. Ihnen ist weniger wichtig, sich von der Masse abzuheben. Jeremias wünscht sich einfach, dass „jemand mit Alice-im-Wunderland-Komplex im Spitzenkleid auf die Strasse gehen kann, ohne sofort Kritik fürchten zu müssen.“ Im Web: meinhard.info oder japansalon.de

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