Leere in den Lehrsälen

Warum besuchen so wenige Studierende die Abschiedsvorlesungen bekannter Münchner Professoren? Bologna ist schuld
hannes-kerber

Für die heutige Vorlesung hatte der Professor angekündigt, die Schlacht von Salamis zu schlagen. Durch seine Handbewegungen bauen sich nun die Perserschiffe vor der griechischen Küste auf. Der Althistoriker Christian Meier, seit kurzem 80 Jahre alt, liest über die Anfänge Europas im fünften Jahrhundert vor Christus. Er ist der vielleicht bekannteste Emeritus der Universität München und wurde vor wenigen Tagen mit der Lichtenbergmedaille für sein Lebenswerk geehrt. Seine Vorlesung findet dienstags und donnerstags im ersten Stock des LMU-Hauptgebäudes statt. Der Hörsaal ist in diesem Semester halbleer. Die meisten Zuhörer sind Seniorenstudenten.

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Illustration: Julia Schubert

Ein ähnliches Bild bietet sich jeden Montagmorgen in der Vorlesung des Politikwissenschaftlers Hennig Ottmann, 65, dessen Publikationsliste mehr als 30 Seiten füllt und der diesen Sommer in den akademischen Ruhestand geht: Nur ein Drittel der Reihen ist besetzt, wenn er über die politische Philosophie seit Kant spricht. Und der Soziologie-Professor Ulrich Beck, ebenfalls 65, der auch in Harvard und an der London School of Economics lehrt, hat seine Vorlesung nach einer Woche in einen kleinen Hörsaal im Nordflügel verlegen müssen. Eigentlich hätte Becks Münchner Abschiedsvorlesung über die Soziologie im 21. Jahrhundert, wie alle seine Vorlesungen der letzten Jahre, in der repräsentativen Großen Aula stattfinden sollen. Aber in diesem Semester kamen nur etwa 80 Studenten. "Es ist schwer vorstellbar", sagt Beck mit Blick auf das Wegbleiben der Zuhörer, "dass früher ein akademischer Lehrer, ohne dass ich mich selbst in irgendeine Reihe stellen möchte, noch einmal abschließend seine Vorstellungen über Soziologie, politische Theorie oder die Antike präsentiert hätte - und das kein Ereignis gewesen wäre." Keiner der drei Wissenschaftler macht die Studenten für die halbleeren Hörsäle verantwortlich: "Die Studenten der Dienstleistungsuniversität müssen ihr Studium rationalisieren und das lässt für diese Art von Veranstaltung wenig Raum", sagt Ulrich Beck. "Ich finde es eher erstaunlich, dass doch so viele Studenten zu dieser Vorlesung kommen." Seine Vorlesungen passt nicht mehr in die Zeit, weil sie, genau wie die von Ottmann und Meier, keine Pflichtveranstaltung ist, man also weder Scheine noch Credit Points erwerben kann. Dies aber wird durch die "Bologna"-Reformen, die im Sommer abgeschlossen werden, das entscheidende Kriterium, nach denen Studenten wählen: Um das Studium europaweit vergleichbar zu machen und um die Berufsqualifizierung zu erhöhen, werden alle Studiengänge zeitlich komprimiert und dementsprechend umgebaut. Die Lehrinhalte werden so weit gekürzt, dass Studenten nach häufig nur drei Jahren die Hochschule verlassen können: Das führt, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung mitteilt, zu einer "Straffung" und "besseren Strukturierung" der Curricula. "Für alle Beteiligten ist es eine fehlgeschlagene Reform", sagt Henning Ottmann, Professor der Politikwissenschaft. "Wie bin ich froh, dass ich ,Bologna" nicht zu verantworten habe, dass ich meine Hände wie Pilatus in Unschuld waschen kann." Überflüssige Professoren Dominik Stich studiert an der LMU und ist Philosophie-Fachschaftssprecher sowie Mitglied im Fakultätsrat und im Konvent der Fachschaften. Er hat nach zwei Semestern einen nach den "Bologna"-Vorgaben reformierten Bachelor-Studiengang abgebrochen, um zum alten Magister-System zu wechseln. Er selbst sieht die leeren Hörsäle nur zum Teil als Symptom eines Problems: "Ich selbst ziehe Seminare Vorlesungen vor, weil diese für Fragen offener sind und intensiveres Arbeiten ermöglichen", sagt der 22-Jährige. "Aber es ist ein generelleres Problem, dass sich durch ,Bologna" die Professoren und die Studenten entfremden." Auch Christian Meier, der seit 1966 Professor für Alte Geschichte ist, stellt fest, dass sich das Verhältnis von Studenten und Professoren verändert: "Als ich in den Fünfzigern studierte, hatten die Studenten ein engeres Verhältnis zu ihren Professoren und man konnte im Hauptseminar in der Regel den Ordinarius ganz gut kennen lernen." Diese Entwicklung der Entfremdung von Lernenden und Lehrenden ist bedingt durch die Veränderungen, denen die Universität unterworfen ist: Bis 1965/66 hatte sich die Zahl der Studenten an der Universität München in nur zehn Jahren fast verdoppelt. Heute ist die Zahl der Studenten mit knapp 44 500 noch einmal doppelt so hoch wie vor 45 Jahren. Zwar wurden gleichzeitig auch immer mehr Wissenschaftler eingestellt, aber es ist wegen der größeren Auswahl weniger üblich, bei nur einem Professor zu studieren. Außerdem haben sich die institutionellen Rahmenbedingungen tiefgreifend gewandelt: Die alte Ordinarienuniversität der Weimarer Republik, an die in der Nachkriegszeit bewusst angeschlossen wurde, ist durch die Hochschulreformen der Sechziger und Siebziger abgeschafft worden. Die Universität der Ordinarien wurde zu einer Universität der Professoren. Durch "Bologna" entwickelt diese sich nun zu einer Mitarbeiteruniversität: Ein großer Teil der Lehre wird in Zukunft von Privatdozenten, Doktoranden und Dauerassistenten getragen. "Die Professoren werden dann eigentlich nicht mehr gebraucht", sagt der Politologe Henning Ottmann. "Im sechssemestrigen Bachelor werden sie nicht mehr die Inhalte bestimmen können, also kann eigentlich jeder akademische Rat die Veranstaltungen durchführen." Der Student Dominik Stich sieht in der Umwertung der Aufgabe der Professoren nur deshalb ein Problem, weil er befürchtet, dass die Qualität nicht gleich bleibt: "Die Standardisierung der Inhalte zwingt die Professoren zum Frontalunterricht und damit sinkt das Niveau", sagt der 22-Jährige. Es zeichnet sich ab, dass die Lehre in den Geisteswissenschaften besonders stark betroffen sein wird von den "Bologna"-Reformen: Der geisteswissenschaftliche Diskurs soll - unter der Annahme, dass sich hier das Wissen genauso objektivieren lasse wie etwa in der Physik - vom Einfluss des einzelnen Forschers freigemacht werden. "Früher war die Geisteswissenschaft um Personen herum organisiert", erinnert sich Henning Ottmann. "Und ich kann mir auch nicht vorstellen, wie es sonst sein sollte: Alle großen Leistungen wurden von einzelnen vollbracht." Was Christian Meier, Henning Ottmann und Ulrich Beck in ihren Vorlesungen in diesem Semester vor halbleeren Hörsälen präsentieren, ist nicht nur ein Rückblick auf das eigene wissenschaftliche Arbeiten, sondern auch die Einheit von Lehre und aktueller Forschung. Jetzt befürchten sie, genau wie viele Studenten, dass es damit im Bachelor-Studium, das im Herbst dieses Jahres europaweit vollständig eingeführt sein wird, vorbei sein könnte. "Man kann beobachten, dass sich die wirklich herausragenden, jungen Professoren durch ,Bologna" und die Exzellenzinitiative der Bundesregierung von der Lehre zurückziehen", sagt Christian Meier. "Die gute Lehre, genau das also, weshalb es eine Universität eigentlich gibt, wird ihr genommen, sobald sie sich auszeichnet."

Text: hannes-kerber - Foto: Evi Lemberger

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