Lernen von Bill Drummond

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Ein Café im Londoner Stadtteil Shoreditch. Es gibt kostenlosen Internetzugang über W-Lan. An jedem zweiten Tisch sitzen Laptop-Nutzer und schauen angestrengt auf ihre Bildschirme. Bill Drummond trägt eine Barbour Jacke, in der Hand hält er seine Brille, das Glas ist herausgefallen. Er legt sie auf den Tisch, geht brillenlos zur Theke und bestellt Tee, schwarz, nicht zu stark. Bevor wir über irgendwas anderes sprechen können, müssen wir über das Geld reden: Wie ist es, eine Million Pfund einfach so zu verbrennen? Das wurde ich früher ständig gefragt. Mittlerweile ist das kein Problem mehr. Anfangs hatten wir aber das Gefühl, dass jeder eine Rechtfertigung für das verlangt, was wir da getan hatten. Und je mehr wir versuchten, die Aktion zu erklären, umso weniger ging es um die Aktion – am Ende drehte sich jedes Gespräch nur noch um Jimmy und mich und wie unmöglich es ist, eine Million Pfund zu verbrennen. Naja, es ist zumindest merkwürdig. Das mag schon sein. Aber die Reaktionen der Leute sagten am Ende mehr über sie aus als über unsere Aktion. Und, haben Sie es bereut? Na klar.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Prankster heißt im englichen Witzbold oder Schlingel, auf Bill Drummond trifft es ziemlich gut. Foto: Georg Rulffes Weil es die Aktion Ihres künstlerischen Lebens ist, auf die Sie ständig angesprochen werden? Nein, natürlich wegen des Geldes. Außerdem: So viel spreche ich nicht mehr drüber. Das war früher schlimmer. Zum Beispiel als mein Sohn – er war damals neun Jahre alt – fragte: „Stimmt das, Dad, in der Schule wird erzählt, du hättest 100 Pfund verbrannt.“ Damals habe ich mir sehr gewünscht, es wären nur 100 Pfund gewesen. Womit verdienen Sie heute Ihr Geld? Wenn Sie im Hotel einchecken, was tragen sie in der Spalte Beruf ein? Ich war 23 Jahre alt, als ich für meine damalige Band Big in Japan einen Transporter mieten wollte. Als ich in dem Mietvertrag bei Beruf „Musiker“ eintragen wollte, wurde der Vermieter sehr ärgerlich: „Du kannst da nicht Musiker reinschreiben“, schimpfte er, „das erlaubt die Versicherung nicht.“ Er riet mir, ich solle „Publisher“ auf den Vertrag schreiben, weil niemand so recht weiß, was ein Publisher eigentlich macht. Und so halte ich es bis heute. Den Begriff „Künstler“ hasse ich. Als Publisher sind Sie vielleicht vergleichbar mit den Menschen, die hier im Café an ihren Laptops sitzen und an Ideen feilen – die wollen auch kreativ sein und publizieren. Was ist Ihr Tipp, wie man damit erfolgreich sein kann? Ich weiss nicht, ob es bei dem, was ich mache, wirklich um Erfolg geht. Wenn man einen Song veröffentlicht und an die Spitze der Charts will, dann kann man definieren, was Erfolg ist: eben die Nummer eins zu sein. Ich verstehe Erfolg eher als die Fähigkeit zu entscheiden, Dinge zu tun und sie dann tatsächlich in die Tat umzusetzen. Das klingt banal, aber die meisten Leute, vielleicht auch jene, die hier an ihren Laptops sitzen, kommen nicht voran, weil sie nicht dran glauben, was sie wollen. Sie denken nur darüber nach, warum etwas nicht funktionieren könnte, statt es einfach zu tun. Ist es tatsächlich so einfach? Es klingt nach einem Klischee. Aber ich habe gelernt, dass nur dann gute Sachen entstehen, wenn man nicht auf eine Erlaubnis wartet, sondern seine Ideen einfach in die Tat umsetzt. Das ist natürlich mit einem Risiko verbunden. . . . zum Beispiel mit dem Risiko, eine Million Pfund zu verlieren. Das war kein Risiko. Das war genau so gewollt. Mir geht es darum, dass man einkalkuliert, mit Rückschlägen zu leben, wenn man kreativ arbeiten will. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste, was ich in der Schule und an der Kunsthochschule gelernt habe: auch ohne Unterstützung weiterzumachen. Damals habe ich mir gedacht: Vielleicht bin ich schlecht darin, dieses oder jenes zu tun, aber ich will es tun. Also mach ich’s. Das klingt nach Rebellion. Im Gegenteil. Ich glaube, dass es überhaupt nicht hilft, ein Rebell sein zu wollen. Ich würde auch von mir niemals behaupten, ein Rebell zu sein oder jemals einer gewesen zu sein. Für mich ist ein Rebell jemand, der die Macht, gegen die er eigentlich kämpfen will, anerkennt. Egal, wogegen er rebelliert: Er wird es nicht verändern. Es ist so als würde er gegen eine Wand laufen – die Chancen, dass die Wand nachgibt, sind gering. Und wie unterscheiden Sie sich davon? Natürlich ist es sexy, sich als Rebell zu bezeichnen. Es hat mehr Kraft, mehr Laustärke. Aber ich kenne keinen Fall, in dem sich ein Rebell durchgesetzt hat. Wenn überhaupt, dann nur, weil ihm jemand die Erlaubnis gegeben hat. Sie rebellieren nicht gegen die Musikindustrie, sondern schreiben eine Anleitung, wie jeder einen Nummer-Eins-Hit haben kann. Ich würde das nicht als subversiv bezeichnen. Es geht um die Erkenntis: Du willst etwas – dann tu es. Warte nicht darauf, bis dir eine Plattenfirma die Erlaubnis gibt. Oder bis die Musikpresse dich lobt. Aber sei dir des Risikos bewusst. Auf der nächsten Seite spricht Bill Drummond über Napster, das Internet und er erzählt, wie er sich plötzlich auf einem Korn-Konzert wiederfand.


Das Internet beschleunigt diese Entwicklung. Gefällt Ihnen das? Grundsätzlich ja. Aber wenn Sie mich jetzt fragen, welche Blogs ich lese oder ob ich Videos auf YouTube anschaue, muss ich Sie enttäuschen. Das liegt aber nicht am Internet, sondern daran, dass ich nicht besonders gut darin bin, Popkultur zu konsumieren. Selbst wenn ich mir einen wirklich guten Film ausleihe, liegt der oft wochenlang bei mir herum, ohne dass ich ihn anschaue. Aber würden Sie den Laptop-Kreativen hier raten, ihre Kreativität im Internet auszustellen? Als Napster gestartet wurde, war ich begeistert von der Idee: Diese Musiktauschbörse hat den Weg, wie wir Musik machen, hören und drüber denken, komplett verändert. Das gefällt mir. Jeder kann Musik machen, weil er Musik machen und Leute erreichen will. Insofern mag ich das Internet. Aber dann gab es einen Moment, als ich in einem dieser riesigen Plattenläden in der Oxford Street stand und mir dachte: „Ich kann hier wahrscheinlich alles kaufen, was jemals aufgenommen wurde. Aber nichts ist dabei, was ich will.“ Wenig später stellte ich meinen MP3-Player auf Zufallsfunktion, aber nichts, was ich hörte, gefiel mir. Da merkte ich: Wir müssen wegkommen von Musik, die aufgenommen wird. Da wir jeden Song zu jeder Zeit überall hören können, liegt das wirklich Neue meiner Meinung nach darin, Musik zu hören, die nicht aufgezeichnet wurde, die man nur in einem besonderen Moment hören kann. Das ist die Idee Ihres „Projekts 17“: ein Chor, bei dem jeweils 17 Männer und Frauen gemeinsam Musik machen – ohne Vorgaben und vor allem ohne dass es aufgezeichnet wird. Ich glaube, dass in dem Akt des Musizierens viel liegt, was verloren geht, wenn man nur aufgezeichnete Songs hört. Ich sage nicht, dass 17 eine großartige Sache ist – ich glaube aber, dass es eine Form ist, auf das Phänomen aufgezeichneter Musik zu reagieren. Es geht mir nicht um ein Genre, sondern um jegliche Musik, die aufgezeichnet wird – das kommt mir überholt vor. Die gesamte Musikindustrie redet über nichts anders. Das interessiert mich nicht. Ich will meine Ideen umsetzen. Eine weitere dieser Ideen ist der No Music Day. An jedem 21. November soll keine Musik gespielt, sondern darüber nachgedacht werden, welche Rolle Musik in unserem Leben spielt. 2006 habe ich das zum zweiten Mal gemacht. Ich fände es schön, jedes Jahr eine kleine Aktion zum No Music Day zu machen. Im letzten Jahr hat ein Londoner Radiosender mitgemacht und einen Tag lang keine Musik gespielt, nächstes Jahr würde ich gerne einen Film zeigen, der keinen Soundtrack hat. Einfach nur den Film, ohne Musik. Verdienen Sie Geld mit diesen Ideen? Wie sollte ich? Beim No Music Day zahlt niemand etwas, das mag ich ja gerade an der Idee. Aber keine Sorge, ich komme zurecht. Wir bekommen Tantiemen von unseren Songs. Und die Million, die wir verbrannt haben, war nicht alles Geld, das wir hatten. Es ging um das Symbol: eine Million Pfund. Wir wollten mit dem Traum spielen, Millionär zu sein. Wenn’s knapp wird, könnten Sie Ihre eigene Anleitung befolgen und einen Hit schreiben. Das würde nicht klappen. Das Wichtigste dabei ist: Sie müssen Pop-Musik lieben, um das zu schaffen. Und bei mir hat sich einiges verändert, was mein Verhältnis zur Musik angeht.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Drummond beim Fototermin im Nordosten Londons, Foto: Georg Rulffes Kaufen Sie sich noch Platten? Selten. Nein, eigentlich nie. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem Bekannten. Es ging um Tom Waits. Er war total begeistert von dessen neuer Platte. Und ich habe ihm gesagt: Der Mann ist ein Konstrukt. Auch wenn er so ehrlich klingt, der ist erfunden, eine grossartige Erfindung zwar, aber er ist erfunden. Fall nicht drauf rein. Sprechen Sie mit Ihren Kindern über Musik? Ich lebe mit meinem 19-jährigen Sohn in einer WG. Und natürlich sprechen wir da auch über Musik. Aber meistens bin ich schnell gelangweilt, wenn er mir vorspielt, was ihm gefällt. Ich bin immer auf der Suche nach Neuem und das meiste, was mein Sohn hört, kommt mir so alt vor, selbst wenn es gerade erst erschienen ist. Fühlen Sie sich manchmal zu alt dafür? Naja, sagen wir mal so: Ich trage die gleichen Jeans und die gleichen Pullover, die ich auch vor zwanzig Jahren getragen habe, aber natürlich bin ich körperlich älter geworden. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, ärgere ich mich über die grauen Haare. Aber Jugend war nie ein erstrebenswertes Ziel für mich. Sie hatten nie das Gefühl zu alt zu sein für diese Art von Popkultur? Um ehrlich zu sein: Nein. Obwohl, einmal bin ich mit einem meiner Söhne zu einem Korn-Konzert nach Wembley gefahren. Er war 13 Jahre alt und als wir da ankamen, habe ich plötzlich realisiert: „Wow, ich bin ein Vater, der seinen Sohn auf ein Konzert begleitet.“ Das war das erste Mal, dass ich nicht deshalb auf einem Konzert war, weil ich selber die Musik hören wollte, sondern weil ich halt meinen Sohn begleitet habe. Und, wie war es? Es war fantastisch. Ich kannte vorher keinen einzigen Song von denen, aber sie waren brillant. Mehr zum Thema - jetzt-User max und sein Selbstversuch zum No Music Day. - mehr über den No Music Day auch auf sueddeutsche.de

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