Lernen von den Alten: Für immer Punk?

jetzt.de sprach mit Schorsch Kamerun über Punk sein früher und heute und wie sich die Subkultur in den letzten 20 Jahren verändert hat Schorsch Kamerun, 43, ist Gründer und Sänger der Goldenen Zitronen, die ihre Laufbahn als Punkband begannen. Er betreibt in Hamburg auch den Golden Pudel Club und ist seit sechs Jahren als Theaterregisseur aktiv. Gerade hatte an den Münchner Kammerspielen seine Inszenierung des Buchs „Macht & Rebel“ von Matias Faldbakken Premiere.
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Deine Band Die Goldenen Zitronen gibt es jetzt seit 21 Jahren. Wie habt ihr euch als Band gefunden? Ich spiele seit Ende der siebziger Jahre in Bands. Die erste Kapelle hieß BSG3 - Bass, Schlagzeug, Gitarre, drei Leute. Zunächst gab es keinen Sänger, aber irgendwann bin ich es doch geworden. Wir sind dann um 1980 alle nach Hamburg gezogen. Da gab es eine der ersten Punkkneipe Deutschlands: „Krawall 2000“, am Fischmarkt. Wir sind direkt in die Nachbarschaft gezogen und fanden es sehr aufregend. Um diese Kneipe herum entstanden Die Goldenen Zitronen und zu Beginn haben wir viel mit den Toten Hosen und den Ärzten gespielt. Das nannten andere später „Fun Punk“.

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Illustration: Julia Schubert

Davon habt ihr euch als Band aber relativ bald distanziert. Warum? Eine Zeit lang war es lustig, Country, Schlager und Rockabilly zusammenzumixen. Das Punkumfeld war uns zu dogmatisch geworden. Selbst in den besetzten Häusern der Hafenstraße, wo wir die meisten Konzerte spielten, trugen Punker nur noch genormte schwarze Lederjacken. Wir wollten innerhalb des Punk wieder punkig werden. Wir sind in absurden Blümchenklamotten aufgetreten. Das kann man sich heute nur noch schwer vorstellen, aber damals war dieses Schlagerding ganz attraktiv und hatte etwas von einem Gegenangriff. Irgendwann blieb die Persiflage aber in der Selbstpersiflage hängen, sprich, du coverst ein Bierzelt und stehst irgendwann selbst mitten drin. 1990 meinten wir mit unserer damaligen Platte „Fuck You“ eigentlich alles – inklusive unserer eigenen Fans. Dabei sah es davor so aus, als würdet ihr richtig groß werden. Wir sollten sogar Homestories für die Bravo machen. Warum wolltet ihr das nie? Wir fanden das falsch. Wir haben in unserer 21-jährigen Bandgeschichte nie einen großen Plattenvertrag unterschrieben, weil wir nicht in einer Firma sein wollten, in der Promoter unsere neue Platte gemeinsam mit der neuen Westernhagen vermarkten. Das passte einfach nicht. Was hat dich an Punk fasziniert? Ich war ein politisch interessierter Mensch und wollte das Gegenteil von dem, was meine Eltern wollten. Ich komme aus einem ziemlich autoritären und bürgerlichen, zum Teil auch rechtskonservativen Umfeld. Darunter habe ich sehr gelitten. Und dann fängt man ganz automatisch an, sich nach Dingen umzuschauen, die anders sind, mit denen man sich abgrenzen kann. Das ging mit Punk sehr gut. Vor allem in dem Schicki-Ostseebad Timmendorfer Strand, wo ich aufgewachsen bin. Ich hatte zum Beispiel einen Lehrer, der einen Schönschreibclub betrieb und uns tatsächlich gezeigt hat, wie man sich hinsetzt, ohne die Bügelfalte zu zerknittern. Den konnte ich mit meinen zerrissenen Klamotten ernsthaft provozieren. Hat sich deine Einstellung zu Punk gewandelt? Schon auf dem ersten Album habt ihr ironisch „Für Immer Punk“ gesungen. Diese Haltung von Punk: „Das kannst auch du“, finde ich nach wie vor richtig. Im Grunde benehme ich mich so auch als Theatermachender. Ich bin wahrscheinlich der einzige Regisseur, der am Stadttheater arbeitet und nicht mal einen Hauptschulabschluss hat, weil ich in der neunten Klasse von der Schule geflogen bin. Ich habe erst mal eine Ausbildung als KFZ-Mechaniker gemacht, bis ich für den Zivildienst nach Hamburg ging. Aber ich behaupte einfach, ich kann das. Es kann ja letztlich auch jeder malen. Was nicht mehr funktioniert, ist die Provokation. Green Day waren letztes Jahr die erfolgreichste Band der Welt. Die nennen sich zwar Punkband, aber das hat für mich nichts mehr damit zu tun.

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Illustration: Julia Schubert

In „Macht & Rebel“ geht es genau darum, dass Subkultur vom Mainstream vereinnahmt wird. Empfindest du das auch so? Heute hat sich der Weg von Underground zu Mainstream bis auf null verkürzt. Subkultur wird sofort zum verkaufbaren Label. Wie soll sie sich da behaupten? Zumal man ja zum Beispiel mit dem Pudel Club in der Hafenstraße selbst zu dieser Entwicklung beigetragen hat. Neben dem Club haben mittlerweile Luxusrestaurants eröffnet und die größte Werbeagentur Deutschlands wird sich dort niederlassen. Als wir dort hinzogen, war da nichts. Dennoch sind wir immer noch ein nichtkommerzieller Laden und verdienen damit nichts. Gibt es überhaupt noch Subkultur? Subkultur schon, ich glaube nur, heute muss jeder für sich selbst beantworten, wie er sie betreibt. Was es nicht gibt, ist eine äußere Form wie noch bei Punk, mit der sie gut übertragen werden kann. Popkultur hat die Andersartigkeit verloren.Wenn selbst Baumärkte schon Werbespots drehen, die wie Avantgarde-Kunst-Trash-Wahnsinn aussehen, dann funktioniert Popkultur nicht mehr. „Macht & Rebel“ spielt damit und fragt, womit man noch provozieren kann. Da bleiben nur scheußliche Dinge wie „Pädophilie“, gewaltbereite „Problemkids“ und „Hitlerreden umschreiben“ übrig. Was kann man also noch tun? Nur weil es keine neuen äußeren Signale oder Ausdrucksformen mehr gibt, kann man ja dennoch kritisch sein. Und auch wenn man sich auf einer Demo gleich unmodern fühlt, ist es doch wichtig zu protestieren. Punk hat für mich ja auch nichts mit einem Irokesen-Schnitt oder einem schnell gespielten Stück zu tun, sondern mit einer Haltung, wie ich an die Dinge ran gehe. Und wie gehst du an die Dinge ran? Hast du einen Rat für uns? Man muss in jeder Situation neu entscheiden, wie man sich verhält. Der Pudel Club war zum Beispiel bei Myspace drin. Aber wenn man sich da anmeldet, muss ich akzeptieren, dass auf meiner „friends“- Seite Werbung ist. Das fanden wir undemokratisch und haben den Pudel Club deshalb wieder aus Myspace gelöscht. Auch in unseren Songtexten sind wir nach wie vor politisch oder kritisieren bestimme Verhältnisse. Zu unseren Konzerten gehen heute dennoch mehr Leute als vor fünfzehn Jahren. Man kann sich also durchaus noch ausdrücken, mit Schreiben, mit Musik, mit Theater. Es gibt nur nicht mehr die direkte Gegnerschaft wie früher, außer den Kapitalismus im Allgemeinen. jetzt.de feiert und läd dich ein: Am Samstag, den 9. Dezember, gehen wir in die Vorstellung von "Macht & Rebel" in den Münchner Kammerspielen und danach feiern wir Nikolaus. Fotos: Arno Declair

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