Lernen von den Jungen

Eigentlich schade: Nie wieder im Leben wissen wir so viel wie während des Abiturs. Deshalb haben wir sechs Abiturienten mitten in der Prüfungszeit gefragt, womit sie sich jetzt gerade richtig gut auskennen.
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Eva, 19, Jakob-Grimm-Schule Rotenburg an der Fulda (Hessen): Konjugation von Bakterien
"Im Biologieunterricht habe ich erfahren, dass Bakterien perfekt konjugieren können. Zuerst dachte ich bei dem Wort Konjugation an den Französisch-Unterricht. Ich stellte mir vor, wie sich so ein Bakterium mit der französischen Sprache abrackern muss. Dabei steht der Begriff Konjugation in der Biologie für die DNA-Übertragung zwischen zwei Bakterien. Diese Übertragung funktioniert folgendermaßen: Die Spenderzelle bildet ein aus mehreren Proteinfasern bestehendes Sexpili aus und heftet sich damit an seinem Konjugationspartner fest. Daraufhin wird eine Plasma-Brücke ausgebildet, über welche die durch die Replikation kopierte DNA und die Fertilitätsgene von der F+-Zelle auf die F--Zelle übertragen werden. Allerdings bricht diese Plasma-Brücke leicht ab, weswegen oft nur Teile davon übertragen werden."

 
Lucas, 18, Gymnasium Marianum Meppen (Niedersachsen): die 68er
"Die dritte Phase der Aufarbeitung des Nationalsozialismus innerhalb Deutschlands, kurz: 68er-Phase, wurde durch mehrere Faktoren eingeleitet. Bereits der Versuch eines Großteils der Kriegsgeneration direkt nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs, das Geschehene zu verdrängen, bot Konfliktpotenzial. Doch Auslöser für die Proteste waren schlißlich Hakenkreuzschmierereien an der neu eröffneten Kölner Synagoge (1959), der Ulmer Einsatzgruppenprozess (ab 1958) und die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt (ab 1963)."


Maja, 20, Bettina-von-Arnim-Gymnasium Dormagen (NRW): Soziale Plastik
"Als Soziale Plastik bezeichnet Beuys im Rahmen seines erweiterten Kunstbegriffs alles, was der Künstler als Schöpfer aus der Gesellschaft und den Menschen zieht. Die einzige Bedingung muss dabei sein, dass das Objekt an den wahren Grundbedürfnissen der Menschen gemessen ist, es muss sinnvoll durchdacht und in eine dazu gehörige Form gebracht sein. Jeder Mensch kann nach Beuys also ein Künstler oder eine Künstlerin sein. Beuys selbst hat immer Materialien verwendet, die ihm im Krieg das Leben gerettet haben. Zum Beispiel hat er mit Honig gearbeitet. Der Honig steht im übertragenen Sinn für Brüderlichkeit und Zusammenarbeit und bildet eine Grundlage für seine Theorie der Sozialen Plastik."


Dschujan, 17, Humboldtschule Bad Homburg (Hessen): Thermodynamik
"Im Chemie-LK haben wir während einer Unterrichtsreihe zur Thermodynamik herausgefunden, dass sich die Löslichkeit von Stoffen mit zunehmender Temperatur erhöht. Das hat mit der Bewegung von Atomen zu tun: Jeder Stoff ist in Bewegung, so auch Wasser. Erhöht man die Temperatur des Wassers, so erhöht man gleichzeitig auch die Bewegung der Wassermoleküle. Das bedeutet, sie bewegen sich schneller und sind weiter voneinander entfernt. Wenn man jetzt etwas in Wasser lösen möchte, dann passiert nichts anderes, als dass sich die Moleküle des Stoffes zwischen die Wassermoleküle schieben und sich somit in das Gitter der Wassermoleküle einfügen. Ein Pulver löst sich besser auf." 


Hannah, 18, Bettina-von-Arnim-Gymnasium Dormagen (NRW): Nietzsches Sprachnot
"Die Sprachnot, auch Sprachskepsis oder Sprachkrise genannt, behandelt die Thematik, dass die Worte, die wir benutzen, nicht mehr ausreichen für das, was wir eigentlich ausdrücken möchten. Diese Sprachnot war besonders während der neuen Sachlichkeit gegeben, da zu der Zeit ein allgemeines Umdenken stattfand: Die Menschen brauchten Vergnügen und das Hemmungslose, um die Ketten der Gesellschaft zu sprengen. Nietzsche meint, dass die Wahrheit, die wir als absolute Wahrheit verstehen, eine Illusion sei. Woher wissen wir schließlich, dass ein Baum Baum heißt? Irgendjemand kam irgendwann mal auf die Idee, den Baum so zu nennen."

 
Connie, 18, Anne-Frank-Gymnasium Erding (Bayern): Sezessionskrieg
"Der Sezessionskrieg, auch Amerikanischer Bürgerkrieg genannt, lief so ab: 1860 traten die meisten Südstaaten aus den Vereinigten Staaten aus, nachdem Abraham Lincoln zum US-Präsidenten gewählt wurde. Schon vorher gab es eine wirtschaftliche, politische und soziale Spaltung zwischen den Nord- und Südstaaten. Der Krieg war also der Höhepunkt des Konfliktes und dauerte von 1861 bis 1865. Er forderte tausende Opfer. Nachdem die Nordstaaten gewonnen hatten, gelang es ihnen, die Sklaverei in den USA endgültig abzuschaffen. Der Krieg führte zu einer allmählichen Emanzipation und Gleichstellung von Sklaven und anderen als minderwertig betrachteten Einwohnern."

Text: feline-gerstenberg - Fotos: privat, Collage: katharina-bitzl