Lieferanten der Nacht

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Die Nacht beginnt in einem Hinterhof. Irgendwo im Norden Münchens, zwischen einer Tankstelle und einem Bratwurststand, am Ende einer langen, schmalen Einfahrt liegt er, der Hof. Aus einem Container ragen leere Sektkartons, Schneematsch durchweicht die Schuhe. Auf ein Klopfzeichen öffnet sich eine blau lackierte Eisentür. Der Eingang zum Hauptquartier. Ich trete in eine kalte Lagerhalle, zwanzig auf zwanzig Meter, Pfützen auf dem Boden und rechts ein Rolltor. Vor dem Tor parken sechs schmutzigweiße Vans Stoßstange an Stoßstange. Der hintere Teil der Halle ist abgeschottet von einem Eisenzaun, hoch wie eine Gefängnismauer: die Schatzkammer. Meterhohe Regale voller Champagnerkisten, Wein- und Wodkaflaschen, Umzugskisten voller Zigarettenpackungen, mannshohe Paletten mit Red Bull, Cola, Orangensaft, daneben ein Kühlraum, groß wie eine Garage und voll mit Bierkästen. Das Kapital einer Firma, die davon lebt, dass auf jeder Party irgendwann das Bier ausgeht. . Jede Nacht durchstreifen weiße Lieferwagen die Stadt. Außen tragen sie reflektierende Aufkleber mit einer 0800-Nummer, innen einen überdimensionalen Bauchladen mit allem, was Menschen nachts brauchen. Diejenigen, die nachts nicht in Bars oder Clubs gehen, sondern in ihrer Wohnung bleiben. Die Grauzone des Nachtlebens. Um sie zu erkunden, werde ich heute als Alkoport-Fahrer arbeiten. Kondome, Bier, Ravioli Jennifer lehnt ihr Fahrrad an ein Regal. Dann steigt sie die steile Holztreppe hinauf, die bis knapp unter die Hallendecke führt, zu einem großen Holzverschlag mit Fenstern. Von außen sieht er aus wie ein gut gebautes Baumhaus, von innen wie eine Notruf-Leitstelle. An der Wand klebt ein großer Stadtplan. Jennifer setzt sich an den Schreibtisch und klickt durch die Fenster auf ihrem Flachbildschirm. Vor ihr liegen zwei Handys, drei schnurlose und zwei feste Telefone, ein Fax und drei Kugelschreiber. Jennifer, 23, ist Telefonistin, aber eigentlich ist sie sowas wie eine professionelle Multitaskerin. Wählt man die Hotline, kommt man bei Jennifer raus, sie tippt Bestellung und Adresse in den Computer, checkt, welcher Fahrer gerade frei und in der Nähe ist und schickt einen Wagen hin. Sie wird uns und zwei andere Lieferwagen heute Nacht fernsteuern. Unten bei den Autos stehen die zwei Kollegen, tagsüber Rettungssanitäter, und prüfen die Ladung: 22 Kästen Bier, 30 Flaschen Sekt, 120 Flaschen Schnaps, 100 Liter Mischgetränke, vier verschiedene Rotweine. Erdnussflips, Müsliriegel, Kondome, Dosenravioli, Zimt für den braunen Tequila – alles da. Handy eingesteckt? Dann los.

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20:50 Uhr, unser erster Auftrag schießt aus Jennifers Drucker: ein Kasten Bier in die Belgradstraße. „Stammkunde“, sagt sie. „Bestellt jeden Donnerstag das Gleiche.“ Wir gehen zum Wagen, schlagen die Türen zu und starten den Motor. An der Scheibe klebt ein Navigationsgerät, auf dem Armaturenbrett sitzt, gut verschraubt, ein schwarzes Faxgerät. Sobald wir das Lager verlassen haben, wird es uns mit Jennifer in ihrem Baumhaus-Büro verbinden. Es ist ein klarer, kalter Abend im Januar. Flaschen klimpern, als wir den Lieferwagen auf die Ingolstädter Straße steuern. An einer Bushaltestelle springen zwei Mädchen in Daunenjacken auf und winken uns hinterher. Der Wagen rollt durch den Schnee in Richtung Schwabing, unser Revier für heute Nacht. Vier Mal habe ich bei Alkoport angerufen, jedesmal aus einer hoffnungslos überfüllten Wohnung, wenn die Tankstelle ums Eck geschlossen war und niemand mehr fahrtüchtig. Der Mann, der mir jetzt über knarzende Stufen aus dem vierten Stock entgegenkommt, ist Ende 30 und trägt ein dunkles Hemd mit Anzughose. Er sei berufstätig, sagt er, zwei Kinder, Frau verreist. „Und keine Zeit gehabt, vor acht Uhr noch Getränke zu kaufen.“ Lieber kein Foto, der Firmenname „Alkoport“ klingt missverständlich, aber er gibt 1,80 Euro Trinkgeld. Zurück ins Auto, ein Anruf bei Jennifer im Baumhaus: „Sind wieder frei.“ Das Faxgerät summt und ein Streifen Thermopapier kriecht aus dem Schlitz. In die Maxvorstadt, hinter der Hausnummer steht: „78-5c“. Zu jeder Adresse spuckt Jennifers Computer automatisch die entsprechene Seite und das Planquadrat im Stadtplan aus. Die Datenbank ist von Hand angelegt, in Zeiten, bevor die Wagen GPS hatten. 21:24 Uhr. Wir stoppen in zweiter Reihe vor einem Altbau. Auf dem Fax steht „Warm Up-Set“: halber Liter Wodka, vier Dosen Red Bull, eine Flasche Bitter Lemon und eine Packung Eiswürfel. 22 Euro plus Pfand. Ein Pärchen Anfang 20 öffnet lachend die Tür, sie im Kleid, er im Kaschmirpullover. „Die Gäste kommen noch.“ Er nimmt die Tüte und winkt uns nach. 21:47 Uhr. Kies spritzt, als wir den Wagen in der Augustenstraße stoppen. Allmählich hab ich’s raus: Warnblinker an, Fax und einen Treue-Bon in die Jackentasche. Von außen die Schiebetür aufziehen, vorsichtig, falls eine Kiste während der Fahrt gekippt ist. Licht anknipsen. Sicherheits-Expander lösen und durch einen Bierkasten fädeln. Schultern nach hinten, in die Knie gehen und heben. Kasten auf den Asphalt stellen, auf eine trockene Stelle, sonst ist nachher die Jacke versaut. Auto absperren, klingeln. Sobald es im Gegensprecher knackt: „Alkoport!“ rufen, gleichzeitig schon mit der Fußspitze gegen die Tür drücken. Ein bärtiger Mann öffnet in Socken, seine Geschichte: Mit Freunden in der Bar um die Ecke verabredet, leider geschlossen, daher zu ihm in die Wohnung, dort aber nur noch zwei Helle im Kühlschrank. Also Alkoport. Am 8. November 2006 beschloss die CSU-Fraktion im Landtag, der Ladenschluss in Bayern solle bleiben wie bisher. Außer an Tankstellen darf zwischen 20 Uhr und 6 Uhr kein Einzelhändler verkaufen. Alkoport hat eine ähnliche Lizenz wie ein Pizzaservice. Es ist jetzt kurz vor elf, die Aufträge ruckeln im Zehnminutentakt aus dem Fax. Schwabing ist wach und durstig. Augustenstraße, fünfter Stock ohne Aufzug. Acht Kilo Spezi, Tonic Water, Adelholzener Medium und Red Bull zerren an der Tüte. Ein Mann Mitte 30 im Trainingsanzug, im Hintergrund läuft DSF. „Ist doch gleich teuer wie an der Tanke“, brummt er. „Und ich muss nicht schleppen.“ Kein Trinkgeld. Agnesstraße. Drei Flaschen Montepulciano und ein Merlot. Babak ist barfuß und trägt Fellmütze, Gelächter aus dem Wohzimmer. Er grinst und bestellt schöne Grüße „an die Miriam“, die Schwester des Firmengründers. „Session machen“ Der Wagen steuert durch die Nacht, als würde er einem unsichtbaren, willkürlich zwischen den Häusern gespannten Faden folgen. Hin und her, quer durchs Univiertel, quer durch die Münchner Gesellschaft. Weißwein für die Düsseldorfer Jurastudenten in der Königinstraße. Bier für die Jungs-WG im Erdgeschoss, die uns gleich ins Wohnzimmer zerren und bitten, den eingeschlafenen Betrunkenen zu fotografieren. Dann eine Flasche Moët & Chandon Brut Imperial (38,50 Euro) für Sandra. Sie feiert mit ihrem Freund ihren Dreißigsten. Vier Flaschen Billigsekt und rote Marlboro für die Frau im Schlafanzug. Irgendwann streikt die abenteuerliche Verkabelung auf dem Armaturenbrett und wir arbeiten eine Stunde ohne Fax. Jennifer steuert uns per Handy. Ein Kasten Bier für die zwei Mädchen, die einen Praktikumsplatz feiern. Dann einer für den schweigsamen Russen in der Alten Heide. Elf Helle an die Jungs, die „Session machen“ und aussehen, als hätten sie mit Tränengas experimentiert. Mitten in einem ausgestorbenen Industriegebiet, fast wieder im Hauptquartier, schnurrt nochmals das Fax. Eine große Flasche Wodka, drei Schachteln Zigaretten und das „Unlimited Set“, drei Smirnoff und 16 Schnäpse. Wird das die große Party des Abends? Ein verschlafener Mann öffnet die Tür und verstaut die prallvolle Tüte neben seinem Schuhregal. „Die Gäste kommen erst morgen“, sagt er. „Aber Liefernlassen ist doch immer besser.“ Als der Wagen endlich rückwärts durch das Tor in die Lagerhalle rollt, haben wir 69 Kilometer zurückgelegt. Meine Lendenwirbel freuen sich aufs Bett. Ich habe Getränke für 378,72 Euro verkauft. Eher wenig für Donnerstag, meint Jennifer. Sie fährt den Rechner herunter, steigt aus dem Baumhaus-Büro, schaltet das Licht aus, schließt die blaue Eisentür und radelt durch den Matsch die schmale Einfahrt herunter, vorbei am Bratwurststand und an der Tankstelle, die als einzige noch leuchtet.

Text: jan-stremmel - Fotos: Juri Gottschall

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