Lümmeln in der ersten Bank

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Sebastians Skateboard steht nie weit von seiner Zimmertür entfernt. Mit einem Fuß schiebt er es jetzt zur Tür, öffnet sie, steigt auf, schiebt sich mit einem Stoß an und rollt über den hellgrauen Linoleum-Fußboden Richtung Bad. Der Weg auf die Toilette ist bei Sebastian ein bisschen weiter als in den meisten anderen Wohnungen. Überhaupt lässt sich kaum etwas hier mit normalen Wohnungen vergleichen. Sebastian wohnt in einer Schule.



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  Wer ihn besucht, muss durch die in schummriges Licht getauchte Aula des ehemaligen französischen „Collège Voltaire“ in Berlin Reinickendorf gehen. Die Schule steht seit vergangenem Jahr leer, aber es sieht aus, als wäre sie erst vor ein paar Tagen verlassen worden: Auf einer kleinen Bühne stehen ein Pult und ein Stuhl, auch an den Tischen unten könnten gestern noch Schüler ihre Mittagspause verbracht haben. Von der Decke hängen weiße Tücher mit bunten Handabdrücken. Hinter der Aula rechts, vorbei an den Chemieräumen und anderen Klassenzimmern, am Ende eines stillen Ganges mit Zwischentüren wohnt Sebastian. An der zweiflügligen Tür zu seinem Reich hängt noch das gelbe, einlaminierte Schild mit der Rauminformation: „Centre de documentation et d’information“. Drinnen, an der Rückwand des 110 Quadratmeter großen Klassenzimmers hängt noch die Tafel, hinter Sebastians frei im Raum stehenden Schreibtisch, auf dem Computer, ein Bildschirm und Mischpulte stehen. Sie ist mit Graffiti aus Kreide bemalt. „Die Tafel ist immer das erste, auf das sich die Leute stürzen, die mich besuchen“, sagt Sebastian. „Jeder will da sofort drauf herummalen.“ In solchen Details scheint der Reiz am Wohnen in einer Schule zu liegen: Dass man die Tafel bekritzeln, auf dem Schulhof grillen oder mit dem Skateboard über die Gänge heizen kann – Dinge, die Schülern verboten sind und die man als solcher früher gerne getan hätte.
  „So wohnen zu können, ist einmalig“, sagt Sebastian. Er sitzt auf einer seiner zwei Couchen vor dem Fenster zum Schulhof und spielt an seiner Akustikgitarre herum. „Das war für mich das Entscheidende. Dass ich dabei Geld spare, ist natürlich schön, aber deswegen bin ich nicht hier eingezogen.“

  175 Euro zahlt Sebastian monatlich – knapp 200 Euro weniger als vorher in seiner WG in Berlin Neukölln, in der er und seine zwei Mitbewohner zusammen weniger Platz hatten als er jetzt alleine. Möglich macht das ein besonderes Konzept der holländischen Gebäudemanagement-Firma „Camelot“. Sie begann schon in den 90er-Jahren vorwiegend junge Leute für wenig Geld in leeren Gebäuden wohnen zu lassen, um zu verhindern, dass diese von ungebetenen Gästen besetzt werden. Mittlerweile ist Camelot in sechs europäischen Ländern vertreten, Deutschland kam 2010 dazu. Sebastian und die anderen 15 Leute, die momentan auf dem 22000 Quadratmeter großen Schulgelände wohnen, haben mit dem Unternehmen einen Vertrag geschlossen. Sie sind keine gewöhnlichen Mieter. Sie sind „Hauswächter“. Das heißt nicht, dass sie nachts mit Taschenlampen über das Gelände patrouillieren müssen. Ihre bloße Präsenz soll reichen, um Vandalen, Sprayer, Hausbesetzer oder Einbrecher abzuschrecken. Das Bewachen durch Bewohnen sei genauso effektiv wie ein professioneller Wachdienst, aber wesentlich billiger für den Immobilienbesitzer, argumentiert man bei Camelot. Und nebenbei wird günstiger Wohnraum geschaffen, der vor allem Leuten wie denen, die in der Schule wohnen, zu Gute kommt. Die meisten Hauswächter dort sind Studenten. Eine Künstlerin und ein Schauspieler teilen sich ein Klassenzimmer als Atelier. Sebastian will demnächst Kommunikationsdesign studieren. Gerade hat er sein Fachabitur nachgeholt; man könnte sagen, er hat morgens die Schule verlassen, um in die Schule zu gehen. 

  Allerdings gibt es auch ein paar Haken: Sebastian teilt sich mit drei anderen Hauswächtern das Bad, eine umfunktionierte Schultoilette mit quietschgelben Türen und provisorisch eingebauten Duschen. Seine Küche besteht aus einem Toaster, einer Mikrowelle und einem Wasserkocher. Und wie alle Hauswächter muss er innerhalb von vier Wochen ausziehen, wenn ein Käufer für das leere Gebäude gefunden ist. Weitere Regeln: Nicht drinnen rauchen, keine Kerzen, ebenso wenig wie Haustiere und Kinder. Wer länger als drei Tage weg fährt, muss Bescheid geben, und mindestens einmal im Monat kommt Dirk Rahn vorbei, um zu kontrollieren, ob alle Bestimmungen eingehalten werden, und um zu überprüfen, ob Feuerlöscher einsatzbereit stehen und die Rauchmelder funktionieren. Rahn ist bei Camelot Deutschland quasi eine Mischung aus Herbergsvater, der die Wächter aussucht und kontrolliert, und Manager, der nach neuen Immobilien sucht. Mit einem dicken Schlüsselbund und einem ständig klingelnden iPhone läuft er durch die Schulflure. „Firma Camelot“, ruft er und klopft an die Türen. Wenn keiner da ist, schließt er auf und sieht sich kurz um. Dann weiter: Ein missbilligender Blick in die Küche der ehemaligen Grundschule, die sich ein paar Hauswächter teilen. Unabgespülte Pfannen und Töpfe, Geschirr, Krümel auf dem Tisch. Kurzer Smalltalk mit der Kunststudentin Anna, die in ihrem weitläufigen Zimmer gerade ein paar Dutzend Zeichnungen auf dem Boden verteilt hat, um sie zu sortieren. Sie wohnt im Erdgeschoss, draußen hinter den Fenstern ihres Zimmers sieht man deutlich, dass hier schon länger kein Hausmeister mehr den Garten pflegt. Das Gras auf dem Bolzplatz ist kniehoch, die Büsche und der Wald dahinter breiten sich langsam auf dem Schulgelände aus. Wenn Anna von ihren Zeichnungen aufblickt, schaut sie ins Grüne, auf einen perfekten Ort für eine Grillparty. Aber: Wer hier feiern, mehr als zehn Leute einladen oder grillen will, muss das anmelden. „Wir haben da draußen ja fast dschungelähnliche Zustände“, sagt Rahn und beginnt, die Auflagen für ein Grillen herunterzurattern.

  Sebastian stören diese Auflagen nicht sonderlich. Die Freiheit, die ihm der viele Platz bietet, überwiegt. In seinem Zimmer läuft jetzt Musik. Er spielt Gitarre in einer Band, gerade bastelt er auch an eigenen Elektro-Tracks. Weil der nächste Hauswächter erst einige Klassenzimmer weiter wohnt, stört es hier absolut niemanden, wenn er dabei etwas mehr aufdreht. Neben seinem Bett steht eine kleine Tafel, darauf ist zu lesen: „Residenz von Ich und der Sound“.

Text: christian-helten - Fotos: Fabian Zapatka

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