Macht es euch doch selber!

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Als die Journalistin Nora Aboustait, 31, und die Designerin Benedikta von Karaisl, 27, die Idee entwickelten, für das Verlagshaus Burda eine Website zu gestalten, auf der man Schnittmuster umsonst herunterladen kann, war ihnen schnell klar, dass sie mit diesem Projekt in Deutschland nicht weit kommen würden. Sie gingen nach New York in das Künstler-Viertel Brooklyn und zogen dort die Plattform "Burda Style" hoch, die schon kurz nach dem Start vor einem Jahr in den USA für Furore sorgte: Jeden Monat wächst die Nutzerzahl um 30 Prozent. Die Inspirationsquelle für "Burda Style" ist nach Internet-Jahren gerechnet geradezu antiquiert: Schon 1949 erschien das erste "Burda Moden"-Heft mit Schnittmustern zum Nachschneidern, das Magazin gibt es noch heute. "Burda Style" wird nun aus Deutschland maßgeblich unterstützt. Nicht nur sitzt der Verlag in München und hilft der Website finanziell, auch die Modelle und Entwürfe werden in Deutschland genäht und verbessert. Erst, wenn von dort das Okay kommt, werden die Schnitte auf der Website freigegeben. Das bedeutet viel Zuarbeit aus Deutschland, erfolgreich allerdings wäre die Website hier kaum geworden. Benedikta von Karaisl ist sich sicher, dass es sehr wichtig für sie war, mit der Idee nach Amerika zu gehen - dort ist das "Selbermachen" längst ein großer Trend und im Mainstream angekommen. Statt wie in Deutschland jungen Mädchen das Gehen auf dem Laufstieg beizubringen, hilft zum Beispiel Heidi Klum in den USA jungen Designern dabei, nach oben zu kommen. In der Sendung Project Runway, die einer der größten Quotenerfolge der vergangenen Jahre ist, sehen die Zuschauer wöchentlich Nachwuchsdesignern zu, wie sie aus meterlangen Stoffbahnen mal mehr, mal weniger gelungene Kleidungsstücke schneidern. Dazu ist mittlerweile auch im Konsum-Wunderland Amerika angekommen, dass Recycling, Ressourcen-Sparen und Selbermachen keine schrägen Ideen von Sonderlingen, sondern sinnvolle und spaßige Unternehmungen sein können. Statt das zehnte T-Shirt einer Modemarke zu kaufen, von der man nicht weiß, wo und unter welchen Bedingungen sie produziert, macht man es lieber selbst und weiß so, wie es hergestellt wurde. Und der Umstand, dass man zum Einkaufen statt einer Einweg-Plastiktüte auch eine Mehrweg-Stofftasche verwenden kann, ist in Amerika kein alter Hut, sondern tatsächlich eine nahezu revolutionäre Idee. Belächelte "Strick-Blogger" Vor allem junge, Technik-affine Menschen sind Teil dieser Öko-Bewegung, die bewussten Konsum propagiert. Und nur durch die Verbindung mit dem Internet konnte diese Bewegung derart wachsen: Schon 2005 wurde das Internetkaufhaus für Selbstgemachtes etsy gegründet. Seitdem ist das Startup-Unternehmen rasant groß geworden, auf der Plattform haben mittlerweile mehr als 100 000 Verkäufer eigene Shops eröffnet, in denen sie selbstgemachten Schmuck, Kleidung oder Kosmetik anbieten. Im Verlag des Internet-Pioniers Tim O'Reilly erscheinen Zeitschriften wie Make und Craft mit Bastelanleitungen für digitale Mikroskope bis hin zu Strickmustern für Schals. Und als vor gut einem Jahr die Beta-Version der Strick-Community "Ravelry" online ging, waren die Einladungen zur Beta-Test-Phase so begehrt, dass manche User Monate auf eine solche Test-Mitgliedschaft warten mussten. Dabei ist das Prinzip der Community nicht besonders aufregend: Man kann dort seine Projekte ordnen, eine Bücherliste erstellen und Kontakte mit anderen Usern knüpfen.

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Illustration: Julia Schubert

Die Lust am Selbermachen ist - zumindest in Amerika - im Internet angekommen und wäre als Trend ohne das Internet gar nicht erst möglich gewesen. In Deutschland dagegen sieht es immer noch ein wenig anders aus. Der Trend zur Handarbeit scheint hier immer noch fast ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden. Kaum einer, der sich nicht näher mit dem Thema beschäftigt, ahnt, dass es viele deutschsprachige Blogs zu diesem Thema gibt. Im dominierenden Teil der Blogosphäre, also in den eher selbstreferenziellen Technik- und Medien-Blogs wird abfällig von "Strick-Bloggerinnen" gesprochen, wenn es darum geht, zu erklären, warum Frauen zwar über die Hälfte aller Blogs betreiben, aber nur selten zu den relevanten Schreibern gezählt werden. Der 26-jährige Politik-Student Victor Wuthi-Udomlert aus Thailand lebt in München und kennt dieses Phänomen: "Meiner Meinung nach sind die USA neuen Trends gegenüber viel offener. Deutschland dagegen zögert gerne ein bisschen, neue Trends mit offenen Armen zu empfangen und zu akzeptieren." Er selbst hat erst mit dem Stricken begonnen, als er vor einigen Jahren zum Studieren nach Deutschland kam. Mittlerweile hat er in einer Strickgruppe, die sich jeden Sonntag in München trifft, ein Zuhause gefunden. Dass diese Gruppe zu einem großen Teil aus "Expats" besteht, aus englischsprachigen Ausländern in Deutschland, ist kaum verwunderlich. Auch seinen Blog, auf dem er über Projekte, aber auch von persönlichen Erlebnissen schreibt, verfasst er auf Englisch. Victor glaubt, dass es für die mangelnde Aufmerksamkeit verschiedene Gründe gibt: "In Deutschland ist man dem Internet gegenüber immer noch skeptisch. Außerdem begegnet man Handarbeiten gerne mit Vorurteilen. Man hört immer, dass Stricken Oma- oder Öko-Sache sei und langweilig. Dabei würde man, wenn man sich in Strickforen und Communities umsieht, erkennen, dass das eine sehr soziale Angelegenheit ist." Veraltetes Handarbeits-Image Während sich in Amerika Bastler und Schrauber zusammentun und nahezu wöchentlich auf sogenannten "Fairs" ihre Fertigkeiten herzeigen und sich mit anderen Bastlern austauschen, herrscht in Deutschland immer noch ein Bild aus den 80er Jahren vor. In Deutschland waren handwerkliche Fertigkeiten nie völlig ausgestorben, Handarbeit wird immer noch in den Schulen unterrichtet und Umweltschutz ist seit bald 30 Jahren ein wichtiges gesellschaftliches Thema; nur ist es in Deutschland noch nicht gelungen, dem "Selbermachen" ein reizvolleres Image zu verpassen. Wobei sich die Zeichen ändern. In Deutschland gibt es seit 2007 einen etsy-Klon namens DaWanda, der mit über 10 000 Verkäufern ziemlich erfolgreich läuft, nachdem die Gründer zu Beginn damit zu kämpfen hatten, dass altmodische Kunsthandwerker dort ihre Waren anbieten wollten und DaWanda ein verstaubtes Image aufzudrücken drohten. Vor allem junge Designer nutzen heute das Web-Kaufhaus, um Entwürfe zu zeigen und auf Anfrage anzufertigen. Und kürzlich reisten die Macherinnen von "Burda Style" nach Deutschland, um ihre Website auch hier bekannt zu machen. Pläne, das Projekt auf Deutsch zu übersetzen, gibt es jedoch nicht - der Markt sei nicht interessant genug. Noch nicht.

Text: christina-waechter - Illustration: Katharina Bitzl

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