Magazin-Vergleich: Flur vs. Balkon

Viele Magazine werden in München gemacht: Gute und schlechte, bekannte und unbekannte. Seit kurzem auch zwei, die man als ambitioniert bezeichnen kann: das Flur-Magazin und das Balkon-Magazin wollen eine Leserschaft erreichen, die den Namen Leserschaft verdient. In beiden Magazinen gibt es nämlich reichlich Text. Darüber hinaus unterscheiden sich die beiden nach Alltagsorten benannten Hefte allerdings sehr. Wir haben sie verglichen.
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Die Fakten Flur: 144 Seiten, mit hartem Umschlag, Schulheft-Größe, Preis: 8 Euro. Balkon: 127 Seiten, mit hartem Umschlag. Notizheft-Größe, Preis: 6,50 Euro Wo kriegt man’s? Flur: In jedem Buchladen über die ISBN-Nummer 3-929879-60-3 Balkon: Per Mail-Bestellung unter balkon@out1.de oder im so genannten ausgewählten Buchhandel, das sind die Buchläden Lehmkuhl (Leopoldstraße), Uni-Buchhandlung Heinrich Frank (Schellingstraße) und die BASIS-Buchhandlung (Adalbertstraße).

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Illustration: Julia Schubert

Das Cover Flur: Ein Bächlein im Wald, auf Vorder- und Rückseite des Magazins. Auf dem Titel dazu die Schrift „Flur Unorte & Utopien“ Balkon: Ein Notizzettel, auf dem mehrfach das Wort „Balkon“ gekritzelt ist, daneben in Druckschrift „provisorisch 2006“ Was bedeutet der Titel? Flur: Das wird - sympathsicherweise - nirgends erklärt. Jeder, der im Flur-Magazin blättert, darf sich also eine eigene Erklärung suchen. Leider besteht dabei eine nicht unerhebliche Gefahr, sich zu verlaufen. Balkon: „Balkon ist souverän. Balkon schwebt über der Stadt“, steht im Editorial – alles natürlich in Kleinbuchstaben. Diese Metapher wird aber – zum Glück – im Heftverlauf gegen den Themenschwerpunkt des Provisoriums eingetauscht. Worum geht’s? Flur: Das Editorial macht große, schwer verständliche Worte: Es geht um die „seltsame Klasse von Phänomenen, denen es nicht gelingt, unseren schnellen Blick einzufangen. Um Unorte und Undinge, Übergangs- und Zwischenzustände. Um die rätselhaften Zonen in der nächsten Umgebung und im Alltag. Um die B-Seiten unserer Gesellschaft, unserer Mitmenschen, des eigenen Denkens, bis hin zur merkwürdigsten aller merkwürdigen Gegenden, unsere Identität.“ Balkon: Um Geschichten aus der Stadt. Namenlose Museums-Besucher werden befragt und dürfen ihren Rundgang durch die Pinakotheken skizzieren. Dazu Ortsbeschreibungen vom Ostfriedhof und von der Blumenstraße und ein Interview mit den Trikont-Machern. Der beste Satz Flur: „Soweit der Text.“, Seite 81 Balkon: „Wörter und Redewendungen, die meine Mutter früher am Telefon benutzt hat: „Das können wir dann ja noch mal bekakeln“, ,das ist ja ein dolles Ding’, ,mein lieber Scholli’“. In der Hass-Liste von Tina Klopp (Seite 95). Wer macht’s? Flur: Die Favorit-Bar bzw. Menschen, die sich dort oft aufhalten. Verantwortlich zeichnet jedenfalls Lennart Laule, der Betreiber der Favorit-Bar. Balkon: Das Editorial ist von Lina Baur, Susanne Weyer-Menkhoff und Julian Doepp unterschrieben, letzterer ist auch an dem Indie-Lexikon sub-bavaria beteiligt. Wo trifft man die Macher? Flur: In der Favoritbar oder in den Kammerspielen. Balkon: Im Backstage oder in der Soziologie-Bibliothek Wer soll’s lesen? Flur: Menschen, die die Zeitschrift Lettre International für eine belanglose Nebenbei-Lektüre halten. Balkon: Menschen, die Gefallen finden an zahlreichen zu langen Sätzen und zusammengesetzten Substantive. Und Menschen, die gerne von oben auf die Dinge schauen. In dem Text über das ehemalige Verwaltungsgebäude an der Blumenstraße steht z.B. : „Die Feste finden hauptsächlich in den eigens dafür eingerichteten Club-Arealen statt, in der Registratur und früher auch im Funky Kitchen.“ München-Bezug Flur: Unterirdisch. Eigentlich ist Flur ein Kunstmagazin mit Überschwemmung. Zwanzig lange Seiten widmet das Heft den überfluteten Kellern „meines Freundes, des Theatermachers Holger Dreissig“. Der hat sein Atelier in der Au. Balkon: Ziemlich hoch. Viele Geschichten hängen an der Stadt, es gibt sogar eine Restaurantkritik. Kann man mitmachen? Flur: Lennart Laule sagt: „Theoretisch ist das natürlich immer drin. Bitte aber keine Texte blind verschicken. Anfragen gerne per Mail.“ Balkon: Julian Doepp sagt: „Wir sind dauernd auf der Suche nach neuen Texten, die wir gut finden. Allerdings geht es bei dem Magazin für uns nicht darum, etwas zu verdienen, deshalb können wir unseren Autoren (und uns selbst) kein Honorar zahlen. Wir freuen uns, wenn wir Texte von Leuten bekommen, die München aus einem ungewohnten, subjektiven Blickwinkel beschreiben, die sich eigenwillige Gedanken machen, die unbekannte Seiten der Stadt entdecken oder – das wird vielleicht ein Schwerpunkt der nächsten Ausgabe – vertraute Orte in der Stadt, die man schon gar nicht mehr beachtet, mit Selbsterlebtem füllen. Aber auch Erzählungen von jungen Münchner Autoren interessieren uns sehr.“ Was kommt als nächstes? Flur: Flurist Lenni sagt: „Wir arbeiten gerade an der nächsten Ausgabe. Zu deren Veröffentlichung im November wird es sicher auch Veranstaltungen geben. Näheres demnächst.“ Balkon: Balkonist Julian sagt: „Wir planen eine Balkon-Lesung Ende September in einer Kneipe unseres Vertrauens. Das nächste Heft erscheint, wenn wir wieder gute Texte gesammelt haben – es gibt also im Moment noch keinen festgelegten Termin.“ Fazit Flur: Ein schweres, denkendes Heft, nach dessen Lektüre man sich fühlt, wie nach einem Gang durch einen langen schlecht beleuchteten Flur. Balkon: Ein schönes, kleines Heftchen, das interessante, neue Blicke auf die Stadt wirft. Verhält sich zu bekannten Magazinen wie Urlaub auf dem eigenen Balkon zu einer Pauschalreise. Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die dienstags im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint. dirk-vongehlen und

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