jetzt.de: Maximilian ist ja für asiatische Zungen recht schwierig auszusprechen. Wie nennen dich zum Beispiel deine chinesischen Fans? Maximilian Hecker: Stimmt, dort werden die meisten westlichen Namen dem Klang chinesischer Wörter angeglichen. Mich nennen sie "Mai-Si-Mi-Lan". Der Name ist mittlerweile unter asiatischen Popfans sehr geläufig. Wie ist es dazu gekommen? Vor einigen Jahren kamen Anfragen von verschiedenen Plattenfirmen aus Asien, die über das Internet auf mich aufmerksam geworden waren und mich unter Vertrag nehmen wollten. Hinzu kam, dass ich 2004 eine Welttournee mit dem Goethe-Institut gemacht habe. Die suchten damals junge Künstler für eine Auslandstour, die als "Botschafter" nach Asien fahren sollten, um dort junge deutsche Kultur vorzustellen. Am Schluss entschieden sie sich für Barbara Morgenstern und mich.

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Seitdem bist du einmal im Jahr für einige Wochen auf Asientour. In welchen Ländern kennt man dich denn? In Südkorea, Taiwan, China und Hongkong. Außerdem verhandele ich momentan noch mit einer japanischen Plattenfirma. Seit Januar habe ich in Europa wieder ein neues Label, davor hatte ich hier ja ein Jahr lang gar keinen Vertrag.V2, meine frühere Plattenfirma, wurde an Universal verkauft, die mich damals aber nicht übernehmen wollten. Mein neues Album "One Day", das jetzt im März erscheint, ist in Asien schon seit einigen Monaten auf dem Markt. Dort bin ich deutlich bekannter als hier. Erzähl mal. Als ich Anfang 2004 das erste Mal in Seoul auftrat, wurden meine CDs dort bereits in den Plattenläden verkauft. Vor der Bühne standen dann schon "echte Fans". Danach ging alles ganz schnell: Taiwan, Hongkong und später das chinesische Festland. Hier in Europa bin ich ja ein Independent-Künstler. In Asien werde ich dagegen als "Popstar" behandelt oder jedenfalls so, wie man es sich den Klischees nach vorstellt. Zum Beispiel, dass kreischende Mädchen in deinem Publikum sind? Zum Beispiel. Eben hingebungsvolle, oft auch hysterische Fans, stundenlange Autogrammtermine, Dinge, die ich aus Europa so nicht kenne. Zu meinen Konzerten in Shanghai oder Taipei kommen bis zu tausend Leute, in Europa sind es viel weniger. Ein paar meiner Songs wurden für TV-Spots verwendet. Seit ich Interviews im Fernsehen gegeben habe, erkennen mich auch manchmal Leute auf der Straße wieder.

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Publikum bei einem Konzert in China Gefällt dir das? Die Fans in Asien nehmen mich als Idol und als Projektionsfläche wahr. Das ist verführerisch, gleichzeitig aber auch verzwickt. Man erwartet von mir, weise Antworten auf große Fragen geben zu können. Ich bekomme viele persönliche Briefe, häufig von sehr jungen Mädchen, teilweise in gebrochenem Englisch, es sind sehr traurige Briefe, einige erzählen mir von familiären Problemen, von Selbstmordgedanken, und wie meine Lieder ihnen Halt geben.


Wie erklärst du es dir, dass besonders Menschen in Asien sich von deiner Musik angesprochen fühlen? Ich glaube, die Leute in Asien verstehen mich. Ich fühle mich im Alltag vielen Zwängen ausgesetzt, verhalte mich häufig nüchtern, manchmal verklemmt. Das erhöht nicht gerade meine Lebensqualität, im Gegenteil. Ich versuche, meine Emotionen so gut wie möglich aus dem Alltag fernzuhalten . . . . . . was ja häufig von Asiaten behauptet wird. . . . das ist auch mein Eindruck. Ich glaube, dass man in Asien lernt, mit seinen Gefühlen hauszuhalten. In bestimmten Situationen, im Rahmen von Feiern, im engen Kreis der Familie oder unter Freunden zeigt man seine tiefen Emotionen allerdings umso stärker. Auch auf Popkonzerten werden sie intensiver als im Westen ausgelebt. Mein Charakter ist der asiatischen Mentalität in der Hinsicht sehr nahe. Ich brauche die Musik, um meine eigenen Gefühle wahrzunehmen.

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Autogrammstunde in der chinesischen Großstadt Guangzhou Deine Lieder handeln von einem sehr hohen Ideal von Liebe. Manche bezeichnen deine Musik als Kitsch. Hierzulande finden die Leute sie soft, weiblich, schnulzig und tendenziell uncool. Ich bekenne mich in meinen Liedern zu einer paradiesischen Vorstellung von Liebe und Erlösung, die wahrscheinlich nicht viel mit der Realität zu tun hat. Das ist ein sehr radikales Bekenntnis. Sind wir in Europa zu abgeklärt? Hier wird so etwas belächelt. In Deutschland kriege ich häufig zu hören: "Das meint der ironisch, der will uns doch veräppeln etc." Und? Nein, ich meine das nicht ironisch. Nie. Insofern habe ich es in Asien leichter, weil man mich akzeptiert, wie ich bin und weil man nicht gleich alles in popkulturelle Schubladen schiebt. Meine asiatischen Fans gehen zum Glück kaum intellektuell mit Popmusik um, sie nehmen sie einfach intuitiv, eins zu eins, auf. In Asien machen romantische Liebesballaden bestimmt 70 bis 80 Prozent aller Popmusik aus. Hast du dich in Asien fremd gefühlt? Die Leute, die ich hauptsächlich in Asien getroffen habe, waren junge Großstädter, die in vielen Aspekten sehr westlich denken. Trotzdem war es schwierig, sich zu verständigen. Manche Probleme wurden verschwiegen, stattdessen einigte man sich darauf, zwischen den Zeilen zu lesen. Es kam zum Beispiel vor, dass mir Konzertveranstalter versichert hatten: "Die Technik und das Equipment stehen", vor Ort fanden wir aber nichts vor. Dass manche Dinge anders laufen, als offen ausgesprochen wird, konnte ich als europäischer Tölpel natürlich nicht wissen. Du hast bereits im April wieder Konzerttermine in Peking und Tokio. Hast du schon mal daran gedacht, eine asiatische Sprache zu lernen? Eine Zeitlang habe ich daheim versucht, mir Mandarin mit einem Langenscheidt-Sprachkurs beizubringen. Bisher kann ich aber nur ein paar einfache Sätze wie: "Ich habe keine Freundin". Das kommt auf Konzerten in China immer gut an. Das Album "One Day" erscheint am 27. März bei Louisville Records.