Mama mia! Wenn die unverhoffte Schwangerschaft alle Pläne kreuzt

Selten gab es so viele Diskussionen über Mutter sein und Kinder kriegen wie in diesem Jahr. Aber wie verändert ein Kind das Leben? jetzt.de hat mit Sarah, 18, Franzi, 19, Claudia, 22, und Angie, 22, darüber gesprochen, wie sie schwanger wurden und was danach passierte. Die Frauen treffen sich regelmäßig bei pro familia in Augsburg. Dort betreut die Sozialpädagogin Elke Gropper „Mama Mia“, eine Gruppe, in der sich minderjährige und jugendliche Schwangere und Mütter austauschen und voneinander lernen.
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Wie war der Moment, in dem ihr erfahren habt, dass ihr schwanger seid? Franzi: Scheiße. Claudia: Ich dachte: „Oh Gott, ich will eine rauchen.“ Franzi: Die Frauenärztin meinte: Herzlichen Glückwunsch, das war ein Volltreffer! Ich musste mich erstmal hinlegen. Angie: Wenn es nicht geplant war, denkt man tatsächlich nur: Scheiße!

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Illustration: Julia Schubert

Sarah mit Lucillia, Franzi mit Luca und Claudia mit Charlotte. Auf dem Bild auf der Startseite ist außerdem Elke Gropper zu sehen. Angie und ihr Sohn Keanu sind nicht zu sehen. (Alle Bilder sind von Lisa Miletic) Kennt ihr Leute, die in eurem Alter geplant ein Kind bekommen? Sarah: Von meinem Cousin die Freundin. Sie ist 17, war schwanger und hatte ihr Kind verloren. Danach wollte sie wieder eines – und hat es jetzt. Claudia: In der Krabbelgruppe habe ich eine 26-Jährige getroffen. Die hat erzählt, dass ihr erstes Kind geplant war. „Was?“, haben die anderen entgegnet. „Mit 26 ein Kind? Boah, wie früh!“ Darauf habe ich gesagt: „Entschuldigung, das ist doch ein super Alter!“ Wie haben eure Eltern reagiert? Angie:Meinem Papa ist es nicht so geheuer, wenn er als Opa angesprochen wird. Er ist erst 40. Elke Gropper: Das heißt, er ist auch mit 18 Vater geworden. Angie: Deswegen haben mir meine Eltern auch keine Vorwürfe gemacht. Sarah: Der Freund meiner Mutter ist 19 Jahre älter als sie. Er sagte, das könne er nicht mitmachen. Er fühle sich zu alt für Baby-Geschrei. Wir sind ausgezogen. Du und dein Kind? Sarah: Ich war noch schwanger und bin mit meiner Mutter und meinen Geschwistern ausgezogen. Jetzt aber wohne ich mit meinem Freund zusammen. Seid ihr noch alle mit den Vätern eurer Kinder zusammen? Franzi (schüttelt den Kopf): Es gibt immer nur die Extreme. Entweder, alles ist toll und ich wohne mit meinem Partner zusammen Sarah: Sooo toll ist das aber nicht! (Gelächter) Gropper: Oder, das ist das andere Extrem, dass der Kontakt nur noch übers Jugendamt läuft. Bei ganz jungen Eltern gibt es selten die Lösung, dass beide Seiten sich das Sorgerecht teilen. Was bespricht man zuerst mit dem Vater, wenn klar ist, dass ein Kind kommt? Claudia: Mein Freund und ich sind beide Scheidungskinder und haben uns vorgenommen, dass wir, auch wenn wir uns trennen würden, halbwegs neutral mit unseren Kinder umgehen. Auch wenn das leichter gesagt als getan ist. Fühlt man sich anders, wenn es jemanden gibt, der nur wegen einem selbst auf der Welt ist? Claudia: Im Volleyball oder im Studium reden alle über die Schulzeit und übers Weggehen. Es ist ja eigentlich nicht lange her, aber mir kommt es so vor, als wäre das in einem anderen Leben passiert. Ich fühle mich steinalt. Sarah: Wenn ich mir meine alten Freunde anschaue, denke ich: Mann, sind die alle doof im Kopf. Die sind nicht reifer geworden. Claudia: Aber für die ist das, was wir jetzt erzählen, auch sterbenslangweilig. Vermisst ihr eure Vergangenheit? Franzi (nickt): Es ist dieses flexibel sein, das ich vermisse. Einfach nur shoppen und durch die Stadt laufen ohne zu fragen: „Luca, magst was trinken, Luca, magst was Essen?“ Ich kann mich nicht einfach mal gehen lassen. Mindestens einmal am Tag muss er raus, sonst kriegt der ’ne Krise. Ob es regnet, stürmt oder schneit: Raus! Und … (Luca taucht in dem Moment hinter Franzis Stuhl auf) Luca, magst Du was trinken? Wolltet ihr abtreiben? Sarah: Ja. Aber ich habe erst Ende des dritten Monats erfahren, dass ich schwanger bin. Gleich auf dem ersten Ultraschallbild habe ich die Hände und Füße gesehen. Sonst hätte ich’s abtreiben lassen. Aber … zu spät! Franzi: Ich habe schon nachgedacht. Hast Du mit deinem Freund darüber geredet? Franzi: Wir haben zusammen in einem Heim für Jugendliche gewohnt. Er ist in mein Zimmer gekommen und meinte: „Und?“ Und ich: „Verdammte Scheiße, ich bin schwanger!“ Er darauf: „Boah, toll!“ Und ich habe nur gesagt: „Halt’s Maul!“ und habe die Tür zugemacht. Ich war da schon ziemlich entschlossen, abzutreiben. Dann hat meine Mama gesagt, ich müsse erst zu pro familia. Als ich hier war, habe ich über alles nochmal nachgedacht. Wenn ich es sofort, nachdem ich es erfahren hatte, im nächsten Zimmer hätte wegmachen können, dann hätte ich es bestimmt gemacht. Ich habe gedacht: ICH, SCHAFFE, DAS, NIE! Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich die Kraft dazu habe. Ich war ja auch zufrieden mit meinem Leben. Ich habe Freunde gehabt, ich war nächtelang weg. Spaß, Party, ich war (sie lacht) auf dem Höhepunkt meines Lebens! (lacht weiter, die anderen auch, langes Gelächter). Ja, oder meiner Jugend eben. Und dann auf einmal: DU BIST SCHWANGER! Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.


Habt ihr den Eindruck, dass immer mehr Teenager, gerade an der Hauptschule schwanger werden? Es heißt sogar, dass ein Kind für manche der Ersatz für eine fehlende berufliche Perspektive ist. Franzi: Die Schwester einer Freundin ist gerade 13. Die hat jetzt schon einen 17-jährigen Freund und erzählt, dass in ihrer Klasse ein Mädchen mit zwölf schwanger war und abgetrieben hat. In der Klasse einer anderen Freundin, sie ist 15, sind zwei Mädchen schwanger. Bei mir früher war das ganz anders. Ich war an drei Hauptschulen und ich kann mich nicht erinnern, dass zu meiner Zeit an irgendeiner dieser Schulen eine schwanger war. Nie! Claudia: Ich denke auch, dass das stimmt. Franzi: Immer mehr junge Mütter denken: Ich habe keinen Bock, was zu tun. Schule ist eh scheiße, Abschluss schaffe ich eh nicht – mach’ ich halt ein Kind. Gropper: Gut, wir hatten hier auch 15-Jährige von der Hauptschule. Und sicher gibt es Studien, die Tendenzen aufzeigen. Aber ich arbeite nun seit drei Jahren mit jugendlichen Müttern und jede Einzelne hat eine ganz eigene Geschichte. Daraus einen allgemeingültigen Schluss zu ziehen, ist schwierig.

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Illustration: Julia Schubert

Wie seid ihr schwanger geworden? Angie: Ich hatte drei Wochen Antibiotika genommen und zack! Claudia: Es war nach dem Abitur, ich war gerade von einem Jahr in Frankreich zurückgekommen, hatte eh meine Tage und dachte, das geht schon, aber … Gropper: Wahrscheinlich habt ihr früher Bravo gelesen und gedacht... Sarah: ... sind die blöd! (Gelächter) Claudia: Je länger man die Pille nimmt, desto weniger glaubt man, dass etwas passiert. Als ich damit angefangen habe, hatte ich noch richtig Angst, schwanger zu werden! Aber mit der Zeit … Haben euch die Jungs das Verhüten überlassen? Claudia: Es war eher so: Ich wollte kein Kondom, er wollte kein Kondom und dann haben wir uns darauf geeinigt, dass ich jetzt nicht schwanger werden kann. Was ist das Schöne am Muttersein? Claudia: Dass ich jetzt schon weiß, dass mein Leben nicht ganz umsonst gewesen sein wird. Und dass ich die Entscheidung jetzt nicht mehr treffen muss, wann ich ein Kind kriege! Eine Freundin meinte, als sie von der Schwangerschaft erfuhr: „Aber du weißt doch gar nicht, ob du den Mann für immer liebst!“ Ich glaube, die Frage kann man nie beantworten. Franzi, was ist für dich das Schöne? Franzi (überlegt lange): Jaaa … zu sehen, wie er aufwächst, wenn er sagt „Mama“ und – ich bin nicht so allein. Du klingst mitgenommen. Franzi (leise): Ja. Gropper: Man muss aber sagen, dass du gerade aus einer Phase kommst, in der dir drei Tage kotze-elend war und du mit Luca alleine warst. An anderen Tagen kommst du hier rein und strahlst und findest es toll, Mutter zu sein. Franzi: Ja, aber manchmal gibt es Tage, da schmeißt er die Zahnbürste ins Klo, dann geht er wieder raus und räumt den kompletten Kühlschrank aus und schüttet die Sahne im ganzen Zimmer rum. Und wenn das dann mehrmals am Tag passiert, wird man echt … aargh! Wie wohnst du im Moment? Franzi: Allein. Mit ihm. Angie: Das ist aber auch sauschwierig. Es ist schon echt gut, wenn man seine Eltern in der Nähe hat. Franzi: Ja, dass sie nur einen Moment aufpassen, nur fünf Minuten! Wo wohnt deine Mutter? Franzi: Schon im Stadtgebiet, aber es ist eine endlose Fahrerei zu ihr. Und dann hat sie halt auch noch ’nen hammerharten Job, in dem sie jeden Tag von acht bis 19 Uhr arbeitet. (Pause) Ohne meine Mama hätte ich das nie geschafft. Sie ist mir echt die wichtigste Unterstützung. Sarah: Am Anfang hat meine Mutter immer auf Lucillia aufgepasst, als ich noch in der Schule war. Seit sie aber gehört hat, dass ich die Schule abgebrochen habe, war der Kontakt anders. Ich kann sie auch verstehen – sie hat sich zu der Zeit ständig um einen Job bemüht. Sonst hab’ ich zum Aufpassen nur meine Freundin. Und seit neuestem meine Oma! Fehlt dir der Rückhalt der Familie? Sarah: Ja. Am Anfang war er schon da. Jetzt irgendwie nicht mehr so, weil ich ausgezogen bin. Aber ich denke, das renkt sich wieder ein. Und: Ich schaffe das auch alleine. Ist „Mutter“ sein ein Beruf? Claudia: Hm. Ja und Nein. Ich finde es körperlich nicht so anstrengend. Es geht halt nur auf die Nerven. Gropper: Wenn hier jetzt Mütter im Alter von 35 Jahren sitzen würden – denen geht das ganz anders an die Substanz, wenn die nachts nicht schlafen. Wenig Schlaf ist für euch ja kaum ein Thema. Franzi: Es wird erst schlimm, wenn ich keinen Schlaf mehr bekomme oder wenn ich, was selten vorkommt, lange weggehen kann. Dann komme ich heim und denke: Oh scheiße, Franzi: Zwei Stunden hast Du noch! (Gelächter) Dann wacht er wieder auf. (Pause) Und das ist schon auch sehr schön. Fotos: Lisa Miletic +++ "Mama Mia" in Augsburg ist eine von wenigen Gruppen, in denen sich minderjährige und jugendliche Schwangere und Mütter austauschen. Für Interessierte hier der Link dorthin: profamilia-augsburg.de.

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