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Wie geht es Ihnen? Judith Holofernes: Sehr gut, bis auf eines: Ich muss aufpassen, dass ich nicht einschlafe. Raubt Ihnen ihr vier Monate alter Sohn Friedrich die Nachtruhe? Genau so ist es. Im Titellied „Soundso“ des neuen Albums heißt es: „Du bist uns so einer“. Sagen das Eltern zu ihren Kindern? Ja, komischer Weise stimmt das. Es geht im Lied aber eher darum, dass man von den Eltern dauernd auf etwas festgelegt wird und die Eltern viele Erwartungen an einen haben. Was ändert sich alles mit einem Kind? Irgendwie alles. So als würde sich die Farbe von allem ändern. Pola und ich fanden es sehr schön, dass nach ein paar Wochen des totalen Ausnahmezustandes Sachen wieder hochkommen, die vorher das eigene Leben ausgemacht haben. Es ist schön zu merken, dass es wieder eine Selbstverständlichkeit von Alltagsleben gibt – und zwar mit Kind. Das Kind bereichert das Leben, stellt es aber nicht komplett auf den Kopf. Ein Kind macht aber viel verwundbarer, denn es ist die größte Liebe, die in deinem Leben einschlagen kann. Das ist wie dem Monster seine Kehle anzubieten und zu sagen: Alles klar Vergänglichkeit, streck mich nieder. Was ist inspirierender: Schwangerschaft oder Elternschaft? Wenn man den zeitlichen Aspekt betrachtet, auf alle Fälle Schwangerschaft. Ich könnte inspiriert sein, wie ich wollte, ich würde nur ein „Bonk“ hervorbringen, wenn meine Stirn auf den Schreibtisch kracht, weil ich so müde bin. Wie läuft das denn jetzt auf den Festivals ab, mit Kind? Da Friedrich das erste Kind in der Band ist, wird er der Testballon sein. Wir sind 18 Leute im Tourbus, ich hoffe, dass uns im Laufe der Zeit der eine oder andere Zuwachs bereichern wird. Wir werden aber generell weniger touren. 15 statt 40 Festivals genügen auch. Und wir werden einen schönen umgebauten Babybus mitsamt einer Freundin dabei haben, die sich mit um Friedrich kümmert. Das Lied „Kaputt“ handelt von Kindern aus misslichen Verhältnissen . . . Ich habe mehrere Freunde, die ein schillernder Beweis dafür sind, wie gesund man aus extrem ungesunden Verhältnissen hervorgehen kann. Das hat mich zu dem Lied inspiriert. Wo fangen missliche Verhältnisse an? Wenn ein Kind nach der Schule sich alleine eine Fertigpizza macht und die Playstation bis zum Abend brummt? Das kann ein Kind kaputt machen. Das Wichtige für mich ist, dass die Liebe irgendwo herkommt. Am besten von den Eltern, wobei auch eine Tante hilfreich ist. Ich bin überzeugt, dass es viele Konstellationen gibt, in denen Kinder glücklich aufwachsen können. Die größte negative Kraft ist für mich, wenn ein Leiden von Generation zu Generation weiter getragen wird. Ein Unglücklichsein, das nicht ausgesprochen wird. Wenn das an Kindern ausgetragen wird, ist es schlimm. Es gibt viele Leute, die es trotzdem schaffen, eine Widerstandskraft zu entwickeln. Teilweise sind die dann wie Schwämme, die es schaffen, zwischen den Generationen etwas aufzuräumen. Das erste Lied heißt „Ode an die Arbeit“. Was wollten Sie als Kind werden? Ehrlich gesagt? Ich wollte nichts werden. Alle um mich herum hatten Visionen, aber ich wollte nicht arbeiten. In gewisser Weise habe ich das ja umgesetzt. Denn irgendwann kam die Leidenschaft für Musik und es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass ich diesen Weg gehen mag. Wobei es sich dabei auch um Arbeit handelt. Teilweise sogar um sehr harte Arbeit. Aber dennoch: Ich bin dem Kindheitstraum sehr nahe gekommen. Bei „The Geek“ könnte man an einen Highschool-Film denken, in dem der Brille tragende Schachspieler zum Kapitän der Footballmannschaft mutiert . . . Genau so ist es. Ich wollte die Assoziation zu Highschoolfilmen, in denen es immer einen Verlierer gibt, der am Ende unter Trara gerettet wird. Die Brille kommt runter und plötzlich ist er ein schillernder Paradiesvogel, der dadurch gerettet wird, dass er so ist wie alle anderen auch. Was wohl in den seltensten Fälle der Realität entspricht. Darum würde ich sagen: Brille auflassen, seltsam bleiben und sich die Daumen drücken, dass die Schulzeit nicht für alle die glücklichste Zeit ihres Lebens sein muss, sondern dass man sich später die Leute, mit denen man sich umgibt, freiwillig aussuchen kann – und sich Leute mit Brille und seltsamen Interessen suchen kann und so die Welt bereichert. Am 1. und 3. Juni spielen Wir sind Helden bei Rock im Park und Rock am Ring. Das neue Album "Soundso" erscheint am 25. Mai. Foto: Emi