"Man wird schnell genug alt"

Michelle Barthel spielt die Hauptrolle in der Romanverfilmung von Juli Zehs "Spieltrieb", die kommende Woche ins Kino kommt. Ein Gespräch über Filmen als Pausenfüller nach dem Abitur und das Warten auf die erste Sexszene.
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jetzt.de: Viele wollen sich nach dem Abitur erst einmal selbst finden, verreisen, entspannen. Bei dir begannen sofort die Dreharbeiten. Hast du diese freie Zeit vermisst?  
Michelle: Nein, ich fand das überhaupt nicht schlimm – die Dreharbeiten haben mich abgeholt. Nach dem Abitur fragt man sich ja: Was willst du machen? Was berührt dich? Ich habe mich das auch gefragt, aber ich bin gar nicht ins Schwimmen gekommen, dieses „Oh Gott wie geht es jetzt weiter“, hatte ich durch den Film gar nicht. Aber es war schon etwas absurd: Ich hatte meine letzte mündliche Abi-Prüfung morgens um halb acht. Danach bin ich direkt nach München geflogen, mein Ergebnis konnte ich nicht mehr abwarten.      

Du hast mit 17 den Deutschen Fernsehpreis gewonnen, schon während der Schulzeit viel gedreht, warst mehrmals im „Tatort“ zu sehen. Trotzdem hast du früher gesagt, du willst Lehrerin, Mutter oder Journalistin werden. Was sagst du heute?  
Schauspielerin. im Moment ist es das, was ich am liebsten tue. Ich habe auch einmal kurz vor einer Matheklausur überlegt, mein Abitur nicht zu machen. Ich dachte, ich hätte ja jetzt das gefunden, was ich gern mache. Aber den Plan hab ich ganz schnell verworfen. Klar, ich musste Spanischbücher im Zug lesen, oder abends noch schnell vom Dreh nach Hause fahren, um die Klausur am nächsten Morgen nicht zu verpassen. Aber ich möchte die Freiheit haben, später auch Architektur oder Kunstgeschichte zu studieren, wenn ich dazu Lust habe. Dazu braucht man eben Abitur.  

In deinem neuen Film buhlen die Mitschülerinnen um den Hauptprotagonisten Alev. Du warst selbst auf einem katholischen Mädchengymnasium. Gab es dort ein anderes Konkurrenzempfinden?  
Jungsgeschichten haben uns tatsächlich kaum im Schulalltag berührt. Rivalitäten im Sinne von „Wer ist die schönste?“, „Wer fasziniert die meisten Jungs?“ gab es nicht.      
Auch nicht unterschwellig?  
Jungs waren natürlich ein Thema, aber eher in der Freizeit. Man hat erzählt, dass man jemanden kennengelernt hat. Ich habe in einer Band gespielt, habe oft Freunde getroffen. Deswegen hab ich die Jungs, das Männliche in der Schule nicht vermisst.
      

Kannst du dich erinnern, als du dich das erste Mal erwachsen gefühlt hast?  
Als ich letztes Jahr alleine nach Berlin gezogen bin, ohne einen genauen Plan, ohne eine Struktur von Uni oder Schule – das war eine erwachsene Entscheidung, glaube ich.      

Warum wolltest du nach Berlin?  
Nach der Schule wollte ich ins kalte Wasser springen, versuchen, mich komplett selbst zu organisieren. Dabei hat es mich vorher eigentlich nie nach Berlin gezogen. Ich komme ja aus einem sehr behüteten Zuhause in Münster.      

Was ist dir dabei schwergefallen?  
Der fehlende Halt. Irgendwie begegnet man sich ja auch selbst. Niemand ist da, der mir sagt: Steh auf, geh zur Uni, lern das. Aber das ist auch eine Freiheit, die am Anfang weh tut und danach wunderschön ist. Zum Beispiel lerne ich gerade Französisch, und ich habe Lust, wieder zu tanzen, vielleicht Tango zu lernen. Und im Spätherbst beginnen die Vorsprechen für die Schauspielschulen, ich bereite die Tonka aus dem Stück „Jagdszenen aus Niederbayern“ vor. Bald fängt also das Bangen an.      

Hattest du auch überlegt, gar nicht zur Schauspielschule zu gehen?  
Ich habe viele Kollegen gefragt, und jeder erzählt einem etwas anderes. Viele sagen: „Mach das auf jeden Fall!“ Andere sagen: „Nein, dann zerstören die etwas in dir!“ Ich möchte auch Theater spielen können, dazu braucht man ein gewisses Handwerk. Und vor allem: Ich bin noch nicht fertig. Wenn ich momentan spiele, tue ich das aus einer Intuition, aus einem Gefühl, aus Erinnerungen. Ich möchte auch lernen, bestimmte Dinge zu schützen.      

Was meinst du damit?  
Im Moment beginne ich eine Szene und weiß nicht, wo sie mich hinführt. Es funktioniert, und ich habe auch das Vertrauen, dass es funktioniert. Wenn man aber das Handwerk lernt, weiß man genau, wie der Weg geht. Und ich finde es wichtig, in so einem Schutzraum Schule auch scheitern zu können. Da kann etwas in die Hose gehen und niemand wertet oder beurteilt das.      

Wie gehst du ansonsten mit Kritik um?  
Ich hatte Glück, ich habe noch keinen krassen Verriss erlebt. Aber Kritik geht nicht spurlos an mir vorbei. Früher war es häufiger so, dass ich gedacht habe, dass Kritiker oder Neider mich als Person schlecht finden. Aber es geht ja nur ums Spiel, die kennen mich ja nicht. Ich bin ja nicht nur Michelle, die Schauspielerin, sondern habe noch viele andere Leben.      

Aber es ist trotzdem nicht einfach, die Kritik komplett von sich fernzuhalten.  
Nein, das musste ich tatsächlich lernen. Schauspieler präsentieren etwas, es kommt von unserem Herzen. Manchen gefällt das nicht, weil es sie einfach nicht berührt hat. Das ist wichtig zu akzeptieren. Jeder hat einen anderen Geschmack, es gibt auch Filme, die mich nicht berühren. Wir werden „Spieltrieb“ in Schulen anschauen – ich bin gespannt, wie dort die Reaktionen sind.      

http://www.youtube.com/watch?v=FqzX9RQbYdE Der Trailer zu "Spieltrieb".

Gab es denn Momente, in denen du deine Schauspielkollegen angeschaut hast und dachtest: Das würde ich auch gerne können?  
Ich finde es jedes Mal faszinierend, anderen erfahrenen Schauspielern zuzuschauen. Ich hatte oft Szenen, zum Beispiel mit Ulrike Folkerts oder auch mit Jannik Schümann, wo ich dachte: Wahnsinn. Was für eine Präsenz, auf den Punkt genau.      

Was genau bewunderst du dann?  
Es ist nichts Technisches, sondern das Gefühl, das derjenige in mir auslöst. Es gibt diese Szene zwischen mir und Jannik in „Spieltrieb“, als klar ist, dass wir uns trennen, und er fragt: „Stimmt es, dass wir uns jetzt das letzte Mal sehen?“ Dieser Moment war wie ein Feuerwerk, ich konnte so stark fühlen, was er gerade empfindet.      

In dem Film spielst du deine erste Sexszene. Was ging dir durch den Kopf, als du im Bademantel auf den Dreh gewartet hast?  
Ganz kurz dachte ich: „Oh Gott, was tust du hier? Gleich muss der Bademantel weg.“ Aber das war’s dann auch.  
So leicht?  
Wir sind Menschen, jeder Mensch hat Sex. Und die Sexszene gehört zur Geschichte des Films. Klar, wenn Cut ist, wacht man zwischendurch mal aus seiner Rolle auf. Wir haben das dann humorvoll gelöst. Wir haben außerdem viel darüber gesprochen, was wir damit aussagen wollen. Das war wichtig, um den Kopf ausschalten zu können.    
 
War der Film für dich eine Möglichkeit, dich den Erwachsenenrollen zu nähern?  
Das ist ein ganz schmaler Grat, weil Ada eine Rolle ist, die in einem Kinderkörper steckt, aber alles andere als ein Kind ist. Das Gute ist: Ich bin sehr klein, ich kann noch sehr jung wirken. Das ist ein großer Vorteil, dadurch kam ich ja erst für die Rolle in Frage, weil ich über 18 war. Ich glaube, man wird sowieso schnell genug alt. Ich finde es deshalb gar nicht schlimm, noch eine Weile 15-jährige Mädchen zu spielen.     

„Spieltrieb“ kommt am 10. Oktober ins Kino.

Text: fiona-webersteinhaus - Foto: Concorde Filmverleih

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