Margas persönliche Mondlandung

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Sie ist fast ein Star im deutschsprachigen Internet: Marga, die 90-jährige Besitzerin des Weblogs marga1919.blogspot.com. Über 100 Netznutzer haben dort in den vergangenen zehn Tagen die Frage beantwortet, was das Internet eigentlich ist. Zu verdanken hat die Münchnerin den Ruhm ihrer Großnichte Susanne Schönhofer. Die hatte für den 90. Geburtstag von Marga eine Idee: Sie schenkte ihrer Großtante ein Blog samt Ausflug in die digitale Welt. jetzt.de: Ein Geschenk zum 90. Geburtstag muss man nicht alle Tage aussuchen, oder? Susanne: Das ist tatsächlich sehr schwierig. Was schenkt man einer 90-Jährigen, die schon alles erlebt hat, die Weltkriege und Weltwirtschaftskrisen überlebt hat? Dann erinnerte ich mich aber an eine Begegnung mit ihr, als ich ihr auf meinem MacBook Fotos zeigte. Sie war sofort begeistert von dem Design und interessierte sich sehr für den Rechner und die Technik, die dahinter steckt: „Was kann man denn damit machen?“ Ich hatte etwa 20 Bilder vorbereitet und dann fragte sie: „Kann ich nicht noch mehr Bilder sehen?“ und dann haben wir uns bestimmt 200 Fotos angeschaut und ich habe gemerkt, dass sie Interesse an Computern zu haben scheint. Sie fragte mich dann: „Was kann man mit dem Ding, denn noch machen?“ Das war im März diesen Jahres . . . jetzt.de: Und dann hast Du ihr das Internet gezeigt? Susanne: Nein, ich habe ihr gesagt, dass man Briefe schreiben kann, habe ihr dann mein Mailprogramm gezeigt und dann hat sie gefragt – und zwar auf bayerisch, meine Großtante wohnt in München – „Und was ist jetzt dieses WWW?“ Da ich damals aber keine Zeit hatte, weil wir nur auf der Durchreise nach dem Skiurlaub waren, dachte ich mir: Irgendwann muss ich ihr das Internet mal in Ruhe zeigen. jetzt.de: Da war der Geburtstag natürlich ein guter Anlass. Susanne: Genau. Und so kam die Idee, ihr ein Blog zu machen. Dadurch kann sie selber sehen, wie das Netz funktioniert. Also habe ich ein Blog aufgesetzt und weil ich selber auf Twitter aktiv bin, habe ich das dort erzählt.

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Illustration: Julia Schubert

Susanne, 31, und ihre Großtante Marga, 90. jetzt.de: . . . und auf einmal gibt es mehr als hundert Menschen, die deiner Großtante erklären, was das Internet ist . . . Susanne: Und in welch rührender Form! Da sind Metaphern, Fabeln und Gleichnisse dabei, technische Erklärungen und kleine Geschichten. So viele Menschen haben sich die Mühe gemacht, meiner 90-jährigen Großtante das Internet so verständlich wie möglich zu erklären. jetzt.de: Wie war das dann genau: Du bist zum Geburtstag nach München gefahren und hast ihr das Blog gezeigt? Susanne: Als ich an dem Tag zu ihr kam, habe ich gesagt: „Wir machen heute einen Ausflug.“ Das war ihr erst nicht so recht, weil sie Überraschungen eigentlich nicht so gern mag. Dann habe ich es aber aufgelöst und gesagt: „Es wird ein Ausflug ins Internet.“ Und den haben wir dann ganz langsam angefangen, weil sie zunächst die Sorge hatte: ,Das ist sicher nichts mehr für mich.‘ jetzt.de: Wo seid ihr losgegangen? Susanne: Wir sind erstmal auf die Seite von YouTube gegangen und ich habe sie gefragt, was sie hören möchte. Sie sagte: ,Ah, das gibt es da bestimmt nicht, das Lied ist viel zu alt.‘ jetzt.de: Aber ihr habt es gefunden? Susanne: Ja, es ging um das Lied „Hörst Du mein heimliches Rufen“ und so kam sie dann von einem zum anderen. Am Ende haben wir dann Ivan Rebroff und sein Wolgalied angehört. jetzt.de: Und dann seid ihr auf das Blog gekommen? Susanne: Ja. Ich zeigte ihr dann das Blog. Das fand sie super. Da ist ein altes Bild von ihr, das hat ihr sehr gefallen. jetzt.de: Gab es auch Probleme? Susanne: Schwierig war es für sie, die Verbindung herzustellen von dem Computer, der da vor ihr steht, zur Welt da draußen. Dass da Sachen oder Briefe reinkommen, hat sie erst nicht so verstanden. Deshalb habe ich auch währenddessen nochmal getwittert und den Leuten gesagt: Wer jetzt Lust hat, kann ihr zum Geburtstag gratulieren. So hat sie das dann auch verstanden. jetzt.de: Hat sie auch verstanden, dass sie eine kleine Berühmtheit im deutschen Internet geworden ist? Susanne: Schon, aber als bescheidene Frau ist sie ein bisschen verlegen geworden. Die ausgedruckten Kommentare haben sie dann letztendlich überzeugt. jetzt.de: Wie geht das Blog weiter? Susanne: Wir machen das zusammen. Sie selber will zwar nicht so gerne schreiben, weil sie sagt, das Aufsätze schreiben habe ihr schon in der Schule nicht gefallen. Aber der Plan ist, dass ich für sie schreibe. Wir telefonieren regelmäßig und ich fahre auch oft nach München und blogge dann, was sie mir erzählt . . . aber natürlich auch nicht alles. jetzt.de: Man kann ihr also noch weiter gratulieren und das Blog durch Beiträge mitgestalten, wenn man möchte? Susanne: Ja, klar und gerne sogar. Das Blog geht weiter. Ich bringe ihr alles ausgedruckt mit oder sende es per Post nach München. Sie selber hat keinen Internetanschluss. Nur wenn ich sie besuche, kommt sie auch ins Netz. jetzt.de: Du selbst bist recht aktiv im Netz. Wie hat sich der Ausflug für dich angefühlt? Susanne: Für mich war das eine persönliche Mondlandung. Oder sagen wir es anders: Ich war Zeuge der persönlichen Mondlandung meiner Großtante. Ich war vorher total nervös, weil ja auch schon so viele Menschen Anteil an der Idee genommen hatten. Und ich selber bin Lehrerin und hatte mir vorher überlegt: Wie bringst du einer 90-Jährigen das jetzt bei? Das war eine richtige Herausforderung. Danach war ich völlig fertig, aber sehr glücklich. jetzt.de: Würdest du anderen Menschen raten, ihren Großeltern auch einen solchen Ausflug zu schenken? Susanne: Auf jeden Fall. Obwohl es sehr anstrengend ist und man es vorsichtig angehen muss, ist es ein Erlebnis, das Internet auf diese Weise als etwas ganz Besonderes zu sehen. Für uns ist es ja ein selbstverständliches Medium und wir vergessen oft, wie unglaublich bereichernd es für unser Leben ist. Wenn man es aus einem ganz neuen Blickwinkel betrachtet, ist das schon beeindruckend. Das sieht man ja auch an den vielen Reaktionen der User: Es scheint ein dringendes Bedürfnis da zu sein, das Internet in all seiner Pracht anderen Menschen zu erklären. Deshalb empfehle ich es wirklich jedem.

Text: dirk-vongehlen - Foto: privat

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