"Mein Ich zerfiel in viele tausend Splitter"

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Die Betroffene: "Das ist schwer zu verstehen" Julia, 32, leidet an einer paranoiden Psychose seit sie 18 Jahre alt ist.

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Illustration: Julia Schubert

In der U-Bahn war es stickig und eng. Irgendwie richtig beklemmend. Ich fühlte mich nicht wohl. Hinter mir hörte ich ein menschliches Zischen. Schweiß strömte aus meinen Poren. Da flüsterten zwei. Aus den Augenwinkeln versuchte ich sie zu erkennen. Sie tuschelten, zischten und lästerten. Sie sprachen über mich! Ich begann zu zittern und blickte in die andere Richtung auf die Sitzplätze. Aber auch da saß ein Pärchen, das sich gegenseitig etwas ins Ohr flüsterte. Ein bisschen glaubte ich zu verstehen - sie sagten: "Schau mal die Dicke da", oder "Hässlich, die ist hässlich". Ich bekam Panik, ich wollte raus. Als die U-Bahn an der nächsten Station hielt, rannte an die Oberfläche. Ich war klitschnass geschwitzt. Ich wollte nach Hause. Sofort. Ich konnte nicht mehr. Die Panik schnürte mir die Kehle zu. Bis zu diesem Tag war eigentlich alles ganz normal. Ich war 18 und jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag unterwegs. Ständig war irgendwo eine Party, ich kannte viele Leute, denn ich bin immer ein kommunikativer Mensch gewesen. Kurz bevor es losging, war ich sogar wahnsinnig gut drauf. Ich hatte kaum geschlafen und war aufgedreht. Solche Phasen - das weiß ich heute - gehen einem Schub oft voraus. Was danach folgte, fällt mir immer noch sehr schwer zu beschreiben. Anfangs merkte ich noch, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich konnte aber nicht genau sagen, was es war. Ich reagierte sehr empfindlich auf Geräusche. Plötzlich war die Trambahn, die unter meinem Fenster vorbeifuhr unerträglich laut. Früher hatte sie mich nie gestört, jetzt konnte ich nur mit Ohropax schlafen, aber selbst dann hörte ich sie immer noch. Ich dachte mir: Das geht bald wieder vorbei. Doch es ging nicht vorbei. Stattdessen wuchs meine Angst. Ich fing an, alles um mich herum auf mich zu beziehen. Zu dieser Zeit lief im Radio oft "Dieser Weg wird kein leichter sein" von Xavier Naidoo. Ich war felsenfest überzeugt, dass jedes seiner Worte für mich bestimmt war! Irgendwann konnte ich keine U-Bahn mehr betreten. Das hat natürlich keine rationalen Gründe mehr, aber der Verstand schaltet sich nach und nach aus. Die Angst aber bleibt und wächst. In späteren Phasen ging diese Angst so weit, dass ich mich nicht von einem Stuhl auf den anderen setzen konnte. Gleichzeitig wurde mir mein eigener Körper fremd. Auch das ist schwer nachzuvollziehen für jemanden, der gesund ist. Meine Hand gehörte irgendwie nicht mehr zu mir. Sie war wie ein Ding, das zwar mit mir verbunden ist, aber mit meinem Ich nichts mehr zu tun hat. Das ist ein schreckliches Gefühl. Ich ging Joggen und duschte mehrmals am Tag, um das Gefühl für meinen Körper zurückzuerlangen. Es half nichts. Bei meinem dritten Schub - der stärkste bisher - zerfiel mein Ich in viele tausend Splitter. Das hat aber nichts mit dem zu tun, was man umgangssprachlich oft als "schizophren" bezeichnet. Ich habe mich nie für Napoleon oder jemand anderen gehalten. Ich konnte einfach nichts mehr tun. Ich saß tagelang in meinem Zimmer und war bewegungsunfähig. Erst Medikamente konnten mir helfen. Heute bin ich 32 Jahre alt. Der letzte Schub ist drei Jahre her. Aber es kann jederzeit ein neuer kommen. Ich habe mich damit abgefunden und mittlerweile geht es mir dank der richtigen Medikamente eigentlich sehr gut. Auf der nächsten Seite: Die Sicht der Freundin.


Die Freundin: "Ich kann einfach nichts für Julia tun" Andrea, 40, lebte mit Julia mehrere Jahre in einer WG.

Als Julia bei uns in der WG einzog, wusste ich nichts von ihrer Krankheit. Sie hat auch nichts davon gesagt. Sie sagte nur, dass sie einen Selbstmordversuch hinter sich habe und an Schlafstörungen leide. Depressionen sind in unserer Gesellschaft ja irgendwie anerkannter als Schizophrenie. Dass mit Julia etwas nicht stimmt, dämmerte mir erst mit der Zeit. Sie konnte sich einfach nicht an unseren Putzplan halten. Das war natürlich ärgerlich. Auch lag sie oft tagelang im Bett herum und wollte nicht aufstehen. Aber das sprach vor allem mein Mitleid an. Ich dachte mir: "Oh je, geht's der schlecht." Einmal sah ich sie dann im Wohnzimmer vor einer Dose Pillen sitzen. Die Tabletten waren nach Tagen sortiert und es waren wirklich sehr viele. Als ich Julia darauf ansprach, sagte sie wieder nichts von "Schizophrenie". Erst mit der Zeit erfuhr ich von der Diagnose. Julia schöpfte Vertrauen und erzählte mir mehr davon. Ich selbst bevorzuge mittlerweile den Ausdruck "psychisch krank". Die Symptome sind meiner Meinung nach auch zu vielfältig, um sie unter einen Begriff zu stopfen. Bei ihrem letzten Schub konnte sie tagelang ihr Zimmer nicht verlassen. Die Angst und Panik hatten sie regelrecht aufgefressen. Ab und zu bat sie mich, ihr Zigaretten zu holen. Sonst sprach sie nicht mit mir. Das Schlimmste für mich ist meine eigene Hilflosigkeit. Ich kann einfach nichts für Julia tun. Das einzige, was ihr hilft, sind die Medikamente, ohne die sie wahrscheinlich nicht mehr am Leben wäre. Gleichzeitig ist es erschreckend zu sehen, wie sehr dieses Zeug einen Menschen steuern kann. Bei Julia dreht sich eigentlich alles um die richtige Dosierung, die richtigen Psychopharmaka und die Nebenwirkungen. Die sind übrigens auch nicht gerade schön: Manche bekommen Pickel, andere nehmen schlagartig 50 Kilo zu. Manchmal ist Julia ganz normal. Wir sitzen am Tisch und essen zusammen. Dann sagt sie plötzlich, dass sie müde ist und schläft ein. Schlagartig, von einem Moment auf den anderen. Beim ersten Mal war das sehr irritierend. Oder die Sache mit dem U-Bahnfahren: Manchmal muss ich wahnsinnig lange auf sie warten, weil sie einfach nicht mit der U-Bahn fahren kann. In solchen Situationen erwische ich bei dem Gedanken: "Oh Mann, stell' Dich nicht so an und steig' einfach in die U-Bahn!" Trotzdem hat die Krankheit für mich ihren Schrecken verloren. Ich weiß, dass es zu ihr gehört und dass man trotzdem ein zwar sehr instabiles, aber doch glückliches Leben führen kann. Auf der nächsten Seite: Die Sicht der Ärztin.


Die Ärztin: "Stress kann ein Auslöser sein" Dr. Tatjana Reichert, 29, arbeitet mit Julia bei BASTA. Zusammen besuchen sie Schulklassen, in denen Julia von ihrer Krankheit erzählt.

Natürlich haben die Menschen in der U-Bahn nicht wirklich über Julia gesprochen. Das hat sie sich eingebildet. Bei einer paranoiden Psychose, wie Julia sie hat, ist das ein typisches Symptom. In der Fachsprache nennen wir das "Beziehungsidee". Das heißt, dass Julia Dinge und Menschen inklusive derer Äußerungen und Handlungen auf sich bezieht - im Extremfall sogar Lieder, die im Radio laufen. So etwas tritt zu Beginn der Erkrankung als vages Gefühl auf, steigert sich dann aber zu einem richtigen Verfolgungswahn. Als gesunder Mensch kann man sich kaum vorstellen, wie viel Angst das machen muss. Ich habe Julia vor drei Jahren kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon drei Krankheitsschübe hinter sich. Das Durchschnittsalter für das erste Auftreten einer Schizophrenie liegt bei 21 Jahren. Aber nur bei etwa 20 Prozent der Erkrankten bleibt das eine einmalige Sache. Die meisten von ihnen müssen ein Leben lang mit dieser Krankheit zurechtkommen. Die Ursachen dafür sind sehr komplex. Wir wissen, dass Stress auf jeden Fall ein Auslöser dafür sein kann. Das kann negativer Stress wie zum Beispiel Lernen für das Abitur sein, aber auch positiver Stress, zum Beispiel, wenn man verliebt ist. Hinzu kommt eine Vulnerabilität, also eine genetische Disposition. Auch Drogen, vor allem Cannabis, können eine schizophrene Psychose auslösen. Während eines Schubes entsteht ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn. Es kommt zu einem Verfolgungswahn, dem Hören von Stimmen, Schlafstörungen oder übersteigerter Geräuschempfindlichkeit. Vereinfacht kann man sagen: Im Gehirn gesunder Menschen werden Eindrücke zuvor gefiltert, so dass wir nicht alles gleich stark zu jeder Zeit wahrnehmen. Bei einer Schizophrenie wird dieser Filter plötzlich sehr durchlässig. Deshalb kam Julia auch alles so viel lauter als früher vor. Viele Betroffene beschreiben auch, dass Farben greller und Gerüche intensiver werden. Außerdem verändert sich die Selbstwahrnehmung: Viele Betroffene empfinden ihr Handeln und ihr Denken nicht mehr von sich selbst, sondern von fremden Mächten gelenkt. Schizophrenie bedeutet aber nicht die Aufsplitterung in mehrere Persönlichkeiten. Das ist ein Klischee, das so in Wirklichkeit nicht vorkommt. Julia hat ihr Leben dank der Medikamente mittlerweile relativ gut in den Griff bekommen. Die Psychopharmaka dämpfen viele Stressfaktoren ab, leider haben sie auch viele Nebenwirkungen. Trotzdem ist mit ihnen ein durchaus lebenswertes Leben möglich. Heilbar ist die Krankheit aber nicht. Für Julia wünsche ich mir einfach, dass ihre stabilen Phasen lange anhalten und sie so schnell nicht wieder einen Schub erleidet.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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