Mein Viertel gehört mir

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Rollkoffer rattern über den Asphalt, Lachen und Stimmengewirr liegt in der Luft. Neben Deutsch hört man englische und spanische Sprachfetzen, manchmal auch Schwedisch oder Französisch. Aus der ankommenden S-Bahn sind gerade wieder Dutzende junger Menschen ausgestiegen. Der Größe ihrer Gepäckstücke nach werden sie wohl nur wenige Tage bleiben, vielleicht auch nur übers Wochenende. Alle paar Minuten geht das hier so.



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An einem gewöhnlichen Freitagnachmittag an der Warschauer Brücke kann man gut beobachten, was es bedeutet, dass im Jahr drei mal so viele Touristen nach Berlin reisen, wie Menschen in der Stadt wohnen. Mit jeder S-Bahn kommt ein neuer Strom junger Berlin-Besucher, der sich hier auf der Warschauer Brücke teilt: Viele biegen nach rechts ab, Richtung Friedrichshain, einige nach links zur Station der U-Bahn-Linie 1, die sie nach Kreuzberg bringt. „A&O“, „Baxpax“ oder „36 Rooms“ – so oder ähnlich dürften die Ziele von vielen heißen. Denn auf beiden Seiten der Spree gibt es nicht nur viele Cafés, Bars und Clubs, sondern auch zahlreiche Hostels. Manchmal sind die Häuser sogar nur eine Straßenecke voneinander entfernt.

Doch nicht allen, die hier leben, sind die Besuchermassen willkommen. An Hauswände im Kreuzberger Wrangelkiez wurden Graffiti wie „Fuck Tourists“, „No more Rollkoffer“ oder „Touristen fisten“ gesprayt. An Straßenschildern und Bänken kleben Sticker mit dem Aufdruck „Berlin doesn't love you“. In Friedrichshain gab es vor wenigen Wochen einen Anschlag auf ein neu eröffnetes Hotel. Die Angreifer schlugen Fenster ein und beschmierten die Fassade mit schwarzer Farbe.

Den meisten, die hier leben, geht das zwar eindeutig zu weit, aber glücklich über die vielen Touristen scheinen sie oft auch nicht zu sein: Manche tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Du bist kein Berliner“. Und andere, wie Julia, artikulieren im Gespräch, dass sie sich genervt fühlen: „Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie im Zoo. Es sind einfach schon sehr viele Touristen“, sagt sie. Julia ist Studentin, Mitte 20, seit knapp fünf Jahren wohnt sie im Wrangelkiez. Seitdem sie hier hergezogen ist, hat sich das Viertel sehr verändert. Ein bisschen angesagt war der Wrangelkiez schon damals, aber es zogen noch kaum Touristen durch die Straßen. „Die Touris nerven ja nicht alle, aber die, die jeden angaffen, der ein paar Tätowierungen hat, die schon“, schränkt Julia ein. „Und am Ende steigen dann die Mieten, weil noch mehr Wohnungen zu Ferienappartements werden.“ Julia selbst hat einen alten Mietvertrag, aber Freunde von ihr hätten Probleme, hier im Kiez noch eine bezahlbare Wohnung zu finden, sagt sie. 

Wenn sie erzählt, klingt es ein bisschen so, als ob Touristen in Ordnung sind, so lange sie nur auf der Museumsinsel und am Potsdamer Platz herumspazieren. Darf sich jemand wie Julia beschweren, dass sie es nicht tun? Weil sie zuerst da war, das Viertel zuerst für sich entdeckt hat? Dürfen nicht auch andere Menschen den Kiez aufregend finden, für ein paar Tage in die Atmosphäre eintauchen wollen? Auch wenn das bedeutet, dass sich die Atmosphäre verändert, es lauter wird, die Mieten steigen? Hinter dem Ärger über die Touristen verbirgt sich die seit Jahren andauernde Gentrifizierungsdebatte – oder, wie es Jannek ausdrückt: „Der Tourist ist der neue Schwabe.“ Jannek hat mit zwei Freunden vor ein paar Monaten die Initiative „Hipster Antifa Neukölln“ gegründet. Sie wollten nicht mehr hinnehmen, dass einzelne Gruppen für problematische Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse in der Stadt pauschal verantwortlich gemacht werden, egal ob sich die Ablehnung nun gegen Schwaben, Yuppies, Hipster oder, wie in der letzten Zeit vor allem, gegen Touristen richtet. Auf ihrer Homepage und ihrer Facebook-Seite mit inzwischen über 2000 Fans dokumentieren sie die touristenfeindlichen Graffiti sowie verbale und körperliche Angriffe auf Touristen, Zugezogene und Hipster, von denen sie erfahren. Gerade entwickelt sich der Neuköllner Schillerkiez zum nächsten Szeneviertel. Seitdem dort nette Cafés und Galerien öffnen, die Hipster kommen und auch ab und zu ein Rollkoffer über die Straße rattert, beobachten sie, dass nun ebenfalls die Graffiti und Sticker auftauchen und die Ressentiments zunehmen. „Wir finden es gefährlich, dass sich die Gentrifizierungskritik bei einigen inzwischen sogar in Richtung Gewaltbereitschaft öffnet“, sagt Jannek. „Da braut sich was zusammen und darauf wollen wir aufmerksam machen.“

Auch in ihrem eigenen Freundeskreis gab es schon einen Vorfall gegen vermeintliche Touristen, der sie in der Notwendigkeit ihrer Initiative bestätigt hat: Janneks Mitstreiter Jonas erzählt von Freunden, die von einem Kumpel, der als Rikschafahrer arbeitet, durch den Görlitzer Park nach Hause gefahren wurden. „Erst wurden sie angepöbelt und als Scheiß-Touris beschimpft“, berichtet Jonas. „Am Ende wurden sie sogar mit Flaschen beworfen.“

2011 zählte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 9,9 Millionen Hauptstadt-Touristen, mehr als je zuvor. Sie lassen viel Geld im armen Berlin, der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. 130 000 Arbeitsplätze sind von ihm abhängig. Keinem Berliner dürfte es daher egal sein, falls es wieder weniger werden sollten, weil sich Besucher abgeschreckt fühlen von den spürbaren Ressentiments. Erst recht nicht Burkhard Kieker, dem Geschäftsführer von „Visit Berlin“ und damit Berlins oberster Touristenwerber.

Die Gefahr sieht Kieker allerdings noch lange nicht gegeben. Zum einen handele es sich um eine Minderheit, die etwas gegen die Touristen habe. „Die Welt ist zu Gast in der Stadt und die allermeisten Berliner freut das und sie fühlen sich geehrt“, sagt er. Zum anderen glaubt er nicht, dass die Ablehnung jemanden von einem Besuch abhalten könne: „Wenn ich in der Zeitung lese, dass in der Bronx wieder mehr Mülltonnen brennen, dann fahr ich ja auch trotzdem nach New York.“

Gleichzeitig sieht auch Kieker die Probleme, die durch den Tourismus entstehen. Etwa, dass Kreuzberger nachts kein Auge mehr zubekamen, als die Admiralsbrücke als Party-Hotspot im „Lonely Planet“ aufgetaucht war und massenweise feierfreudige Touristen anzog. Und dass ständig Miet- in Ferienwohnungen umgewandelt werden, Schätzungen zufolge gibt es inzwischen 12 000 bis 15 000 Ferienwohnungen in der Stadt. „Da muss etwas unternommen werden und wird auch.“ Die Admiralsbrücke etwa stehe nicht mehr als Partyempfehlung im Reiseführer, der Senat plane, das Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum wieder einzuführen.

Über ein Kreuzberger Café hieß es kürzlich in einem Zeitungsartikel, dort müssten Touristen 20 Prozent mehr als Gäste aus dem Viertel zahlen, die sich durch eine Kiezkarte als solche ausweisen können. Nachdem es Protest deswegen gab, dementierte die Besitzerin, es handele sich um einen Stammkundenrabatt. Ob er als tatsächlich als solcher gedacht war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Die hitzige Diskussion über den Preisaufschlag für Berlinbesucher zeigt aber, dass das Thema Touristen viele in der Stadt beschäftigt. Auch in anderen großen Städten werden Veränderungen kritisiert, die durch Tourismus entstehen – und doch hat man das Gefühl, dass die Debatte in Berlin besonders aufgeladen ist. Vielleicht, weil sich die Stadt im Vergleich so schnell wandelt und die Auswirkungen hier besonders spürbar sind. Vielleicht aber auch, weil Berlin immer noch und auf der ganzen Welt als cool, als ein authentischer Ort gilt und für viele deswegen ein bisschen wie die Lieblingsband ist, die auf einmal einen Riesenhit gelandet hat. Und die dann auch plötzlich Leute mögen, die man selbst nicht mag.

Text: juliane-frisse - Fotos: Juliane Frisse

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