Mit dem Nachtbus in die Politik - Teil 2

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Woher der Hunger? Ich würde sagen, dass vor allem mein Vater mich sensibilisiert hat. Ein sehr alter Vater, der vom Widerstand gegen Hitler geprägt war. Bei ihm war immer das Thema Courage präsent, weil er im Krieg mit Leuten zu tun hatte, die sich um Juden gekümmert haben. Er sagte: „Du darfst mit schlechten Noten nach Hause kommen, aber wenn ich höre, dass Du Deinem Lehrer nicht die Meinung gesagt hast, wenn der ungerecht zu anderen war, dann kriegst Du ein Problem mit mir!“ Er starb, als ich 14 war.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Vergangenes Jahr hat die Ehrlichkeit der Franzosen Jean-Pierre Raffarin den Job gekostet: Fast 55 Prozent der Franzosen stimmten in einem Referendum gegen die EU-Verfassung. Warst du entsetzt? Ich habe mit einem Nein gerechnet und bin trotzdem stinksauer, dass wir die Vorteile der Europäischen Verfassung nicht vermitteln konnten. Ich war ein großer Verfechter von Referenden. Die Bürger müssen abstimmen können. Aber dann habe ich aus der Regierungsperspektive die Schwierigkeiten erlebt, solch eine Debatte hin auf das eigentliche Thema zu steuern. Beim Referendum wurde leider mehr über Innenpolitik abgestimmt und nur bedingt über Europapolitik. War das Referendum das wichtigste Ereignis deiner Amtszeit? Es war der Tiefpunkt. Wenn das schief geht, das wussten wir, ist es auch für uns vorbei. Insofern war die Nacht, als diese Ergebnisse eintrudelten – wir waren alle versammelt beim Premierminister, 45 Berater mit ihren Frauen und Männern – eine sehr intensive, alkoholische Nacht, in der sofort die ersten Gerüchte aufkamen, dass wir wohl zügig unsere Kisten packen können. Als ich am nächsten Morgen ins Büro kam, standen dort Umzugskisten. Wir hatten 24 Stunden, um alles zu räumen. Wie funktioniert „beraten“? Raffarin hat sich vor allem gewünscht, dass ich mit einer nicht-französischen Perspektive die französische Politik berate. Er hat immer gesagt, ich sei sein „deutsches Auge“. Zum Beispiel soll in der Nationalversammlung der Beitritt der Türkei zur EU besprochen werden. Wie verhält sich Frankreich dazu? Dann weise ich darauf hin, dass wir die Debatte in Deutschland auch sehr intensiv führen und erkläre die deutsche Diskussion. Später fragt dann der Redenschreiber: „Hast Du noch ein paar Ideen für die Rede zur Türkei?“ Oder, ein anderes Beispielk, der Premier fragt in einer Arbeitssitzung: „Worum geht es in der Agenda 2010 von Gerhard Schröder? Christoph, ich brauche das bis morgen Mittag.“ Dazu musstest Du ein Dossier erstellen? Einerseits musste ich die Fakten und andererseits eine Einschätzung liefern. Dazu musst du, das war die goldene Regel, den kompliziertesten Sachverhalt auf eine Seite bringen. Die Agenda 2010 auf einer Seite? Ja. Da bekommst du den Schweissausbruch deines Lebens. Du wirst zur Recherche wahrscheinlich nicht Wikipedia aufgerufen haben. In der Position baust du schnell ein Informationsnetzwerk auf, mit dem du durch wenige Anrufe die Sachen beisammen hast. Du rufst einen Pressesprecher dort an, du rufst die Opposition an, du rufst beim Verband an, du rufst jemanden an, der dir vertraulich erzählt, wer die Idee eigentlich hatte und du rufst den Marketingexperten an, der dir sagt, ob die Agenda 2010 gut vermarktet ist. Du musst die Informationen schnell vernetzen und überlegen: Was ist für den Chef jetzt wichtig? Das ist eine der Standardaufgaben eines Beraters. Im Haus und in den französischen Ministerien wird den Beratern sehr gründlich zugearbeitet. Du durftest Aufgaben delegieren und in der Hierarchie über dir war fast nur noch der Premier. Ist es dir schwer gefallen, dich auf diese Arbeit einzustellen? Oh ja! Du arbeitest für den Premier, du sprichst für den Premier. Er muss sich zu 100 Prozent auf die Einschätzung seiner Berater verlassen können.Manchmal hat mich dieser Druck fast zugeschnürt! Du kannst jeden Moment einen Anruf kriegen: Das und das ist passiert, wir brauchen eine Einschätzung. Der und der ist gestorben, wir brauchen einen Nachruf. Viel arbeiten ist ja nicht das Problem, aber die Verantwortung und die panische Angst, es falsch gesagt oder empfohlen zu haben – das hat mich während der ganzen Zeit in Paris nie richtig losgelassen. Hat dir Raffarin geholfen? Ja. Ich hatte einen sehr angenehmen Kontakt zu ihm und er war immer sehr . . . schützend. Er hat gemerkt, dass das alles für mich am Anfang nicht so einfach war. >>Weiterlesen>> Wieso Macht wie eine Droge wirkt und was Christoph über die Studentenproteste in Frankreich denkt, erzählt er im dritten Teil des Interviews. >>Weiterlesen>> Foto: Sybille Fendt ------------ Zur besseren Lesbarkeit haben wir das Gespräch mit Christoph, das heute auch in der Süddeutschen Zeitung erscheint, in drei Teile geteilt: im ersten Teil erzählt der 29-Jährige, wie er zum jüngsten Berater des französischen Premierministers wurde. Was er dabei inhaltlich machen musste und wovor er am meisten Angst hatte, ist Thema das zweiten Teils des Gesprächs. Und im dritten Teil verrät Christoph, warum er das politische System in Deutschland spannender findet als das in Frankreich.

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