Mit dem Nachtbus in die Politik - Teil 3

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Wenn man dich reden hört. . . Du wirkst euphorisch. Hat dir der Druck eine Art Kick gegeben? Absolut. Das war es. Der Einfluss und das Umfeld der Macht kann wie eine Droge sein. Es kann passieren, dass ich dem Premier etwas vorschlage, und das steht dann am nächsten Tag in der Zeitung. Manchmal wird sogar ein Gesetz draus. Aber ich muss auch sagen: Alle hohen Beamten, die ich getroffen habe, glauben fest an bestimmte Dinge. Sie sind der festen Überzeugung, das Leben erträglicher zu machen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Was hast du bewegt? Es war für viele Dinge sicher nicht von Nachteil, dass ein Deutscher im Matignon saß. Einmal habe ich den Premier gefragt, ob er sich nicht vorstellen könne, aus symbolischen Gründen einen Teil einer Rede auf Deutsch zu halten. Er spricht heute kaum Deutsch, hatte das aber mal in der Schule. Er sagte: „Machen wir!“ Ich habe dann die Rede erarbeitet und bin sie immer wieder mit ihm durchgegangen, auch wegen der Betonung. Wenn dann am Ende ein Regierungschef vor den Kameras steht und der hat die Frechheit, auf Deutsch zu reden – das ist sensationell. Soviel zum Thema Droge: Da hast du kleiner Pimpf den Regierungschef dazu gebracht, dass er sich durch deutsche Sätze kämpft. Du bist 2005 vor den Bundestagswahlen zurück gekommen. Jetzt gibt es in Deutschland eine große Koalition. . . . . . die in Frankreich unvorstellbar ist. Jeder Franzose weiß von sich, ob er entweder links oder rechts ist. Die Jugendlichen wissen voneinander: Bist Du UMP (Union pour un Mouvement Populaire, Anm. d. Red.) oder PS (Parti Socialiste)? Die Lager sind getrennt und es gibt kein zwischendrin. Sind die französischen Jugendlichen politisch interessierter? Sie sind auf jeden Fall entschlossener in ihrem Urteil. Schau dir die Studentenproteste an. Die gehen mit einer ganz anderen Rage vor sich. Sind die Jugendlichen nun politischer oder einfach schmerzfreier? Vor allem, denke ich, glauben die französischen Jugendlichen an die Kraft ihrer Stimme. In die deutschen Studentenproteste in diesem Frühjahr sollte dieser Glaube, diese Energie reingetragen werden. Die Veranstalter warben mit „Amelie – die fabelhafte Welt des Widerstands“. Die französischen Studenten wirken entschlossener, weil in Frankreich der Feind besser zu erkennen ist. Es geht um Paris und einen Minister. Ich als deutscher Student weiß gar nicht: Bin ich jetzt auf Wowi sauer oder, warte mal, Schavan? Ach, die hat ja damit gar nichts zu tun. In Frankreich ist das ganz klar: Villepin kappte den Kündigungsschutz. Außerdem gibt es in Frankreich sowieso eine regelrechte Revolten-Kultur. Das ist in Deutschland anders. Das ist hier besser. Bei uns werden Interessensvertreter frühzeitig bei Änderungen eingebunden. In den Medien wird noch differenzierert berichtet. Selten finden sich Konflikte, die so heftig sind, dass man sagen kann: Jetzt gehen die Massen auf die Straßen! Welches Regierungssystem findest du spannender? Nach meiner Erfahrung in Paris eindeutig das deutsche System. Weil es durchschaubarer ist? Weil es vielfältiger ist. Es gibt durch den Föderalismus einen interessanten Wettbewerb zwischen den Bundesländern. Was ich dagegen in Frankreich mag: Dort ist es eine Ehre, für den Staat zu arbeiten. Sehr sehr viele Jugendlichen sagen in Frankreich auf die Frage nach ihrem Berufswunsch, sie möchten sich verbeamten lassen. In Frankreich gehen nur die Besten der Besten in den hohen Staatsdienst! In Deutschland hingegen gehen viele aus parteipolitischen Gründen gar nicht in die Politik. Woher kommt unsere Unlust? Bei den Jugendorganisationen der Parteien drehe ich mich in der Tür um. Diese Konformität und Angepasstheit ist nicht auszuhalten. Die Logik eines Parteiapparates auf Dauer zu akzeptieren, stelle ich mir hart vor. Ich glaube, dass es Denkverbote gibt. Und leider Gottes haben die Jugendparteien eine Karrierefunktion: Wer nach oben will, muss sich bei den Großen anbiedern. Diese Logik stinkt. Eine mögliche Lösung wäre sicherlich, offener gegenüber Quereinsteigern zu sein. Was hast du eigentlich gemacht, seit du wieder in Berlin bist? Viel Verschiedenes, vor allen Dingen aber wollte ich runterkommen und begreifen, was ich künftig machen will. Aber je mehr man nachdenkt, desto weniger weiß man am Ende. Heute denke ich: Es ist besser, einfach zu machen. Foto: Sybille Fendt ------------ Zur besseren Lesbarkeit haben wir das Gespräch mit Christoph, das heute auch in der Süddeutschen Zeitung erscheint, in drei Teile geteilt: im ersten Teil erzählt der 29-Jährige, wie er zum jüngsten Berater des französischen Premierministers wurde. Was er dabei inhaltlich machen musste und wovor er am meisten Angst hatte, ist Thema das zweiten Teils des Gesprächs. Und im dritten Teil verrät Christoph, warum er das politische System in Deutschland spannender findet als das in Frankreich.

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