Mit der Kraft der Toten

Samstagabends sitzt Thabiso Siswana in Cocktailbars in Johannesburg, sonntagmorgens mischt sie Medizin aus Wurzeln und Blättern. Sie gehört zu einer jungen Generation von Südafrikanern, die traditionelles Heilen trotz technischen Fortschritts ernstnehmen.
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Das Mädchen mit den langen, geflochtene Haaren drückt eine Holztür auf. Dahinter nimmt es seine zweite Persönlichkeit an. Es zieht die Schuhe aus, setzt sich und schließt kurz die Augen. Der Betonboden ist kalt und nur mit einer Strohmatte bedeckt. Die Kammer hinter dem Haus in Soweto bei Johannesburg hat nur ein kleines Fenster, durch das Licht fällt. Das Regal an der Wand quillt von Gläsern in verschiedenen Größen über.

Hier wird aus Thabiso, dem 24-jährigen Mädchen, Thabiso, die Sangoma. So nennen die Menschen im südlichen Afrika ihre Heiler. Es gibt Tausende von ihnen, sie arbeiten mit den Mitteln der Natur, der Kraft ihrer Vorfahren und dem Wissen früherer Generationen.

Thabiso setzt sich auf eine Decke, vor ihr liegen Knochen und Steinchen, Wurzeln, Münzen und abgenutzte Würfel. Sie greift nach einem abgerundeten Stein, er passt gerade so in ihre Faust, und hält ihn ins Licht. Er schimmert blutrot. Je nach dem, welche Seite nach oben zeigt, bedeutet er Dunkelheit oder Licht. Die offene Muschel vor ihr auf dem Teppich ist ein gutes Zeichen für die Zukunft, die Fünf auf dem Würfel bedeutet Streit.

So lesen Sangomas seit Jahrhunderten die Zukunft. Thabiso Siswana, geboren im Januar 1989, ist aber Teil einer neuen, modernen Generation Sangomas. Sie gehört zu einer Gruppe junger Afrikaner, die zwischen gestern und morgen balancieren, zwischen afrikanischen Traditionen und einem Leben mit Smartphones und Internet.

In Südafrika hat das weiße Apartheids-Regime die schwarze Kultur unterdrückt. In den Nachbarländern brach das weiße Kolonial-Erbe den schwarzen Stolz. Gerade aber wird eine Generation erwachsen, die beides nicht mehr erlebt hat und sich aus beiden Welten bedient.

Samstagabends sitzt Thabiso in Cocktailbars, sonntagmorgens mischt sie Medizin aus zu Pulver gemahlenen Wurzeln und Blättern. Auf Facebook hält sie Kontakt zu 635 Freunden, und durch besondere Kräfte zu ihren Vorfahren. Unter der Woche analysiert sie die Export- und Importzahlen von Unternehmen in der Bidvest-Bank-Filiale in Braamfontein in Johannesburg, eine der größten Banken Südafrikas. Am Wochenende liest sie die Zukunft aus Knochen.

Ansehen kann man ihr fast nichts und sie sagt, dass es ihr nichts ausmache, anders zu sein als ihre Freunde. Nur ein Armbändchen aus blau-weiß-schwarzen Perlen, den Farben ihrer Ausbildung, verrät, dass sie eine Sangoma ist.



Afrika braucht junge Heiler wie Thabiso. 25 000 Ärzte für moderne Medizin gibt es heute in Südafrika. Und fast 200 000 traditionelle Heiler. Etwa 80 Prozent der schwarzen Bevölkerung, vor allem die Menschen auf dem Land, gehen zu ihnen, statt zu Ärzten. Denn sie gibt es – im Gegensatz zu ausgebildeten Schulmedizinern – in jedem Dorf. Die Menschen kommen zu ihnen mit Rückenschmerzen und Bauchproblemen, mit Liebeskummer, Ängsten oder Geldsorgen. Sangomas sind keine Wunderheiler, sie können Blinden kein Augenlicht geben. Aber viele Afrikaner glauben daran, dass Sangomas Schmerzen lindern und vor der Zukunft warnen können. Sie sollen die Verbindung zwischen Leben und Tod sein und Harmonie zwischen dem Patienten und den Geistern herstellen, die den Schmerz verursachen. In den Entwicklungsländern Afrikas sind die Heiler ein Pfeiler der Gesellschaft und der Gesundheitssysteme, anerkannt sogar durch die Weltgesundheitsorganisation. In Südafrika haben sie eine eigene Interessenvertretung, die „Organisation Traditioneller Heiler“.

Sie hat ihre Kräfte von ihrer Mutter bekommen - wie andere einen Schreinerbetrieb

Thabiso hat die Sangoma-Kräfte von ihrer Mutter bekommen. Man habe keine Wahl, sagt sie, fast wie jemand, der den Schreinerbetrieb des Vaters übernehmen muss. Wer nicht gehorcht, wenn er gerufen wird, der wird vom Unglück verfolgt. „Das kann bis zum Tod führen“, sagt sie. Bei ihr kam der Ruf vor etwa einem Jahr. Sie begann von Schlangen zu träumen, die sie riefen. Sie wurde öfter krank, verlor beinahe ihren Job, alles lief schief - Zeichen, dass es Zeit wurde, dem Ruf zu folgen. Hätte sie das nicht getan, wäre die Negativserie weitergegangen. Sie wollte erst keine Sangoma werden, weil sie wusste, dass das ihr Leben verändern würde. "Ich hatte gehofft, dass der Ruf später in meinem Leben kommen würde.“ Die Beziehung mit ihrem Freund zerbrach, weil er nicht an Heiler und ihre Kräfte glaubte. Weil sie sonntags oft Konsultationen abhält, ist Ausgehen am Samstagabend schwieriger geworden. Obwohl sie das kommen sah, beschloss sie mit ihrer Mutter, selbst seit 21 Jahren eine Sangoma, die Ausbildung bei alten, erfahrenen Heilern zu beginnen. Drei Monate studierte sie Wirkstoffe von Heilmitteln, lernte sensibel für ihre Eingebungen zu werden und ihnen zu vertrauen. Seit einer Zeremonie im Februar ist Thabiso Sangoma.

Ihre Mutter ist jetzt ihre Mentorin. Sie wurde zur Heilerin, als Thabiso drei war, hat sechs ihrer Geschwister großgezogen und ist heute eine Sangoma-Lehrerin. Sie sitzt im Kirchengemeinderat in Soweto und geht sonntags in den Gottesdienst. „Sangoma zu sein, ist keine Religion“, sagt sie. „Sondern Kultur.“ Die Vorfahren, die eine so wichtige Rolle einnehmen bei der Arbeit der Heiler, ersetzten Gott nicht, erklärt sie. Sie agieren zwischen Gott und den Menschen.

Thabiso, noch immer in der Kammer hinter dem Haus, zündet eine Kerze an, schließt die Augen und atmet tief ein. In isiZulu, der Sprache ihrer Mutter, beginnt sie, ihre Vorfahren zu rufen. Drei von ihnen „leben“ in ihr, wie sie sagt: ihre Großtante, der Vater und der Bruder ihrer Mutter. Sie nennt sie Engel. Denn sie seien immer in ihr und um sie. Normalerweise befinden sie sich in einem Schlafzustand, erst wenn Thabiso ruft, um die richtigen Mischungen für ihre Heilmittel zu erfahren, beginnen sie zu dominieren. Dann erfasse sie ein tiefer Schmerz, sagt sie, und es fühle sich an, als wäre sie ein Boot im Sturm, das auf Hilfe wartet.

Manche Sangoma versprechen, eine verlorene Liebe wiederzubringen oder Krebs zu heilen. In Zeitungen stehen Artikel über Geschichten, wie mehrere maskierte Männer eine Sangoma mit Buschmessern töteten, weil sie an besondere Kraft ihres Hirns glaubten; oder wie ein Heiler die Hand seines Kunden kochte. Das sei nicht, was Sangomas tun, sagt Thabiso. „Sangomas sind keine Hexen. Sangomas tun gute Dinge.“

Text: benjamin-duerr - Fotos: benjamin-duerr