Mit Lesbenwitz gegen die Wand

Mit der Umbenennung des Christopher Street Day in Christina Street Day wollten die Organisatoren nur das Beste. Am Ende wurde es ein PR-Desaster
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Die Veranstalter des Christopher-Street-Days (CSD) in München stören sich seit Jahren daran, dass der Aktionstag mit Straßenumzug von Lesben, Gays, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) zu oft als reine Schwulenparade wahrgenommen wird. Damit Medien und Gesellschaft auch den lesbischen Frauen mehr Aufmerksamkeit schenken, kündigten die Organisatoren Ende Februar etwas an, das es noch nie in der Geschichte des CSD gegeben hatte: Die Umbenennung des Tages in Christina-Street-Day. Die Veranstalter hatten mit vielem gerechnet, aber nicht mit einem Sturm der Entrüstung aus den eigenen Reihen. In den vergangenen Tagen und Wochen wurde in sozialen Netzwerken wie Facebook und Münchner Internetforen heftig über die Umbenennungsaktion diskutiert. Der Münchner Blogger Deef Pirmasens fasst in seinem Gastbeitrag für jetzt.de die Geschehnisse und die Lehren daraus zusammen:

Im letzten Jahr veröffentlichte die Lesbenberatungsstelle LeTRa eine Analyse von Zeitungsartikeln über den Christopher Street Day und das Thema Gleichstellung: „In keiner Überschrift war das Wort lesbisch oder Lesbe erwähnt und nur ein einziges Mal wurde in einem Artikel auf Lesben als diskriminierte Gruppe Bezug genommen. Lesbische Frauen kamen in den Artikeln weitaus weniger zu Wort als schwule Männer.“

Um Abhilfe zu schaffen wurde eine neue, provokante Idee gesucht. Die lieferte zufälligerweise ein Mann, der ausgerechnet Christopher heißt: Psychologe Christopher Knoll, der die Beratungsstelle im „Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum“ leitet. „Medien und Gesellschaft sind sehr männerzentriert. Wenn Lesben in den Medien vorkommen, dann nicht authentisch, sondern meist nur als Erregungsmomente der heterosexuellen, männlichen Phantasie.“ Deshalb wollte er die Frauen schon durch den Titel des Aktionstages, der dieses Jahr Anfang Juli stattfinden soll, sichtbar machen: „Christina Street Day“, worüber im kleinen Kreis erst mal gelacht wurde. Dann diskutierten die Veranstalter den Namen und fanden, dass dieser „Witz mit ernster Botschaft“ eine gute Idee sei. Ende Februar wurde die Entscheidung per Pressemitteilung verkündet.

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Illustration: Julia Schubert


Keine "Schwulenparade": Auch Frauen besuchen den Christopher Street Day.

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten. In Münchner Szenelokalen wurden Unterschriften gegen die Umbenennung gesammelt, es wurde mit Boykott des Aktionstags gedroht und viele Online-Kommentatoren äußerten massive Kritik. Die schwul-lesbische Webseite queer.de aus Köln ließ abstimmen, ob der neue Name „ein gutes Zeichen für Vielfalt und gegen schwule Dominanz“ oder „völlig alberne Geschichtsklitterung“ sei. Für letzteres stimmten über 80 Prozent von mehr als 1000 Teilnehmern. Einer Facebook-Gruppe mit dem Titel „Gegen den Namen Christina Street Day“ schlossen sich über 500 Nutzer an.

„Wie soll sich Erik denn noch auf dem Schulhof verteidigen, wenn man zu ihm Erika sagt, nur weil man ihn für schwul hält und ihn lächerlich damit machen will?“, begründete ein Facebook-Nutzer seine Ablehnung. Dieser Gedankengang ist einerseits traurig, denn Gleichstellungspolitik darf Diskriminierung nicht verinnerlichen und nur mit einer Vermeidungsstrategie begegnen. Andererseits ist Schwulen auf dem Schulhof tatsächlich nicht geholfen, wenn Boulevardblätter „Christina Street Day“ titeln und daneben eine Drag Queen zeigen würden. Nichts gegen Drag Queens, aber nicht sie sollten beim Christina Street Day in den Mittelpunkt gerückt werden, sondern Lesben. So hätte sich die gut gemeinte Namensänderung in den Medien womöglich selbst ad absurdum geführt.

Die meisten Christina-Gegner begründen ihre Ablehnung aber geschichtlich. Der deutsche Christopher Street Day geht zurück auf Straßenschlachten, die sich 1969 in der New Yorker Christopher Street ereigneten, als Schwule und andere Diskriminierte (auch Lesben, Transgender, Schwarze und Latinos) sich erstmals in großem Rahmen gegen Polizeiwillkür zur Wehr setzten. Obwohl das schon über 40 Jahre her ist und die Homo-, Bi- und Trans-Emanzipation im Vergleich zu damals viel erreicht hat, legen viele Menschen großen Wert darauf, die historische Verankerung nicht durch einen PR-Gag zu gefährden. Auch einige Lesben sehen das so, wie man am Beispiel eines Kommentars auf queer.de sieht: „Die Umbenennung ist mir als lesbischer Frau fürchterlich peinlich. Wie kann man die Augen so vor der Geschichte dieser stolzen Bewegung verschließen?“

In der Pressemitteilung, die das Münchner Veranstaltungsteam Ende Februar verschickte, hieß es, man wolle „mit der Umbenennung in Christina Street Day Irritation, Aufmerksamkeit und Diskussion schaffen.“ Doch mit so viel Widerstand hatte Thomas Niederbühl, politischer Sprecher des Aktionstages und Stadtratsabgeordneter der Rosa Liste, nicht gerechnet: „Für einen Großteil der schwulen Männer ist der CSD als Erinnerung an die Unruhen in der Christopher Street eine ganz wichtige, identitätsstiftende Sache. Das nehme ich ernst und sehe das auch positiv, nur hatte ich das völlig unterschätzt.“

Niederbühls Kollegin im Organisationsteam, Rita Braaz, ist anderer Meinung. Sie verantwortet die Pressearbeit des Aktionstages und der Lesbenberatungsstelle LeTRa und ärgert sich über den Vorwurf der Geschichtsklitterung: „Niemand von uns wollte die Geschichte verändern. Wir wollen, dass die Gegenwart richtig dargestellt wird.“ Nach der massiven Kritik nahm das Organisationsteam Anfang März die Namensänderung zähneknirschend zurück. Ausschlaggebend für die Kehrtwende waren nicht nur die sachlich vorgebrachten Argumente, sondern vor allem Hass und Drohungen. So schrieb beispielsweise ein Facebook-Nutzer: „Wir rufen zur Besetzung der Münchner Frauenhäuser an besagtem Tag auf und schmeißen dort die Bewohnerinnen raus!“

„Christina“ entwickelt sich zum frauenfeindlichen Bumerang. Rita Braaz blickt in ihren Rechner und schüttelt den Kopf: „Das ist wieder einmal die traurige Erkenntnis, dass diskriminierte Minderheiten mitunter dieselben Diskriminierungsmechanismen, die auf sie wirken, untereinander verwenden.“ Und wir lernen noch etwas: Auch gut gemeinte Gags können nach hinten losgehen. Was heißt das aber für die Münchner Schwulen und Lesben? Ihnen allen gegenseitige Ablehnung zu unterstellen, bloß weil im Netz auch homosexuelle Kommentar-Trolle hausen, ist jedenfalls  falsch.

Die Veranstalter des Christopher Street Day täten aber gut daran, die Communitys stärker an Entscheidungen zu beteiligen, was in Zeiten von Internet und sozialen Medien ein Kinderspiel ist – wie es ihnen die Gegner in den eigenen Reihen schmerzlich vorführten. Einen kleinen Schritt haben die Organisatoren bereits getan: Noch bis Sonntag kann jeder Vorschläge für einen Slogan, der „lesbische Sichtbarkeit und solidarisches Miteinander“ ausdrückt, an motto2011@csdmuenchen.de mailen. Nächste Woche sollen die besten Ideen auf csdmuenchen.de zur Diskussion gestellt werden. Dann können die Münchner Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender zeigen, dass sie in der Lage sind, sich auf ein gemeinsames Motto zu einigen, das programmatischer ist als „Deine Stadt – Deine Community – Deine Freiheit“, dem aussagebefreiten Slogan vom letzten Jahr.

Text: deef-pirmasens - Bild: jerome_Munich

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