Mit Marx zu Dutschke und in den Bundestag

Blödsinn oder gute Idee? Wie die Studentengruppe SDS mit einem Marx-Lesekreis Wahlkampf macht
alina-fichter

Die Gesichter sehen alt aus, dafür, dass dies der Auftakt eines studentischen Lesekreises ist. 16 Männer und eine Frau, Durchschnittsalter gute 40 Jahre, wollen „Das Kapital“ von Karl Marx kennen lernen; dafür sitzen sie eng gedrängt in einem kleinen Raum des Studentenwerks in der Leopoldstrasse. Bruno Schumann, graue Haare und Vollbart, erzählt dort davon, was „der Marx“ so geschrieben hat. Liebevoll spricht er das aus, fast als kenne er den Meister persönlich. Schumann ist Geschäftsführer des Münchener Gegenstandpunktverlages, einer marxistischen Vierteljahreszeitschrift. Eingeladen hat ihn die Hochschulgruppe Die Linke.SDS. Deutschlandweit rief sie solche kapitalismuskritischen Lesekreise ins Leben. „Wir wollen den Kapitalismus überwinden“, sagt SDS-Geschäftsführer Luigi Wolf, 27. Die Resonanz ist beachtlich, sicherlich auch dank der aktuellen Finanzkrise: 2 000 Menschen besuchten deutschlandweit die Auftaktveranstaltungen. Gleichzeitig fühlen sich die Kritiker der Hochschulgruppe bestätigt. Vor lauter rückwärtsgewandter PR-Aktionen vergäßen die SDSler ihre Hauptaufgabe: Die Hochschulpolitik. Tatsächlich legte die Linke.SDS bisher viel Wert auf medienwirksame Symbolik: Am 5. Mai 2007, dem 189. Geburtstag von Karl Marx, schlossen sich 34 unabhängige linke Hochschulgruppen zur Linken.SDS zusammen. Darunter WASG-Mitglieder, Trotzkisten, Radikaldemokraten. Das Kürzel SDS, das die Truppe als Name wählte, steht diesmal für „Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband“. Die Verwechslungsgefahr mit dem alten SDS (war Sozialistischer Deutschen Studentenbund) ist aber gewollt, Dutschke das große Vorbild. Klar, dass als erstes ein Kongress über die 68er-Studentenrevolte her musste. Titel: „Die letzte Schlacht gewinnen wir“. Danach reisten die Neu-SDSler nach Venezuela, zum sozialistischen Vorbild Hugo Chávez. Das Programm scheint anzukommen: 60 solcher Hochschulgruppen sind deutschlandweit entstanden. „Ein Riesenerfolg“, findet Geschäftsführer Luigi Wolf. Andere Linke finden eher, das rieche nach dem Muff von 40 Jahren. „Es ist doch das Blödeste und Bornierteste, was man machen kann, sich heute auf den SDS zu berufen“, sagt der grüne Europapolitiker und Alt-SDSler Daniel Cohn-Bendit. Das verhindere, eine eigene Perspektive auf das hier und jetzt zu entwickeln – das sowieso nicht mit der Vergangenheit vergleichbar sei. Cohn-Bendit: „Forget it! 1968 ist vorbei und hat allen revolutionären Mythen ein Ende gesetzt.“

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Illustration: Julia Schubert

Klemens Himpele war jahrelang im Juso-Vorstand und ist heute Mitglied der Linkspartei. Er hat an der Satzung der Linken.SDS mitgeschrieben, ist aber mit dessen Entwicklung nicht einverstanden: „Mit dem heimlichen Traum von einer neuen Revolte verkennt Die Linke.SDS völlig die Lebenswirklichkeit der Studierenden“, sagt er. „Heute müssen selbst gut ausgebildete Hochschulabsolventen um einen Job bangen.“ Die Linke.SDS solle endlich aktuelle hochschulpolitische Themen anpacken, um die Bedingungen für die Studierenden zu verbessern, das habe sie bisher versäumt „Die haben einer medienwirksamen Eventkultur den Vorrang gegeben.“ Dennoch wurde die Linke.SDS seit ihrer Gründung vor eineinhalb Jahren in 16 Studierendenparlamente gewählt. In anderen Hochschulgruppen wird gemunkelt, ein Grund für den Erfolg sei, dass die Linke.SDS finanziell großzügig von der Mutterpartei unterstützt werde: 100 000 Euro bekommt der Hochschulverband jedes Jahr, um an den Unis Fuß zu fassen. „Bei uns ist es deutlich weniger“, sagt Martin Timpe, Bundesgeschäftsführer der Juso-Hochschulgruppen. Von der Finanzspritze konnte die Linke.SDS allein für die Hamburger Asta-Wahlen diesen April 14 000 Flyer und ein gutes Dutzend Plakate drucken. Und bei einer Wahlbeteiligung von durchschnittlich 10 bis 15 Prozent ist die Mobilisierung von Nichtwählern schon die halbe Miete. Das Kalkül der Mutterpartei ist klar: „Wir machen auf dem Campus indirekt Wahlkampf für Die Linke“, sagt Serdar Damar von Die Linke.SDS in Frankfurt. Während des hessischen Wahlkampfs Anfang dieses Jahres warb der Parteivorsitzende Oskar Lafontaine sogar persönlich an der Universität in Gießen um die Stimmen der Studierenden. Schließlich ist die Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen in der Linken unterrepräsentiert. Auch die Wählerschaft ist größtenteils jenseits der 40. Die Lesekreisteilnehmer in München spiegeln also ganz die Altersstruktur der Linkspartei wider. Graue Haare, lange Bärte. Viele sehen aus, als könnten sie mit Karl Marx entfernt verwandt sein. Hier hat es offensichtlich nicht geklappt, junge Wähler zu gewinnen. Das sei in München besonders schwierig, sagt SDSler Benjamin Möbis, 27, der den Lesekreis organisiert hat. Kein Wunder, glauben die Kritiker der Linken.SDS, die Hochschulgruppe werde sich sowieso nicht nachhaltig an den Universitäten etablieren, weil sie vor lauter Events zu wenig auf die Interessen der Studierenden eingehe. Dann dürfte die Linke den Geldhahn zudrehen und die Linke.SDS würde ein letztes Mal ihrem großen Vorbild folgen: Dutschkes SDS zerfiel 1970 in eine Reihe bedeutungsloser Splittergruppen.

Text: alina-fichter - Foto:dpa

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