Mit sozialistischen Grüßen - Franziska Drohsel will Vorsitzende der Jusos werden

„SOS – SPD“ kalauerte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel unlängst auf dem Titel.
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„SOS – SPD“ kalauerte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel unlängst auf dem Titel. Ein Bild zeigt die Genossen in Seenot, erste Spitzenpolitiker knapp vorm Ersaufen. Daneben Abtrünnige, die von einem vorbeisegelnden Oskar Lafontaine in ein weiter links gelegenes Boot gerettet werden. Tatsächlich fegt ein eisiger Wind zwischen den Berliner Regierungsvierteln, in denen die SPD (mit-)regiert. Wohlige Wärme herrscht dagegen im Coffeeshop gleich ums Eck der Humboldt Universität. Franziska Drohsel trinkt einen großen Milchkaffee. Sie trägt einen rosafarbenen Pullover und eine schwarze Hose. Die 27-jährige sieht jünger aus als sie ist. Große bronzefarbene Ohrringe baumeln über ihren Schultern. „Ein Portrait“, sagt sie zur Begrüßung, „hat noch nie jemand über mich geschrieben.“ In Zukunft wird sich das wohl ändern, denn alles deutet darauf hin, dass Franziska Drohsel am 23. November beim Bundeskongress ihrer Organisation zur Bundesvorsitzenden gewählt werden wird. Gegenkandidaten gibt es bislang keine – was nicht heißt, dass im Haifischbecken der Jusos nicht noch welche auftauchen können.

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Illustration: Julia Schubert

Falls sie es denn schafft, wird sich Franziska Drohsel in eine Reihe illustrer Vorgänger einreihen. Klaus-Uwe Benneter, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Andrea Nahles waren alle Juso-Chefs. Und natürlich Gerhard Schröder. Der kämpfte damals gegen „getürkte Zahlen“ der Arbeitgeber und forderte „den notwendigen Klassenkampf“. Der damalige Schröder ist Drohsel näher als der Ex-Kanzler. Ihre Positionen sind so links, dass sie auf dem Titelbild des Spiegels wohl eher bei den Abtrünnigen im Wasser als im Mutterboot neben Müntefering zu finden wäre. Ihre Briefe unterschreibt sie mit „sozialistischen Grüßen“. Das macht auch bei den Jusos nicht jeder. Die Agenda 2010 und Hartz IV kritisiert sie scharf: „Die Verschärfung der Zumutsbarkeitkriterien finde ich falsch, auch die Kürzung der Arbeitslosengeldbezüge.“ Die Bundeswehreinsätze im Kosovo und Afghanistan lehnt sie ab. In ihrem Schreiben zur Kandidatur moniert sie wütend, immer mehr Menschen in Deutschland würden arm werden. Aber es nervt sie auch, dass immer mehr reich werden. Später sagt sie: „Die Mitte in der Gesellschaft bricht weg.“ Wählen, nicht trinken Selber ist sie freilich auf dem Weg nach oben – auch abseits der Politik. Nach ihrer Dissertation, am Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht in Berlin, möchte sie als Anwältin arbeiten. Bereits heute unterrichtet sie als Hilfskraft am Lehrstuhl und finanziert so den Lebensunterhalt. Außerdem hat sie ein Stipendium erhalten, von, na klar, der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Franziska Drohsel möchte nicht viel über ihr Privatleben in der Zeitung lesen. Wer genau zuhört, ahnt aber, dass sie weiß, wie hart es für einen Menschen sein kann, Geld zu verdienen – oder keines verdienen zu können. Aufgewachsen ist sie in Steglitz, zusammen mit ihrem Bruder. Schon mit 15 ist sie den Jusos beigetreten, politisiert durch die französischen Atomtests an den Mururoa-Atollen. In der SPD-Jugendorganisation hat sie sich schnell zurecht gefunden – nur das für (Jung-)Politiker typische Bechern nach der Arbeit am Tresenrand hat ihr weniger gefallen. Auch das Taktieren und die Machtspielchen, die für so viele Nachwuchspolitiker den Reiz ausmachen, interessierten sie nicht sehr. Aber natürlich hat sie gelernt, Mehrheiten zu organisieren und ihre Positionen durchzusetzen. „So funktioniert unser politisches System eben“, sagt sie. So salopp ihre Wortwahl gelegentlich ist, so genau ist sich Franziska ihrer Vorteile und Schwächen bewusst. Dass sie Björn Böhning, ihren Vorgänger, der in Berlin für Klaus Wowereit arbeitet und ein Bundestagsmandat anstrebt, ganz ausgezeichnet kennt: ein Pluspunkt. Dass in einem Verein, der voll von aufstiegswilligen Jungpolitikern ist, jederzeit noch ein Gegenkandidat auftauchen kann: ein Problem. Allerdings eines, auf das sie kurzfristig reagieren kann. „In den anderen Landesverbänden und Bezirken gibt es Menschen, mit denen ich politische Positionen teile und mit denen ich mich natürlich auch austausche“, sagt sie und ihre Hände sausen noch schneller durch die Luft als sonst beim Reden. Sätze wie diese verraten ihre Professionalität, die in der Politik wohl auch manchmal Brutalität ist. Der Trick besteht darin, es sich trotz Durchsetzungskraft mit nicht zu vielen Leuten zu verscherzen. Drohsel hat das in Berlin geschafft. Sowohl die politische Gegnerschaft als auch gestandene Polit-Profis der SPD bescheinigen ihr großes Potenzial, Fairness und dennoch die Fähigkeit, sich durchzusetzen. Ein Parteimitglied, das sie noch aus den Anfängen ihrer politischen Zeit im erweiterten Berliner Juso-Landesvorstand kennt, erinnert sich: „Bereits vor acht, neun Jahren war sie kämpferisch, hat sich immer eingemischt.“ Drohsel habe nie lange gefackelt, sondern sich ihre Plätze durch gute Arbeit erstritten. „Franziska ist einfach rauf aufs Podium.“ Die 27-Jährige sagt ihre Meinung „frei Schnauze“, wie sie es als Berlinerin formulieren würde. Dabei kommt es schon mal vor, dass sie den Kern der eigenen Aussage zerredet. Nach den Schwierigkeiten von Frauen in der Politik gefragt, sprudeln plötzlich Sätze aus ihrem Mund, die sich immer mehr vom Thema entfernen. Sie ertappt sich selbst dabei, wie sie sagt: „Als junge Frau – also ich meine, ich bin jung und ich bin eine Frau . . .“ Der Satz endet im Lachen. Politische Karrieren benötigen vor allem eine Investition: Zeit. Franziska hat davon wenig und noch weniger bleibt zum Ausspannen. Hin und wieder geht sie mit Freunden aus, tanzt gerne, am liebsten zu HipHop oder Elektro. Sie denkt eine Weile nach, bis ihr einfällt, was sie sich „gelegentlich“ im Fernsehen ansieht: die WDR-Comedy-Show „Zimmer frei“. Und dann, hin und wieder, Anne Wills Talkshow. In einem halben Jahr könnte sie selbst dort sitzen. Man sieht, wie sie bei dem Gedanken erschrickt. Zum ersten Mal im Gespräch liegen ihre Hände ruhig auf dem Tisch. „Ja“, sagt sie dann leise, aber ihre Stimme wird schnell wieder lauter. „Rein theoretisch ja.“ Sieht ganz so aus, als freute sie sich darauf.

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