Mitnehmen oder liegen lassen?

Kostenlose Stadtmagazine stopft man meist gierig in die Handtasche und liest sie dann doch nicht. Höchste Zeit zu erforschen, was man tatsächlich verpasst.
mercedes-lauenstein



1. in münchen
 
Harte Fakten: in münchen erscheint alle 14 Tage, Auflage: 85 000 Exemplare  
Worum geht es? Um alles zwischen Kasperletheater-Workshop und den Auftritten der großen Stars. Die Seiten sind bis zum Anschlag mit unzähligen Kunst- und Kulturtipps bedruckt. Ganz das klassische Programmheft eben. Das Magazin findet man nicht nur in jedem Café, jeder Bar und jedem Restaurant – sondern mitunter in großen, aufgerissenen Plastikpacken mitten auf der Straße.
Die drei besten Headlines: „Fleischfressers Festmahl“, „Fiese FIFA faselt Fanfaren-Farfan finster“, „Pointen mit Puschel“
Der Leser: Jedermann.
Das sagt die Redaktion: Die drescht vor allem Allerweltsphrasen wie „Wer kennt das nicht: lange Schlangen vor dem Ticketschalter“. Bleibt dabei aber respektabel informativ und kommt sogar das ganze Heft über ohne trashige Kolumnenformate aus. Nur der obligatorische Mini-Comic muss überlesen werden.
Was wir gelernt haben: Es gibt eine Yoga-Expo in München! Und eine Freiwilligen Messe! In der Fülle der Veranstaltungsinformationen ist dieses Magazin unschlagbar.
 
2. curt
 
Harte Fakten: curt erscheint vier Mal im Jahr, Auflage: 10 000 Exemplare
Worum geht es? In der letzten Ausgabe drehte sich alles um Schimmel, die kommenden drei Monaten geht es um: Fett! Behandelt werden unter dieser Überschrift die vielfältigsten Themen: Bogenhausener Schönheitschirurgen, Münchner Boaz'n, Bücherrätsel und Beschwerden einer Schwangeren.
Die drei besten Headlines: „Ich bin fett“, „Drei-Bauch-Hasen“, „Der Weinbrand rät“
Der Leser: ist ein unkompliziertes Kerlchen mit Witz und Verstand, das sich und seine Umwelt nicht ernster nimmt als unbedingt notwendig.
Das sagt die Redaktion: Iss' Kind! Schon im Vorwort wird dem Leser ein Rezept ans Herz gelegt: „Jetzt macht ihr euch erstmal eine Flasche kräftigen Rotwein auf und nehmt einen ordentlichen Schluck (...), denn Fleischzubereitung ist eine aufregende Sache.“
Was wir gelernt haben: Immer auch das Schöne im Schlimmen sehen. Die kurz nach der Wiesn entstandene Fotostrecke „Was vom Hendl übrig blieb“ zeigt: Kotze ist auch Kunst. curt ist die gute Schülerzeitung, die wir nie hatten. Keine hohe Schreibkunst, aber dafür angenehm unprätentiös und originell.
 
3. Super Paper
 
Harte Fakten: Super Paper erscheint monatlich, Auflage: 15 000 Exemplare
Worum geht es? Jedenfalls nicht um Tiefgang und innere Werte.
Die drei beste Headlines: „The New Age“, „Space is the only noise“, „Nightlife als performative Installation“
Der Leser: trägt französischen Dutt oder Schnurrbart, rote Lippen und enge Hosen und möchte gerne nach Hamburg ziehen, weil Hamburg ist das neue Berlin.
Das sagt die Redaktion: In verkorksten Schachtelsätzen faselt sie irgendetwas von „Akzidentielles und ewiges Werden“ und dem „Postulat der Kontinuität“. Würde man nicht ständig den Eindruck bekommen, sie meint das todernst und findet sich dabei très Avantgarde, könnte man die Zeitung eigentlich als eine dadaistische Parodie der Hipster-Redaktionen dieser Welt betrachten. Und ziemlich sympathisch finden.
Was wir gelernt haben: Eine (traurige) Wahrheit: Gutes Aussehen täuscht über fast alles hinweg. Auch über fehlende inhaltliche Qualität. Denn einstecken tut man das Super Paper immer wieder, auch wenn man damit nur ein paar Geschenke einpackt.

4. spy
 
Harte Fakten: spy erscheint monatlich, Auflage: 5 000 Exemplare
Worum geht es? Um hübsche Indieflyer. Florence Bree, die Herausgeberin des kleinen Hefts verteilte diese ursprünglich in den Kneipen Münchens. Irgendwann waren es so viele, dass sie die Karten einfach sortierte, in eine Presse klemmte, mit Leim verklebte und in Blockform auslegte. Mittlerweile ist spy ein gebundenes Flyerheftchen mit appetitlich rauhem Papier. Und minimalem redaktionellen Inhalt.
Die drei besten Headlines: „Hallo“, „Schwabylon“, „What you need – what you want (And What You Didn't Know You Needed To Want)“
Der Leser: hat, seit es spy in Heftform gibt, wieder mehr Platz in der Tasche für kostenlose Postkarten von Restaurant-Toiletten. Diese hängt er mit großer Freude zu Hause in der WG-Küche auf.
Das sagt die Redaktion: Wenig, aber dafür vieles, das sehr stark nach PR klingt.
Was wir gelernt haben: Indieflyer sind noch genau so schön wie früher. Außerdem kennen wir jetzt das Rezept für einen auf Tee basierenden Cocktail namens „Kamille Royal“.
 
5. FLASH
 
Harte Fakten: FLASH erscheint monatlich, Auflage: 20 000 Exemplare
Worum geht es? Nightlife, Music, München. Und vor allem: Silvesterpartys. Noch. Denn die nächste Ausgabe kommt erst im Februar – jedes Jahr fällt die Januar Ausgabe aus.
Die drei besten Headlines: „Wechseljahre“, „Nightlifepapst vom Ostbahnhof“, „Festgenagelt“
Der Leser: ist der Kultfabrik ihr Flatratejünger. Und professioneller Poser auf „Partypics“. Immer auf der Suche nach dem nächsten Wodka Red Bull.
Das sagt die Redaktion: Eigentlich alles – nur nichts, was so jugendfrei wäre, dass man es in die Zeitung schreiben könnte. Außerdem läuft sie nachts durch Münchens Clubs und spürt einige „interessante Nachtlichter“ auf. Zum Beispiel Bianca, 33, die „ihre vier Kinder vegetarisch ernährt: An ihrem Wochenende-Outfit haben sie eine ganze Weile zu knabbern...“.
Was wir gelernt haben: Solltest du jemals einen FLASH Reporter treffen, ergreife die Flucht!

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