Mode ist mir nicht wichtig

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Mausgrau, steingrau, betongrau, hellgrau, dunkelgrau, schwarz und hier und da ein kleines bisschen blau: Der Anblick meines Kleiderschranks könnte anfällige Menschen in Depressionen versetzen – mich zum Beispiel. Er ist die Stoff gewordene Manifestation der traurigen Tatsache, dass mein Interesse für Mode gegen Null geht – und das sieht man mir an. Vielleicht hätte ich in anderen Zeiten fröhlich bis ans Ende meiner Tage in bequemer Funktionskleidung durch die Welt wandeln können, hätte nicht gleichzeitig in den vergangenen Jahren der Siegeszug der Streetstyle-Blogger stattgefunden, die mir in Wort und Bild zeigen, wie es die Anderen machen. Jene Anderen, die sich Gedanken machen über ihr Aussehen, über ihre Wirkung auf die Umwelt und über das, was sie mit ihrer Kleidung ausdrücken wollen. Und auch wenn ich weiß, dass diese Anderen nur einen minimalen Prozentsatz der Bevölkerung ausmachen, übt ihre allgegenwärtige Abbildung einen ziemlichen Druck auf Durchschnitts-Huber wie mich aus.

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Illustration: Julia Schubert

Ich bewundere Menschen durchaus, die es schaffen, sich für dieses Thema zu erwärmen. Und auch für Menschen, die Kleidungsstücke nicht ausschließlich nach ihrer Funktionalität auswählen, sondern auf ihrem Körper so lange drapieren und kombinieren, bis etwas Einzigartiges und bisweilen auch Großartiges dabei herauskommt. Und selbst wenn das Gesamtbild am Ende reichlich exzentrisch aussieht – im Vergleich zu dem, was die Masse der Menschen täglich durch die Fußgängerzonen dieser Städte spazieren trägt, ist auch ein leicht verrutschtes Hipster-Outfit immer noch sehenswert. Manchmal denke ich mir, ich wäre gerne einer von ihnen. Ich würde mich gerne für Mode interessieren. Ich wäre gerne in der Lage, das „Beste“ oder zumindest „mehr“ aus meinem Typ zu machen. Wie schön wäre es, ein zusätzliches Stilmittel zu haben, um der Welt mitzuteilen, dass ich gute Laune habe – oder schlechte! Aber eine mangelnde Vorstellungskraft in Verbindung mit einer latenten Neigung zu Geizanfällen in Bekleidungsgeschäften und einem nicht existierenden modischen Spürsinn führen dazu, dass ich immer mit solchen Kleidungsstücken ende, die sich „Basics“ nennen, „hervorragend miteinander kombiniert“ werden können und mit „den passenden Accessoires auch aufgepeppt werden können“. Die schiere Langeweile, eingepackt in Plastiktüten. Dabei wäre vermutlich keine Zeit besser geeignet für modische Selbstverwirklichung, als die, in der wir uns gerade befinden. Die gesellschaftlichen Konventionen sind so ausgeleiert wie das Gummiband eines alten Schlüpfers, Selbstverwirklichung ist eines unserer liebsten Hobbys und Mode war nie erschwinglicher, als in diesen Discounter- und ebay-Zeiten. Andererseits: Wenn ich mich wirklich zu einem Menschen wandeln wollte, der sich für Mode interessiert, dann müsste ich etwas tun, wogegen ich mich bislang erfolgreich wehrte. Ich müsste Mode ernst nehmen. Ich müsste mich aus soziologischen Gründen für den bevorstehenden Siegeszug der ironisch getragenen Mom-Jeans interessieren. Ich müsste mir meine Kleidung nicht mehr aussuchen, weil sie mir gut passt, bequem und von anständiger Qualität ist, sondern weil ich mit dem Kleidungsstück ein Statement abgeben will. Ich müsste mir am Morgen Gedanken machen über jenes Statement, das ich im Laufe des Tages abgeben will. Ich müsste es fertigbringen, ein mehrere Minuten dauerndes Gespräch über Saumlängen führen zu können, ohne vor lauter Langeweile sofort in Ohnmacht zu fallen. Und ich müsste tatsächlich anfangen, die Modestrecken in Frauenzeitschriften mit ernsthaftem Interesse zu betrachten, anstatt sie – wie bisher – großzügig zu durchblättern und mich an dem dadurch entstandenen Luftzug ein wenig zu erfrischen. Mode ist nicht wichtig, egal wie ausführlich und episch uns die Magazine und Blogs vom Gegenteil überzeugen wollen. Sich diese banale Erkenntnis immer wieder zu vergegenwärtigen, hilft ganz gut gegen die drohenden depressiven Schübe angesichts des eigenen Kleiderschranks. Und wer weiß: Möglicherweise kommt das Stil-Bewusstsein ja doch noch über mich wie der heilige Geist. Oder ich finde mich mit der Tatsache ab, dass ich einer dieser Menschen bleibe, gegen die sich die Hipster, die die Streetstyle-Blogs bevölkern, erst so richtig abheben. Und so lange ich nicht innerhalb der nächsten paar Jahre zu einer Frührentnerin werde, die ihre beigefarbene Unterwäsche auf den lachsfarbenen Rollkragenpullover abstimmt, muss man die Hoffnung ja noch nicht ganz aufgeben.

Text: christina-waechter - Illustration: Katharina Bitzl

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