Mongole ohne Haftpflicht

Unser Autor testet typische Münchner Nebenjobs. Heute versucht er sich als Rikschafahrer.
moritz-baumstieger

Manche Leute wollen einen asiatischen Einschlag bei mir erkennen, das liegt an meinen Augen. Mit denen sehe ich sehr scharf, sie selbst sehen aber etwas schlitzig aus. Von einem Japan-Abenteuer meiner Großmutter weiß ich nichts. Ich tippe eher auf einen mongolischen Reiter, der sich mit Dschingis Kahn ein paar Damen in Europa schnappte. Mir also ein von den Vorfahren überkommenes Talent zum Rikschafahren anzudichten, wäre Unsinn. Ich dachte eher, ich hätte eines, weil ich so gut Fahrradfahren kann. Im durch-die-Lücken-Quetschen bin ich Meister, bei roten Ampeln denke ich stet an den Monaco Franze („a bissl was geht immer“) und meinen letzen Rest Verkehrserziehung haben fünf Monate Autofahren in Kairo eliminiert.

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Illustration: Julia Schubert

Doch ich lerne gleich, als mir Frank meine Rikscha aus der Garage holt: Das hat mit Fahrradfahren nichts zu tun. Man muss zwar Strampeln, das sogar ganz schön. Nur hat das Ding drei Räder und kann nicht kippen. Sehr seltsam. Am Marienplatz: Kundenaquise. Das ist als Rikschafahrer sehr angenehm, man schiebt die Rikscha in die Sonne und lümmelt möglichst cool auf der Rückbank. Dabei die Arme nicht verschränken, das sieht immer abwehrend aus, erzählt einer der Fahrer mit den Locken, der gerade an der LMU das Grundseminar Sozialpsychologie belegt. Die rund 100 Fahrer von Rikscha-mobil sind für ihr eigenes Einkommen verantwortlich: Frank und seine Kollegen zahlen keinen Stundenlohn, sondern vermieten die Rikschas seit 1997 an die Fahrer. Also warten und seit ewigen Zeiten wieder das Glockenspiel in vollkommener Länge angucken. Dauert ganz schön lang. Dann, wer sagt’s denn, die ersten Kunden. Die Bärbel und die Andrea. Bärbel kommt aus Landshut und hat Geburtstag, Andrea ist aus München und – nun ja, etwas fester. Das traue ich mich nicht als Argument anzuführen, als die beiden anfangen, knallhart um den Fahrpreis zu feilschen. Auch wenn die anderen Fahrer schimpfen, fahre ich die beiden für 13 Euro zum Siegestor. Aber nur, weil die Andrea heute Geburtstag hat. Es geht weiter zum Chinesischen Turm, ein Hotspot mit zahlungsfreudigen Touristen. Doch hier interessiert sich keine Sau für mich, nur ein kleiner Hund. Schließlich kommt doch ein Mann. Ich verstehe ihn kaum – wird das etwa einer dieser reichen russischen Oligarchen sein, von denen die anderen Fahrer erzählt haben? Einer, der sagt: „You have the time, I have the money, so: let’s go!“ Nein, leider nicht. Es ist ein Geschäftsmann aus Mainfranken, der zwischen zwei Terminen etwas Zeit hat. Ich drehe ihm die Runde durch den Englischen Garten an, dann geht es an den Eisbachsurfern vorbei zum Hofbräuhaus. Der Mann fragt nicht nach dem Preis, gutes Zeichen – trotzdem mache ich Fehler. Ich fühle mich im besten Radler-Saft und fahre viel zu schnell. Am Hofbräuhaus dann zieht der Geschäftsmann seine Brieftasche und hat ganz schön viele Scheine drin. Ich kriege welche. Ein Mainfranken-Oligarch? Am Marienplatz ist noch Sonne für eine Viertelstunde, ich werfe den Anker und gucke den Leuten zu. Bis mich eine Frau fragt, ob ich sie zum Augustiner-Biergarten fahren kann. Die S-Bahn hätte Betriebsstörung. Klar. Ich trete nochmal richtig in die Pedale,bei der Tunneleinfahrt Schwung holen, damit ich auf der anderen Seite wieder gut hochkomme – „jetzt bloß nicht übertreiben, jetzt bloß nicht übertreiben“ singen die Tauben auf den Stahlträgern. Zurecht: Das linke Rad fährt auf die Straße, das rechte auf dem Bürgersteig. Die Frau gibt mir ein paar Minuten später vor Schreck ein üppiges Trinkgeld. Das hätte sie aber lieber dem Lasterfahrer geben sollen, der so gut gebremst hat. Korrekte Job-Bezeichnung: Ganz einfach: Rikschafahrer Verdienst: Vom Wetter und eigenem Verhandeln anhängig. Angeblich sind aber an Spitzentagen bis zu 250 Euro möglich Wie bewirbt man sich? Mit einer Mail an info(ät)rikscha-mobil.de München-Faktor: San mir Radlhauptstadt? Logisch: 99%

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