Die Geschwister Ilona, 32, und Daniel Kühn, 35, veranstalten gemeinsam mit Michael Wopperer und Oliver Brauer die Lesereihe „speak & spin“ im Gap (Goethestraße). jetzt.muenchen hat mit ihnen über die Stadt und die Leseszene gesprochen. jetzt.münchen: Eure Lese-Reihe „Speak & Spin“ gibt es jetzt schon seit acht Jahren. Hat sich viel geändert in dieser Zeit? Daniel: Heute wird viel mehr Wert auf die Performance gelegt. Der Anteil an Spoken-Word-Auftritten zum Beispiel hat deutlich zugenommen. Ilona: Es gibt eine größere Vielfalt. Aber das forcieren wir nicht. Wir wollen junger interessanter Literatur einfach ein Forum bieten. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Autoren aus? Daniel: Einerseits kriegen wir mittlerweile viele Zuschriften von jungen Autoren, die fragen, ob sie bei uns lesen können. Und dann halten wir einfach die Augen offen, ob uns jemand gefällt. Wir entscheiden oftmals aus dem Bauch heraus. Ilona: Wir komponieren die Autoren allerdings auch untereinander. Eine sichere Bank sollte schon immer dabei sein. Wenn also ein totaler Neuling liest, ist der zweite Autor meist jemand, der routiniert ist und den man kennt.

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Habt ihr denn manchmal totale Reinfälle? Daniel: Eher selten. Aber manches ist einfach zu gängig und zu gewollt. Ilona: Wir wollen Literatur eigentlich nicht bewerten, aber manchmal muss man es eben. Ohne Talent geht’s nicht. Daniel: Wir wollen ja keine Veranstaltung sein, bei der jeder irgendwas vorlesen kann. Wer das will, also sich einfach mal ausprobieren, ist beim Poetry Slam besser aufgehoben. Ihr zieht aber doch ein ähnliches Publikum an. Was ist der größte Unterschied zur Slam-Szene? Daniel: Bei uns gibt es keine Battle. Wir haben ein sehr mildes entspanntes Publikum. Und das, obwohl manche Autoren schon extrem sind. Extrem? Daniel: Naja, einer hat sich mal mit dem Rücken zum Publikum auf die Bühne gestellt und die Leute beschimpft. Ilona: Aber damit kann man ja heute auch nicht mehr schocken. Daniel: Stimmt. Heute kannst Du auf der Bühne auch 50 Mal „ficken“ schreien. Das interessiert niemanden. Ilona: Ist ja irgendwie auch gut so. Kommt ihr denn selbst aus der Slam-Szene? Daniel: Ich war früher oft im Substanz und habe auch hin und wieder dort gelesen. Aber mich hat dieser Zeitdruck irgendwann genervt: Fünf Minuten und keine Sekunde drüber. Aber unser Autorenstamm überschneidet sich schon. Wir haben eben nur ein anderes Konzept. Und wie sehen euch die Slammer? Seid ihr die Spießer? Daniel: Nee, die finden das schon gut. Oder? Vielleicht sind wir schon ein bisschen uncooler für die . . . Ilona: Nee, die Slammer sind froh, auch mal länger lesen zu dürfen. Beim Slam haben sie nur fünf Minuten Zeit, bei uns 20 bis 30 Minuten. Habt ihr denn viel mit dem etablierten Literaturbetrieb zu tun? Daniel: Also, ehrlich gesagt. . . Ilona: Ich muss gestehen: Man sieht uns eher selten auf anderen Lesungen. Nicht aus Desinteresse natürlich, sondern aus Zeitmangel. Daniel: Natürlich überschneiden sich unsere Autoren. Was die von uns unterscheidet, ist, dass sie mehr Geld haben. Ilona: Früher haben wir bei unseren Veranstaltungen immer drauf gezählt, mittlerweile bekommen wir Unterstützung vom Kulturreferat, so dass es auf Plusminusnull hinausläuft. Und die Autoren? Daniel: Reich kann man uns nicht werden. Aber glücklich. Wie seht ihr München im Vergleich, was junge Literatur betrifft? Ilona: Es könnte auf jeden Fall mehr sein. Aber das ist halt ein Nachfrageproblem. Daniel: Es fehlt vielleicht auch der Ansporn. München ist ja keine Stadt der Krawalle. Wer schreibt, will sich ja meist in irgendeiner Form beschweren und dafür ist es in München einfach zu gemütlich. Die nächste Lesung von „Speak & Spin“ findet am 8. September im Cafe Gap in der Goethestraße 34 statt. Mehr unter Speak&Spin

Text: philipp-mattheis - Foto: Autor