München, wir haben dich verstanden

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Jeden Tag lernen wir in dieser Stadt etwas dazu. Um es nicht zu vergessen, schreiben wir es auf – einmal in der Woche, auf die jetzt.muenchen-Seite. Nach einem insgesamt sehr guten Jahr, hat sich die jetzt.de-Redaktion noch einmal erinnert – Wir haben 2005 verstanden: . . . dass die Fußgängerzone wie die Meeresbrandung rauscht, wenn all die Menschen in den Einkaufsmassen über die Splittsteine laufen. . . . Bayern ist kein Drogenstaat: Als Richard Ashcroft beim sommerlichen Coldplay-Auftritt im Olympiapark einen Joint anzünden wollte, tat er das selbst im Backstagebereich nur heimlich und von einem gerüttelt Maß Furcht, äh, gerüttelt: „Have you seen any cops around here? I heard they don’t like this stuff in this part of Germany . . . “ . . . und München ist gar keine Bierstadt: Als Tomte, die ebenfalls für Coldplay eröffneten, während ihres Auftritt auf der von Nachmittagssonne gefluteten Bühne ein Bier tranken, raunten sich die Roadies, die vor Ort gemietet worden waren, verächtlich zu: „Schau’s der an, die Rocker . . . Muss ma jetzt scho nachmittags a Bier trinken?“ . . . dass die Isar bei Hochwasser ganz schöne Wellen schlagen kann. Dabei hat sie es gar nicht nötig, sich so aufzuplustern – weil wir eh schon lange verstanden haben, dass sie die eigentliche Königin der Stadt ist. . . . die Landsberger Straße zwischen Laim und Westend ist schon immer eine der hässlichsten Straßen der Stadt gewesen, aber seit diesem Jahr beherbergt sie noch eine der hässlichsten Adressen: Landsberger Straße 106 nämlich. Dort wohnte Martin Wiese, der Neonazi, der das neue Jüdische Gemeindezentrum sprengen wollte.

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Illustration: Julia Schubert

. . . eindeutig zu den legendären Abenden gehörten 2005: 3 14. Januar 2005, Volkstheater, Montagsclub am Freitag mit einer Ausstellungseröffnung von Tourette TV: Der Biervampir schlug wieder zu. 3 22. Januar 2005, Café am Hochhaus: die Geburtstagsfeier des Jahres – „alle, alle war’n sie da, bis auf Erich Honecka“ 3 2. Juli 2005, Nero: einziger Mensch mit buntem Hemd in diesem Düsterschuppen voller „Suicide Commando“-Schnösel – hat trotzdem oder vielleicht gerade deswegen Freude gemacht. 3 26. August 2005, Marathon vom Lindwurmstüberl (Start, 19.00 Uhr) zum Lamms (Ziel, nächster Morgen, 9.17 Uhr): Drei Tage später waren immer noch alle verkatert. 3 21. November 2005, Maximo Park-Konzert in der Elserhalle: die beste Nachhilfestunde für Zuckermandelgecken zwischen hier und Harlaching. 3 3. Dezember 2005, Broken Social Scene-Konzert im Hansapalast: Zehn Mann, eine Bühne, eine Band – das sollte viel öfter vorkommen in der Stadt. . . . kaum zu glauben, aber es gibt in München auch Mädchen-WGs, in denen es nicht gut riecht. . . . das Maria und das Josef sind wirklich die besten Namen für zwei wunderbare Orte, an denen man warme Speisen oder kalte Getränke bekommt. . . . dass es aber im Josef einen Raum namens Vögelzimmer mit Federvieh an der Wand gibt, tut nicht wirklich Not. . . . Wer sagt „Ich geh’ heut Abend swingen“, begibt sich nicht zum sexuellen Partnertausch, sondern zum Swing tanzen ins Cord in der Sonnenstraße (immer montags). Am besten swingt man mit feiner Weste und Hut aus den 40er Jahren. . . . die beste PI der Stadt ist eindeutig Polizeiinspektion 12, straight outta Maxvorstadt, die eines Abends in den Hofgarten gerufen wurde, weil dort Punks in unmittelbarer Nähe der Staatskanzlei marodierend über abgestellte Fahrräder hinwegzogen. Danach hing an jedem Rad der Amtsvordruck V 2/Nr. 108/Aug. 78: „Sehr geehrter Fahrradfahrer, kommen Sie bitte mit dieser Information zur Polizeiinspektion, da Ihr Fahrrad beschädigt wurde.“ Nachdem die Halter der Fahrräder vernommen wurden, ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt, dann wurden die Ermittlungen eingestellt. Zwar wurden die plündernden Horden diesmal nicht gefunden, aber generell gilt: Weiterhin alles sicher in der Bronx, äh, im Hofgarten. . . . dass es immer noch möglich ist, große Feste im Freien zu feiern, mitten in der Stadt, mit lauter Musik und viel Bier und bestimmt 500 Leuten – und die Polizei davon trotzdem nichts mitbekommt. . . . die Welle der Senioren-Studenten an den Münchner Unis ebbt nicht ab – jetzt studieren sogar schon ehemalige Ministerpräsidenten wie Erwin Teufel aus Baden-Württemberg in der Stadt. . . . dass die reichsten Münchner bei weitem nicht die kreativsten sind. Oder warum fahren sie sonst alle die gleichen langweiligen silbernen oder schwarzen Geländewagen? . . . dass München auch in diesem Jahr die schönste Stadt der Welt ist. . . . die Bayern-Stars langweilen sich im Upper-Class-Ghetto Grünwald anscheinend so sehr, dass es jetzt zu einer ernst zu nehmenden Abwanderungswelle in Richtung Glockenbachviertel gekommen ist. Das wiederum bedeutet für die Geringverdiener unter uns: Schnell nach Giesing! Da hat der Kaiser angefangen . . . dass man als 1860-Fan plötzlich zu einer Art von Mehrheit zu gehören scheint. Jedenfalls dann, wenn man in die Allianz-Arena geht und dort mindestens 50 000 andere Menschen antrifft, obwohl es nur gegen, sagen wir: Dresden geht. . . . dass es mal wieder Zeit wird für eine neue, richtig geile Band aus München. . . . das langweiligste Ritual diesseits und jenseits der Isar ist nicht der Wiesn-Anstich, nicht das Starkbier-Derblecken und auch nicht der Christkindl-Markt, sondern das Gezeter um die Sicherheitskonferenz im Februar. . . . da, wo es früher lecker Rehrücken und anderes Wildfleisch gab, kann man jetzt prima ganz ohne Fleisch essen – im Zerwirk in der Ledererstraße 3 in der Innenstadt. Ein veganisches Restaurant und außerdem Club und Konzertort, der etwa 18 Mal Eröffnung feierte und dann doch noch nicht geöffnet war. Der Name ist für Nichtmünchner nicht vermittelbar: „Ich war am Wochenende im Zerwirk.“ – „Wo?“ – „Im Zerwirk. Das ist ein Club.“ – „Hääähhhh? Wie heißt der?“ – „Zerwirk.“ Und so geht das noch viele Minuten weiter. . . . Dafür machten andere Orte in München, an denen man schöne Feste feiern konnte, leider zu: Nach drei Jahren verabschiedeten sich Isabel Kienemann und ihr Montagsclub im Volkstheater im Juni mit einem Sommerfest – und im Restaurant des Kaufring am Ostbahnhof finden auch keine Partys mehr statt. . . . Orte hoher Kultur können auch Orte hoher Partykultur sein. Mit Freude und Freunden feierte jetzt.de ein Sommerfest im Literaturhaus und ein Winterfest in den Kammerspielen. Beide Male hielten die Getränkevorräte nicht stand. . . .das München-Lied des Jahres stammt aus Schottland. Die Editors schenkten der Stadt den Song „Munich“, in dem es zwar überhaupt nicht um die Isar oder den Englischen Garten geht, der aber sehr wunderbar ist. . . . der nächste Film von Steven Spielberg heißt übrigens auch „Munich“. Er handelt aber tatsächlich von dieser Stadt – von den Terroranschlägen während der Olympischen Spiele 1972. . . . rund um den Bahnhof ist es nicht einfach nur besonders langweilig. Dort befindet sich das „Homosexuellen-Milieu“ der Stadt – so jedenfalls wurde das nach dem Mord an Rudolf Moshammer von allen roten Zeitungen in die Stadt posaunt. Ganz so, als sei es ein Verbrechen, wenn Männer Männer küssen. . . . warum schreibt eigentlich nie jemand, wo genau das Idioten-Milieu in dieser Stadt ist. Wir hätten dafür ein paar Vorschläge. . . . besonders gern kontrolliert die Polizei am Hauptbahnhof ältere Herren in cremefarbenen Anzügen. Wenn man aussieht wie Tom Wolfe, gibt man eben ein prima Feindbild ab.

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Illustration: Julia Schubert

. . . das neue Stadion ist so schön, dass man gar nicht mehr anders kann als „Brüh im Glanze dieses Lichtes“ zu singen – danke, Sarah Connor! . . . dass es keine gute Idee ist, ein Konzert mit einer US-Hiphop-Band zu organisieren und dann noch vor dem Konzert mit deren Gage durchzubrennen. Denn als Andreas K. diesen Sport im August praktizierte, gingen die um ihren Lohn geprellten Rapper von Non Phixion auf die Bühne des Backstage-Clubs und forderten die Anwesenden zur Randale auf. Ob der ausnahmsweise sehr passender Satz „Tear the roof of the sucker“ zum Einsatz kam, ist ungewiss. Fest steht, dass 150 Polizisten schließlich die 50 Fans stoppten, die der Aufforderung der Band tatsächlich gefolgt waren. Der Schaden im Backstage wurde auf 15 000 Euro geschätzt, der an geparkten Autos auf 4000 Euro. Dem getürmten Konzertveranstalter dies mitzuteilen war jedoch schwierig. Er hatte sein Handy vorsorglich ausgeschaltet. . . . die als „Geile Schranne“ gepriesene Schrannenhalle, die im September eröffnet wurde, ist leider alles andere als geil, sondern ein Schicki-Micki-Disneyland. . . . dass ein Exil-Münchner Papst ist: Schließlich war Joseph Ratzinger vom März 1977 bis Februar 1982 Erzbischof der Diözese München und Freising, hatte also das Amt, das seitdem „Tante Frieda“ inne hat (so wird, das haben wir nur am Rande verstanden, Kardinal Friedrich Wetter im Klerus gerne genannt). . . . die Rote Sonne, die Disko-B-Labelbesitzer und ehemaliger Ultraschall-Betreiber Upstart zusammen mit den Labels Gomma und Pastamusik im August eröffnet hat, zwar ein etwas komischer Schlauchraum ist, aber dafür immer wieder gute Musik in die Stadt bringt. . . . dass Kaffee in normalen Mengen genossen gar nicht entwässernd wirkt. Alle pseudohippen Hypochonder in den Cafés um den Gärtnerplatz könne also wieder aufhören, „ein Glas Leitungswasser bitte“ zu ihren Milchkaffees zu bestellen. . . . die feinstaubigste Straße Deutschlands ist in unserer Stadt. Als Anfang des Jahres ganz Deutschland wegen der Feinstaub-Belastung in Aufregung war, konnte München einen besonders dreckigen Superlativ aufweisen: die Messstation an der Landshuter Allee war die erste Messstation im Land, an der zulässige Höchstwert mehr als die 35 erlaubten Male überschritten wurde. Bis Jahresende schaffte sie mehr als 100 Überschreitungen. . . . wer die Stadt auch mal ohne Münchner mag, sollte sonntags früh mal auf den Marienplatz gehen. Nur Touristen und eine ganz eigene wundersame Stimmung. . . . dass man im Zeitschriftensaal der Staatsbibliothek kostenlos die Satiremagazine Titanic und Pardon lesen kann. Dass es aber nicht so gut ankommt, wenn man dabei ständig laut kichert. . . . im Maximilianeum gibt es extra einen Partyraum. Aber nicht für die Abgeordneten des Bayerischen Landtags, sondern für die Stipendiaten, zur Begabten-Party. . . . der italienische Steh-Imbiss mit 1A-Pasta in der Schleißheimer Straße 77 wird immer besser, vor allen Dingen, weil jetzt die ersten Freunde schon direkt darüber eingezogen sind. . . . wenn am Marienplatz 50 Einsatzwagen und etliche Mannschaften des Einsatzkommandos postiert sind, muss das nicht heißen, dass man auch einen Demonstranten zwischen den Uniformen findet. . . . Menschen, die Holzfässer herstellen, heißen in Bayern Schäffler. Und diese Schäffler tanzen auch. Allerdings nur alle sieben Jahre. 2005 war eines dieser raren Schäfflerjahre – und die Schäffler tanzten deshalb nicht wie sonst nur im Glockenspiel des Rathauses, sondern tatsächlich auf dem Marienplatz und im Innenhof der Süddeutschen Zeitung. . . . wir verstehen nun tagtäglich, wie lang es noch dauert, bis die Tram kommt. Danke, neuer Anzeigecomputer! . . . seit zum 30. Mai das terrestrische Fernsehen auf digitalen Betrieb umgestellt wurde, kann man in München leider nicht mehr ORF 1 schauen. Dafür neu zu sehen: Überforderte Rentner und Familienväter in den TV-Abteilungen der Elektrogroßmärkte, wie sie aufgeregt und ratlos vor den Paletten mit DVB-T-Receivern stehen. . . . vor den Toren Münchens zittert halb Pullach: Der Bundesnachrichtendienst (BND) soll ja vielleicht umziehen. Das wäre schade – dann verlöre der Großraum München seine beste Postadresse: das berühmt-berüchtigte „Postfach 120“in 82042 Pullach. Dahinter verbirgt sich die Personalgewinnung des BND. . . . das Hotel Einhorn (Paul-Heyse-Straße) besteht „im Grunde fast ausschließlich aus Treppen“. Das bemängelte zumindest der dort einquartierte DJ Hans Nieswandt, als er seine Platten ohne Aufzug ins Zimmer bugsieren musste. . . . ach ja, es gab auch eine Blumenschau in diesem Jahr: die Bundesgartenschau. Toll und irgendwie dann doch egaler als erwartet. . . . Michael Ballack sollte aufpassen, dass er nicht zum Edmund Stoiber des Fußballs wird. . . . dass der Englische Garten auf einmal ein magischer Ort wird, wenn man im Mondlicht allein über eine frisch verschneite Wiese läuft . . . München liegt in Europa. Das bemerkt zumindest ein Asiate , nachdem er in der U-Bahn aufgeregt mit seiner Reisebegleitung diskutiert hat. Während sie den Kopf schüttelt, wühlt er in seiner Tasche, schlägt einen München-Reiseführer heraus und sagt mit einem Lächeln: „Oh, yes, Europe“. . . . auf dem Weg von der Wein- zur Maximilianstraße kommen einem mindestens sechs Pelzmäntel entgegen. Höchstens einer davon ist nicht echt. Illustration: Dirk Schmidt

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