Münchens größte kleine Kneipe

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Vom unscheinbaren Geheimtipp entwickelte sich das kleine Cafe Kosmos in der Dachauer Straße 7 in drei Jahren zu einer der liebsten Anlaufstellen der Münchner Nacht. Nahezu jeden Abend ist die Bar mit ihrer Wendeltreppe und dem „Wohnzimmer“ so überfüllt, dass man die berüchtigten Mini-Biere nur noch über Kopf transportieren kann. Aber was macht der Erfolg mit einem sympathischen Ort? Höchste Zeit für ein Gespräch mit seinem Erfinder Florian Schönhofer.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: War eigentlich erst die Idee fürs Cafe Kosmos da oder der Ort? Florian Schönhofer: Erst war der Ort da. Ich wohne ein Haus weiter und war selbst jahrelang Kunde bei Foto Schüler. Der hat 1955 aufgemacht und sein Geschäft bis vor drei Jahren nie verändert. Im Keller und ersten Stock war das Labor und im Parterre hatte er einen Verkaufstresen drin. Ich habe zu der Zeit im Volkstheater als Aushelfer im Licht gearbeitet und bin auf meinem Arbeitsweg immer an dem Fotoladen vorbeigekommen. Als der eines Tages leer stand, dachte ich mir, wie schade es wäre, wenn da jetzt alles leer geräumt, in den Container geschmissen würde. Für die Einrichtung kam ich dann trotzdem zu spät, die wurde in einer adhoc-Aktion weggeschmissen. Aber irgendwann war dann plötzlich die Fensterfront im ersten Stock offen – die ja zu Laborzeiten immer komplett dicht gewesen war und ich habe gedacht: Das kann ja echt nicht wahr sein – das sieht hier aus wie in einer Großstadt. Und das in München! Und dann habe ich mir den Laden irgendwie geschnappt. jetzt.muenchen: Einfach geschnappt? Ein Jahr hat es gedauert. Wir mussten den Laden umwidmen lassen, den Hauseigentümer davon überzeugen, dass alles genauso bleibt, wie es war und wir mussten Schallschutz für 30 000 Euro einbauen. Schwierig war es, die Stadt davon zu überzeugen, dass die Wendeltreppe drin bleiben muss. jetzt.muenchen: Die Kosmos-Wendeltreppe – steiler und enger als alle anderen Treppen . . . Ja, die ist nämlich schon seit den 60er-Jahren in der Form nicht mehr zulässig, aber ohne die Wendeltreppe hätte ich es nicht gemacht. Wir haben dann hinter dem Haus für 15 000 Euro einen Feuerbalkon gebaut, um den Auflagen zu genügen, uns rumgeärgert und sind sogar vor Gericht gelandet. Aber am Ende haben wir es geschafft. Von der Treppe gibt es nur noch drei Exemplare. Und unseres ist komplett im Originalzustand, da hat nie jemand einen Spritzer Farbe hingeschmiert. Auch die Wände hier waren noch im Urzustand, weil die in der Dunkelheit des Labors nie irgendwas daran gemacht haben. Wir haben versucht, das alles im Originalzustand zu belassen, nur lackiert und zum Teil mit Glasplatten geschützt. jetzt.muenchen: Hattest du schon Gastronomie-Erfahrung? Eigentlich bin ich ja Fotograf – mit der Gastronomie habe ich 1996 nur angefangen, weil ich gerade Vater geworden war und die Kohle brauchte. Und das ging dann so die nächsten zehn Jahre weiter. Ich hatte im Westend ein Fotostudio und am Wochenende habe ich zusätzlich immer irgendwelche Clubs auf- und zugesperrt und dafür gesorgt, dass dort alles irgendwie läuft. Angefangen habe ich als Betriebsleiter im „K41“, dann irgendwann bin ich ins „Regency“ an der Arnulfstraße gegangen und dann wieder zurück zum Kunstpark in den „Salon Erna“. Mein Fotostudio habe ich 2001 während der großen Anzeigen-Krise aufgegeben. jetzt.muenchen: Es war also nicht von Anfang an eine Liebesgeschichte zwischen dir und dem Gastgewerbe? Naja, ich komme aus einem Kaff in Bayern, das ist schon seit Ewigkeiten Kurort und da gibt es nichts anderes, als Gastronomie – alle meine Geschwister haben in einem Hotel gelernt. Ich kenne sämtliche Hintereingänge der Grandhotels und weiß, dass das ein Knochenjob ist. Das wollte ich eigentlich nicht machen, alleine schon wegen der üblen Arbeitszeiten. Und jetzt mache ich es doch schon so lange und mittlerweile natürlich auch gerne. jetzt.muenchen: War euch klar, dass das Kosmos funktionieren würde? Nein, man hofft, dass sich das Ganze einigermaßen trägt, aber von mehr kann man nicht ausgehen. Ich wusste, dass das Volkstheater zu uns kommen würde, ich wusste, dass einige aus dem Viertel kommen würden, weil ich seit 13 Jahren hier wohne und ein paar Leute kenne. Und ich wusste natürlich auch, dass es hier in der Ecke nichts anderes Gescheites gibt. Wir wussten aber nicht, ob es den Leuten bei uns gefallen würde. Der Laden ist zu 100 Prozent so, wie Andi, mein Mitstreiter hier, und ich leben. Dass die Leute jetzt sagen, dass das voll der „Berlin-Style“ sei, das konnten wir nicht ahnen. jetzt.muenchen: Wann habt ihr gemerkt: jetzt läufts’s? Es gibt einen Moment, an dem man merkt, dass man es refinanziert hat und von jetzt an auf der sicheren Seite ist. Geschafft hat man es in diesem Bereich aber nie wirklich, weil alles äußerst fragil ist. Es können dir immer ein paar genervte Nachbarn einen Strich durch die Rechnung machen oder es kann passieren, dass keiner mehr kommt. jetzt.muenchen: Obwohl es immer brechend voll ist, hat man nicht das Gefühl, dass ihr euch davon beeindrucken lasst oder etwas ändert. Profitmaximierung war bei uns noch nie das große Thema. Es muss vor allem uns gefallen, was wir machen. Ich bin hier schließlich 70 Stunden pro Woche. Wenn es mir hier nicht mehr gefällt, dann höre ich lieber auf. Und es müssen die Leute kommen, die wir mögen, weil wir mit denen ja total viel zu tun haben. Deswegen machen wir auch keine After-Wiesn-Party und schmeißen die Trachtler auch raus, wenn es sein muss, weil wir sagen: Scheiß’ auf den Tausender, ich will und ich muss da nächste Woche auch noch drinstehen. jetzt.muenchen: Kann man das eigentlich steuern, welche Gäste kommen? Es gibt Leute, bei denen wir nicht gut ankommen. Zum Beispiel diesen Typ Mädchen, die weggehen und dann einen Cosmopolitan trinken wollen. Das gibt’s bei uns nicht und die gehen dann wieder. Wahrscheinlich fühlen sich bei uns auch die Jungs nicht so wohl, die gerne Weißbier trinken – für die gibt es dann andere Läden. Ich glaube auf jeden Fall, dass man es sich total schenken kann, jemanden an die Tür zu stellen, der die Leute aussiebt. Nach welchen Kriterien denn? Es gibt durchaus Leute in Anzügen, von der Börse oder irgendwelche Kontakter, die sind total nett. Ich finde es auch sehr gut, dass wir kein reiner Indie-Laden sind. Viele Leute denken, wir hätten überhaupt kein Konzept, weil wir an manchen Tagen Klassik spielen und an anderen Electro. Aber unser Konzept ist eben die Mischung. Ein 45-jähriger soll sich hier genauso wohl fühlen, wie ein 18-jähriger. Die Mischung hier ist nett und nicht so wie in den Glockenbach-Läden, wo es genau zwei Typen von Hipstern im ganzen Laden gibt, die man irgendwann auch nicht mehr sehen kann. jetzt.muenchen: Gibt es schon berühmte Gäste? Ich kenne doch die Leute nicht, ich komm ja nicht zum Fernsehen. Aber ich würde mal sagen, der Christoph Süß von „Quer“, vielleicht? Wahrscheinlich kommen auch irgendwelche Schauspieler, ganz bestimmt aber keine Fußballstars. jetzt.muenchen: Wie kam die Idee mit den Winzig-Bieren? Ich finde es einfach total ätzend, jeden Abend hektoliterweise Bier in den Ausguss gießen zu müssen. Es ist doch so, dass man sich eine Halbe bestellt, unterhält und nach einer halben Stunde hat man nur die Hälfte getrunken und der Rest schmeckt brutal mies. Wir bilden uns ein, so schnell hinter der Bar zu arbeiten, dass man bei uns immer gleich ein neues Bier bekommt. Wir geben uns wirklich große Mühe, dass keiner fünf Minuten warten muss, auch wenn es knallvoll ist. Und dann ist das kleine Bier eben immer frisch. jetzt.muenchen: Warum arbeiten bei euch nur Männer hinter der Bar? Ich hatte in den Clubs immer Mädchen an der Bar und es war immer schwierig. Bei der Arbeit knistert es halt doch. Man arbeitet am Wochenende, wenn andere weggehen, dann ist man irgendwann betrunken, geht woanders hin, knutscht. Und dann streitet man nur noch. Ich halte wirklich viel von Frauen. Aber seit ich nur Männer im Team habe, ist alles sehr entspannt. jetzt.muenchen: Merkt man, wenn man auf einmal ein fester Begriff im Stadtleben ist? Zum 850. Stadtgeburtstag haben wir von der Stadt einen München-Lebenswert-Preis bekommen. Das war sehr schön. jetzt.muenchen: Hattet ihr mal das Gefühl, es wäre ein bisschen zu viel Erfolg? Als die Leute mal bis zum Parkhaus auf der Straße standen und dann zwei Polizeiwagen gekommen sind und durchgesagt haben, die Leute sollten doch den Radweg freimachen. Das war schon ein bisschen unheimlich.

Text: christina-waechter - Foto: Juri Gottschall

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