Münchens letzte Hippies müssen gehen

Die Künstler der Domagkstraße müssen umziehen. Zu Besuch in einem der letzten alternativen Lebensräume der Stadt
christian-helten

Auf dem ehemaligen Kasernengelände in der Domagkstraße 33 existieren derzeit zwei Welten. Eine davon liegt im Sterben und wird in wenigen Wochen für immer verschwunden sein. Die andere soll mit dem Leben der alten gefüllt werden – doch noch ist fraglich, ob das gelingen wird. Selena Haller steht in der Ecke ihres Zimmers im Haus 35 des Geländes an der Domagkstraße, ihrem Teil der alten Welt. Auf einem kleinen Elektroherd brät sie Nudeln vom Vortag an. Der Raum ist groß und hoch, in der Ecke steht ein ausladendes Hochbett. Es ist selbstgebaut, ebenso wie das Holzpodest davor, das als Ablagefläche für alles Mögliche dient, vom Bastelzeug bis zum Reibkäse für die Nudeln. An der Stirnwand des Zimmers hängt ein etwa vier Meter breiter Spiegel. Das Zimmer dient auch als Tanzstudio für ihre Performance-Gruppe „Netzhaut“, wegen der sie ins Haus 35 gezogen ist. „Ich habe hier so viel Freiraum“, sagt sie. „Ich wohne in der Stadt, und trotzdem wecken mich die Vögel mit ihrem Gezwitscher auf. Ich kann draußen sein, ein Lagerfeuer machen, wann immer ich will. Aber der größte Luxus hier ist, dass ich ständig in Verbindung mit vielen kreativen Leuten sein kann.“ Die vielen kreativen Leute, das sind derzeit circa 200 Künstler – Maler, Bildhauer, Kuratoren und Fotografen, Musiker und DJs, Dichter und Designer, Maskenbildner und Performancekünstler wie Selena. 1993 wurden erstmals Teile der im Dritten Reich erbauten Kaserne an Künstler vermietet. Aus diesen als Zwischennutzung angelegten Mietverhältnissen erwuchs die größte Künstlerkolonie Europas – eine reichhaltige Subkultur, die man in München nicht erwarten würde und die manchmal wirkt wie ein Gegenentwurf zu der Stadt, in deren nördlichen Ausläufern sie inmitten von Industrie- und Bürogebäuden liegt.

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Selena und ihr Freund müssen in ein paar Wochen umziehen, wie viele hier. So sehr die Stadt es schätzt, dass die Domagk-Ateliers die Kunstszene bereichern – das Kasernengelände stellt eben auch „ein kostbares Entwicklungspotenzial“ dar, wie es auf der Homepage der Stadt heißt. Im Klartext: Das Haus 35, in dem Selena wohnt, muss neuen Wohnungen und Gewerbeflächen weichen. Die Bagger sind schon da, das Gelände wird jede Woche ein bisschen mehr zur Baustelle. In der großen Gemeinschaftsküche haben sie schon begonnen, mit ihren Namen versehene Aufkleber auf Einrichtungsgegenstände und Küchenutensilien zu kleben. Auf den breiten Gängen steht nicht mehr nur Objektkunst wie der Schlauchbaum vor Selenas Zimmertür, es häufen sich neuerdings auch Umzugskisten und aussortierte Möbel. Selena hat ein bisschen Angst vor ihrem zukünftigen Leben: „Auch wenn ich mich irgendwie darauf freue, ein eigenes Bad zu haben, das nicht stinkt, und nie mehr Sachen von anderen abspülen zu müssen – ich habe mir dieses andere Leben mit Freiraum und vielen Leuten ausgesucht.“ Ende des Projekt anders Wenigstens muss Selena die Domagkstraße nicht ganz hinter sich lassen, sie kann in Zukunft weiterhin hier arbeiten. Sie hat eines der 102 Ateliers im Haus 50 bekommen, dem einzigen Gebäude, das mit Sicherheit bleiben wird. Der Stadtrat hat über fünf Millionen Euro bereitgestellt, um das Haus zu sanieren und so ein Fortbestehen der Ateliers zu garantieren. Trotzdem wird nur ungefähr die Hälfte der Künstler hier Platz finden. Ursprünglich hatten sie sich weit mehr erhofft. Sie träumten von einer großen Cité d'artistes, und im von der Stadt ausgeschriebenen „Ideenwettbewerb Domagkstraße“ waren auch mal 20.000 Quadratmeter dafür vorgesehen. Letzten Endes sind es nur 3571 Quadratmeter geworden – aus knapp drei Fußballfeldern wurde ein halbes. Eine größere Lösung war auch gescheitert, weil die Künstler nicht genug Geld hatten. Sie konnten der Stadt weder einen Teil der Fläche zum Marktpreis abkaufen noch selbst eine Sanierung der Gebäude übernehmen. Deshalb mussten alle, die in der Domagkstraße bleiben wollten, eine Bewerbungsmappe an das Kulturreferat schicken. Eine Jury entschied, wer jetzt ein Atelier in Haus 50 bekommt und wer nicht. Jennifer Kozarevic, Sprecherin des Kulturreferats, sagt, dass man dabei einerseits „den speziellen Charakter und die Spartenvielfalt künstlerischer Gattungen der Domagkstraße würdigen“ wollte, die Belegung aber gleichzeitig „in Anlehnung an das qualitative Auswahlverfahren der städtischen Atelierförderung" erfolgen musste. Deswegen ziehen in das Haus 50 jetzt zum einen Künstler mit weltweitem Renommee wie Yongbo Zhao und Professor Jerry Zeniuk ein. Dazu mischen sich vielversprechende Newcomer wie Florian Haller, aber auch Leute ohne jegliche Anerkennung aus der Kunstszene, wie Jana Neumüller, die momentan schräg gegenüber von Selena im Haus 35 wohnt. Sie besucht das International Munich Art Lab und lebt hier wegen des alternativen Lebens, das sie hier führen kann – einer Art Fortsetzung der vielen Reisen mit ihrem Freund, auf denen sie Gelegenheitsjobs annahmen, selbstgemachte Ketten und selbstgebrautes Bier verkauften.


Selena und Jana wollen sich ihre neuen Ateliers anschauen. Das Haus 50 liegt ganz am Ende des Geländes, da, wo es an die A9 grenzt. „Wir sind der Schallschutz für die neuen Wohnungen, die jetzt gebaut werden“, sagt Selena. Der Weg dorthin führt vorbei an den langgezogenen Kasernenblöcken der Häuser 38 bis 49, die fast alle noch von Künstlern bewohnt werden. Davor parken bemalte VW-Busse und Bauwägen, auf den weitläufigen Wiesen verwittern Skulpturen, und alte Bänke und Baumstämme gruppieren sich um Feuerstellen. Auch das ist ein Charakteristikum der Domagkstraße: der andere Lebensentwurf, das Alternative. Während ein paar Kilometer weiter die Stöckelschuhe über den Schwabinger Boulevard klackern, macht man hier Lagerfeuer. Während in den Clubs der Stadt Bier aus 0,33-Flaschen geschlürft wird, tanzt man hier mit Selbstgebrautem unter freiem Himmel zu Gitarre und Trommeln oder feiert in einem der leerstehenden Häuser. Die Sanierungsarbeiten am Haus 50 sind fast abgeschlossen. Zwei Bauarbeiter streichen gerade die Toilettentüren. Selena steht in ihrem zukünftigen Atelier. Es ist etwa halb so groß wie ihr jetziges Zimmer. Sie begutachtet die unverputzten Wände und das Waschbecken. So eines hängt jetzt in jedem Atelier an der Wand. „Aber ohne Warmwasser.“ Eine Gemeinschaftsküche wie im Haus 35 wird es auch nicht geben, das alternative Kommunenambiente der Hausgemeinschaft wird wohl verloren gehen. Das neue Haus wird einen anderen Charakter haben, allein weil die Künstler hier nur arbeiten werden und nicht auch wohnen. Was früher auf mehrere Häuser verteilt war, trifft jetzt unter einem Dach aufeinander. Und nicht alles davon ist so kunterbunt wie das Haus, in dem Selena und Jana leben. In Haus 38 zum Beispiel dominiert Aufgeräumtheit, Schlichtheit und stille Konzentration; hier gibt es keine bemalten Wände, und es klingt auch nicht aus jedem Zimmer eine andere Musik. Ob und wie die verschiedenen Charaktere, Arbeits- und auch Lebensentwürfe sich vereinbaren lassen, weiß momentan noch keiner. Sebastian Segl aus der Geschäftsführung der gemeinnützigen GmbH Domagk-Ateliers, der Interessenvertretung aller Künstler, spricht von einer „explosiven Mischung.“ Er glaubt aber auch, das sie ein „schönes Feuerwerk hervorbringen“ wird. Und es gebe noch eine Chance, so erklärt er, dass sich dieses Feuerwerk in Zukunft wieder ein bisschen weiter ausbreiten kann. Die Künstler haben die Gruppe ART.genossen gegründet und schon erreicht, dass sie das Haus 49 in Eigeninitiative weiter betreiben können. Es könnte ein Gemeinschaftsprojekt werden, sagt Sebastian Segl, „mit weiteren Ateliers, Wohnungen und Räumen für spannende Projekte.“ Damit käme man der Cité d'artistes wieder ein Stück näher – und damit auch dem Leben der alten Domagkstraße, die in wenigen Wochen ihr offizielles Ende nehmen wird.

Text: christian-helten - Fotos: Lutz Weinmann

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