Münchner Kindl. Heute: Nightclubbing trotz Nachwuchs.

Deutschland braucht mehr Nachwuchs. Seit einiger Zeit wird der Eindruck vermittelt, dass die Geburt eines Kindes vor allem eine politische Frage sei. Wie ist es aber tatsächlich, mit einem kleinen Sohn in der Stadt zu leben? In der Rubrik „Münchner Kindl“ berichtet die 24-jährige Studentin und alleinerziehende Mutter Julia Staudinger von ihrem Leben mit Kolja (2).
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Die Lieblingsfrage kinderloser Menschen in meinem Alter lautet: Kannst Du denn dann überhaupt noch ab und zu weggehen, wenn Du einen kleinen Sohn hast? Die Antwort ist entschieden: Ja! Ich bin natürlich in der glücklichen Lage, zwei phantastische Omas zur Verfügung zu haben, und muss mich jetzt doch mal dreist outen mit einer der beiden, nämlich meiner Mutter, wohne ich auch noch zusammen. Sie ist zwar voll berufstätig, hat aber wenigstens keine lange Anfahrt, wenn sie babysittet.

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Illustration: Julia Schubert

Fast meine ganze Familie, die groß ist, wohnt in München und Umland. Wenn meine Cousine nicht grade in Peking ein Praktikum macht, springt sie liebend gerne unentgeltlich als Babysitterin ein. Und wenn alle Stricke reißen, sind kinderliebe Nachbarinnen, Patentanten und andere Anverwandte in greifbarer Nähe. Das klingt alles super. Meistens klappt es auch ganz gut. Es gibt nur einige wenige organisatorische Schwierigkeiten, die es zu bewältigen gilt: 1. Kolja bekommt einen unvorhersehbaren Fieberschub aufgrund von Backenzähnen, die sich durch seinen Kiefer schieben. Ich finde zwar, er hat ausreichend Zähne für ein Kind, das interessiert Kolja aber nicht. Und den Zahn, ganz ehrlich, auch nicht. Also, die Abendplanung fällt flach. 2. Kolja bekommt einen unvorhersehbaren Fieberschub aufgrund von siehe oben. Allerdings erst, nachdem ich schon das Haus in vollem Outfit verlassen habe, mit dem Bus zur Party gefahren bin (ich will ja mehr als ein kleines Bier trinken), eben ein normalgroßes Bier geöffnet, alle Leute begrüßt und sechs SMS verschickt habe, dass alle gefälligst auf der Party zu erscheinen hätten, denn ich sei ja da. Das endet dann in dem weltweit schnellstgetrunkenen Bier, einem lauten Tschüß in die Runde und etwa sechs Leuten, die drei Stunden später ankommen und fragen, wo ich eigentlich sei. 3. Eine Babysitterverschwörung! Plötzlich weiß niemand mehr, dass man auf Mobiltelefonen auch mal zu erreichen sein sollte. Ahnen die, dass ich nur anrufe, weil ich einen Babysitter brauche? Haben sie dafür einen anderen Klingelton? Ich quatsche dann also in Windeseile alle Mailboxen mit allen wichtigen Daten und der Bitte um Rückrufe zu und . . . Nichts! Manchmal artet das aber auch in einen echten Loyalitätskonflikt aus, wenn ein paar Stunden später alle nacheinander anrufen: „Du, ich würde echt gerne babysitten heute.“ – „Ja, danke ich weiß, das ist lieb, aber jetzt hat grade XY zugesagt.“ – „Aber es wäre wirklich kein Problem.“ – „Ich weiß das zu schätzen, aber jetzt hab ich schon . . . “ 4. Es ist Samstagabend! Habt gefälligst an anderen Tagen Geburtstag! 5. Eigentlich bräuchte ich auch jemanden, der mit Kolja am nächsten Morgen aufsteht. Ich gehe ja nicht weg und komme um 22 Uhr wieder. Wer einmal um drei Uhr morgens aus einem Club heimgekommen ist und am nächsten Tag um sechs in der Früh aufstehen musste, weiß wovon ich spreche. Auch ohne ein eigenes liebenswertes kleines Monster, das morgens ins Bett gesprungen kommt und Cowboy spielen will und sofort, aber wirklich sofort, ein riesiges Frühstück haben möchte. Das mit dem Weggehen ist also nicht so sehr eine Frage des Könnens, sondern vielmehr eine Frage des Wollens. Dieser Text ist Teil der jetzt.muenchen-Seite, die jeden Dienstag im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung erscheint

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