Muss ich wirklich noch den Master machen?

Der Bachelor sollte mal ein ordentlicher Abschluss werden. Als unsere Autorin sich umhört, erfährt sie: Es ist nichts draus geworden
nadja-schlueter

Eigentlich sollte ja alles ganz anders laufen. Das heißt: Eigentlich sollte ich meinen Master schon haben. Aber nach dem geradlinig durchstudierten Bachelor habe ich mir mit meinem Masterstudium mehr Zeit gelassen. Ich habe ein Urlaubssemester genommen und dann, nach Abschluss aller Pflichtveranstaltungen, ein zweites, weil man mir einen Job anbot. Nun muss ich mich entscheiden: Soll ich den letzten Schritt gehen, der mir zum Abschluss noch fehlt? Soll ich mir den Stress antun, die Masterarbeit neben dem Job zu schreiben? Und – das ist die entscheidende Frage – brauche ich den Masterabschluss überhaupt? Reicht denn nicht der Bachelor in Verbindung mit Berufserfahrung, um genauso viele Chancen zu haben wie die früheren Magister und Diplomanden? Hat man uns das nicht damals nach der Bologna-Reform versprochen?

  Weil es schwer ist, diese Entscheidung alleine zu treffen, habe ich beschlossen, mich beraten zu lassen; von all denen, die wissen oder einschätzen können müssen, was das Beste für mich ist und wie meine Chancen in Zukunft stehen, wenn ich Bachelor of Arts bleibe oder doch noch Master of Arts werde. Ich habe bei meinen Eltern angefangen zu fragen, die meine Ausbildung finanziert haben. Ich habe eine Kommilitonin gefragt, die ihr Studium vor kurzem beendet hat. Ich habe den Professor, der meine Masterarbeit betreuen würde, um Rat gebeten. Und schließlich habe ich jene Leute angerufen, die am Ende darüber entscheiden, ob mein Lebenslauf ausreicht, um den Job zu bekommen, den ich haben will: die potentiellen Arbeitgeber.

  Mama, frage ich am Telefon, soll ich die Masterarbeit schreiben?
  „Der Hochschulabschluss ist erst mit dem Master erreicht“, lautet ihr knappes Statement. „Der Bachelor ist wie der frühere FH-Abschluss.“ Mein Vater holt etwas weiter aus, spricht von dem Mehr an Möglichkeiten, das jeder höhere Abschluss einem im Beruf beschert, von der Investition an Zeit, Energie und Geld, die eine Ausbildung bedeutet, „und eine Investition lohnt sich nur, wenn am Ende etwas dabei herauskommt.“ Dann spricht er neben all den sachlichen Aspekten noch einen weichen Faktor an: „Ein Vater sieht es natürlich gerne, wenn seine Kinder den höchsten Grad der Ausbildung erreichen, wenn sie die Intelligenz dazu haben. Man wünscht seinen Kindern doch das Beste.“ Das ist zwar ein weicher Faktor, aber ein hartes Argument: Enttäusche deine Eltern nicht! Zieh’ es durch!

Reicht der Bachelor? Muss es noch ein Master sein?

  Es ist sicher gut, noch jemanden zu fragen, der sich nicht natürlicherweise um mein Wohl sorgt und der die Situation von der gleichen Warte aus beurteilen kann, auf der ich stehe: Meine Kommilitonin Christine, die ihre Masterarbeit im Dezember abgegeben und die letzten vier Wochen neben dem Vollzeitjob geschrieben hat. „Ich hatte null Freizeit mehr und wollte so schnell wie möglich fertig werden“, sagt sie, „aber wenn man das längerfristiger plant, kann man sicher auch Pausen machen.“ Christine appelliert an meinen Ehrgeiz: „Ich könnte nicht mit der Tatsache leben, dass ich den Masterstudiengang geschafft habe, aber nicht den krönenden Abschluss einheimsen darf.“ Wäre es feige oder faul, so kurz vor Schluss aufzugeben – oder wäre es vielleicht sehr mutig und unkonventionell? Was bringt mir der Master, wenn ich doch gar keine akademische Karriere anstrebe? Weiß Christine, wie es auf dem Arbeitsmarkt aussieht? „Bisher habe ich meist gehört, dass ein Master, als Äquivalent zum Magister oder Diplom, Mindestanforderung bei vielen Stellen ist.“ Letztlich fällt auch ihr Votum bejahend aus: „Wenn du das Gefühl hast, dem zeitlich gewachsen zu sein, schreib die Arbeit auf jeden Fall. Neben dem vielen Stress hatte ich nämlich auch jede Menge Spaß beim Schreiben und Lesen.“

  Auch der Professor, der meine Arbeit betreuen würde, nennt den Spaß als wichtigsten Grund. Aber auch er überzeugt mich eher mit dem – etwas härter formulierten – Ehrgeizargument: „Es wäre, gerade auch für Ihre Selbsteinschätzung, fatal, wenn Sie so kurz vor dem Ziel aufgeben würden.“ Dann wirft er noch einen Blick auf die Arbeitswelt außerhalb der Universität. „Gut“, sagt er, „Sie haben momentan einen schönen Job, aber einen Job kann man unter den gegenwärtigen ökonomischen Bedingungen schnell wieder verlieren. Wenn es darum geht, Leute vor die Tür zu setzen, wird man zuerst an diejenigen mit den ‚geringerwertigen‘ Abschlüssen denken.“ Und der Master sei eben ein höherwertiger Abschluss, mit dem man unter Beweis stelle, dass man selbstständig wissenschaftlich arbeiten, originelle Ideen entwickeln und stichhaltig begründen könne. 

  Ob wirklich immer diejenigen mit dem niedrigsten akademischen Grad als erste gefeuert werden, sei mal dahingestellt. Aber die Meinung meines Professors beweist, was ich befürchtet habe: In der Wissenschaft ist der Bachelor nicht sonderlich angesehen. Dann wird er auch auf dem Arbeitsmarkt nicht die beste Voraussetzung sein, so wie es auch meine Mutter und Christine vermuten. Immerzu bekommt man das Gefühl vermittelt, dass der Bachelor nichts wert ist. Aber ein Gefühl ist kein Faktum. Fakten schaffen die immer neuen Studien zur Akzeptanz des Bachelors auf dem Arbeitsmarkt. Die besagen meist, dass die Mehrzahl der Studenten dem neuen System noch nicht traue und daher den Master mache, um auf Nummer sicher zu gehen. Aber auch, dass die Akzeptanz langsam steige und man sich in einigen Jahren an die neuen Abschlüsse gewöhnt haben werde. 

  Um die Akzeptanz zu prüfen, frage ich bei potentiellen Arbeitgebern für Geisteswissenschaftler nach: Würdet ihr mich einstellen, wenn in meinem Lebenslauf Bachelor of Arts und „abgebrochenes Masterstudium“ steht? „Nur ein Bachelor ist bei uns ein Ausschlusskriterium“, sagt Irmtraut Hubatsch, Personalerin beim Goethe-Institut. „Für unsere Laufbahnen können wir ihn, schon aus tarifrechtlichen Gründen, nicht akzeptieren.“ Das war deutlich. Als nächstes versuche ich es im Verlagswesen. Martin Spieles, Leiter der Presseabteilung der Fischer Verlage, sagt zwar nicht, dass eine Bewerbung auf eine Lektorenstelle mit Bachelor gleich aussortiert wird, aber auch er ist kritisch: „Wenn ich sehe, dass jemand mit 23 seinen Bachelor hat, dann stelle ich mir die Frage: Hat er wirklich eine breite literarische Bildung?“ Aber man könne das nicht pauschalisieren, räumt Spieles ein, der formale Abschluss spiele zwar eine Rolle, sei aber nur ein Aspekt. Im Literaturbetrieb sei vor allem die Berufserfahrung wichtig. 

  Vielleicht zählt ja in der Werbebranche die Kreativität beim Texten mehr als das Zeugnis, das man in der Tasche hat. Christiane Wolf, Personalerin bei Jung von Matt, bejaht das vorsichtig: „Bei uns wird mehr auf Talent und Inhalte geachtet und dann bei den Abschlüssen schon mal ein Auge zugedrückt.“ Das klingt einerseits ermutigend. Andererseits: Wenn beim Abschluss Augen zugedrückt werden, dann heißt das vielleicht auch, dass bei einem höheren Abschluss kein Auge zugedrückt werden muss. Dass ich mit Talent und einem Master wohl bessere Chancen habe als mit Talent und ohne Master. Außerdem, so Wolf, komme man an Personalern einfach besser vorbei, wenn man abgeschlossen habe. „Die werden Sie immer fragen, warum Sie kurz vorher abgebrochen haben.“ Auch „aus privater Sicht“ rät sie mir zur Masterarbeit. „Ich hatte auch zwei Monate vor Abschluss schon einen Job in der Tasche, da habe ich sehr mit mir gerungen, mich dann aber entschlossen, abzuschließen“, erzählt sie. „Gerade so kurz vor knapp aufzugeben, fände ich sehr schade.“ Und der Texter, den sie für mich gefragt hat und der bestätigt, dass sie eher auf das Talent als auf den Abschluss achten, der habe auch sein Jurastudium abgeschlossen. Ich glaube zu hören, dass sie schmunzelt, während sie das sagt. 

  Die Beratung hat nicht ergeben, dass ich den Masterabschluss dringend brauche. Aber es hat sich abgezeichnet, dass ein B.A. hinter dem Namen niemanden beeindruckt und man um ein Vielfaches mehr beweisen muss, dass man etwas drauf hat. Darum setzt sich am Ende mein Sicherheitsbedürfnis durch, jenes Gefühl, dem wohl am ehesten die kritische Haltung gegenüber dem Bachelor geschuldet ist. Und dann ist da noch mein Ehrgeiz, etwas zu Ende zu bringen, an den ja auch fast alle meine Berater appellieren. Ich werde diese Arbeit also schreiben – und mich dabei ärgern, dass ich wegen der Reform der Studiengänge überhaupt erst vor die Frage gestellt wurde, ob der Abschluss, den ich habe, etwas wert ist.

Text: nadja-schlueter - Foto: jameek/photocase.com

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