Nach Hause in ein fremdes Land

Wie der junge Iraker Ziyad nach einer Odyssee durch halb Europa schließlich zu seinem Bruder in München fand
philipp-mattheis

Ziyad ist zurück. Der 25-Jährige sitzt auf der weichen Couch in der Wohnung seiner Schwester im Münchner Westend. In der Ecke des Zimmers steht ein kleiner Christbaum behängt mit glitzernden Kugeln und Lametta. Daneben mahnt auf einem Bild an der Wand pathetisch ein sterbender Jesus zu Barmherzigkeit. Der Fernseher läuft ohne Ton. Ziyads Backen formen ein Lachen so breit, dass es beinahe sein ganzes Gesicht einnimmt. Seine Haare sind frisch gewaschen und gekämmt, seine Kleidung sauber. Neben ihm sitzt der zwei Jahre jüngere Petrus. Petrus, sein Bruder, mit dem er einst Bagdad verließ, den er jedoch seit jenem Tag im März, als sie kamen, um ihn zu holen, nicht mehr gesehen hat. Abir, die Schwester der beiden, bringt arabische Süßigkeiten und Tee. Um ihre Beine herum turnt ihr Sohn, der kleine Mario. Ziyad ist endlich heimgekehrt in ein fremdes Land. Am 18. November 2008 griff die deutsche Polizei einen 24-Jährigen Iraker nahe der französischen Grenze auf. Der Mann sprach weder Deutsch noch Englisch. Doch war er den Behörden kein Unbekannter. Es ist das zweite Mal, dass Ziyad deutschen Boden betritt. Es ist, so hofft er, das Ende einer 16 Monate währenden Odyssee vom Irak über die Türkei, nach Griechenland und Deutschland, von dort zurück nach Athen und schließlich wieder über Frankreich nach Deutschland. Während die Reise seines Bruders Petrus im März 2008 in der Wohnung seiner Schwester im Münchner Westend ihr Ziel fand, dauerte Ziyads Reise acht Monate länger. Und das, obwohl die Brüder gemeinsam aus Bagdad flüchteten und gemeinsam deutschen Boden betraten. Während sein Bruder Petrus in München Arbeit und eine eigene Wohnung fand, übernachtete Ziyad in den Parks von Athen. Mehrere Male saß er im Gefängnis, weil ihn die Polizei ohne oder mit den falschen Papieren aufgegriffen hatte. Im vergangenen September besuchte jetzt.muenchen Ziyad in Athen, wohin man ihn nach seiner Festnahme in Deutschland gebracht hatte. Am 30. September lief auch seine Aufenthaltsgenehmigung für Griechenland ab. Ziyad drohte die Abschiebung in den Irak.

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Illustration: Julia Schubert

Ziyads lange Reise August 2007: Ziyad und Petrus leben in Bagdad. Sie sind chaldäische Christen und als solche steht ihnen grundsätzlich Asyl in der Bundesrepublik zu. Im Irak sind Christen besonders oft das Ziel von Anschlägen radikalislamistischer Gruppen oder von Entführungen. Ihre ältere Schwester Abir hat das Land schon vor Jahren verlassen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in einer kleinen Wohnung im Münchner Westend. Die beiden Brüder lassen sich für mehrere tausend US-Dollar von einem Schlepper über Kurdistan nach Istanbul bringen. Von dort überqueren sie nachts wahrscheinlich die Grenze nach Griechenland und damit die der Europäischen Union. Mit gefälschten Pässen besteigen sie ein Flugzeug, das sie nach München bringt. Noch im Flugzeug nimmt ihnen der kurdische Schleuser die Pässe ab. Am 10. September 2007 nimmt die deutsche Polizei zwei irakische Brüder ohne Identität fest. Ziyad und Petrus kommen in Abschiebehaft. Wie alle Flüchtlinge, die illegal nach Deutschland einreisen, gilt seit 2003 auch für Ziyad und Petrus Rifaat die „Dublin-II-Verordnung“. Nach diesem Gesetz können Asylsuchende nur in einem Land der Europäischen Union einen Asylantrag stellen – und zwar in dem, dessen Boden sie als erstes betreten haben. Da die beiden Brüder zwar nur wenige Stunden in Griechenland waren, aber mit einer Maschine aus Athen nach Deutschland kamen, ist der für das Asylverfahren zuständige Staat Griechenland. Die deutschen Behörden stellen also eine Anfrage an ihre griechischen Kollegen, ob ihnen die beiden Iraker bekannt sind. Die Griechen antworten schwer nachvollziehbar, doch rechtlich einwandfrei: Petrus Rifaat ist ihnen nicht bekannt, für seinen Bruder Ziyad erfolgt keine Antwort. Damit sind die griechischen Behörden für den Asylantrag von Ziyad Rifaat zuständig. Das Verfahren seines Bruders Petrus wird dagegen in Deutschland eröffnet. März 2008: Früh morgens am 25. März klingeln Beamte an der kleinen Behausung der beiden Brüder im Asylbewerberheim in Sigmaringen. Sie kommen, um Ziyad mitzunehmen. Sie setzen ihn in ein Flugzeug. Das Flugzeug bringt Ziyad nach Athen. In eine Stadt, die er nicht kennt, in der er nicht sein will und deren Sprache er nicht spricht. Ziyad versteht nicht, warum man ihn nach Athen gebracht hat. Er kennt niemanden, sein einziger Kontakt zu anderen Menschen sind die Telefonate mit seiner Familie in München. Tagsüber marschiert er mit seinem Rucksack, in dem seine ganze Bleibe steckt, durch die Stadt, hinauf zur Akropolis und wieder hinab, zum Hafen Piräus und wieder zurück. Ziyad geht den ganzen Tag, er geht, um müde zu werden. Nachts versucht er, in den Stadtparks des griechischen Molochs ein paar Stunden Schlaf zu finden, und hofft, vielleicht einmal nicht von dem Geschrei der Besoffenen und Junkies geweckt zu werden. Ziyad wird depressiv, er spricht wenig und lacht nie.


Am 30. September schließlich läuft schließlich auch noch seine Aufenthaltsgenehmigung für Griechenland ab. Greift die Polizei ihn nun auf, hat sie das Recht, ihn drei Monate ohne Begründung festzuhalten oder ihn in den Irak zurückzuschicken. Ziyads Schicksal scheint besiegelt. Früher oder später wird ihn die Polizei festnehmen und in den Irak zurückschicken. Doch es kommt anders. Sein Bruder Petrus findet unterdessen Arbeit und zieht in eine eigene, kleine Wohnung. November 2008: Ziyad betritt abermals deutschen Boden. Gleich an der Grenze greift ihn die deutsche Polizei auf und inhaftiert ihn. Ein Schlepper hat ihn wahrscheinlich über Italien nach Frankreich gebracht. Ziyad sagt, die deutsche Polizei habe ihn gut behandelt. Viel besser als die griechische. Er spricht mit zu lauter Stimme, wie jemand, der lange geschwiegen hat und erst wieder mühsam die Kontrolle über seine Stimmbänder zurückerlangt. Der Mann seiner Schwester Abir, zeigt stolz ein Dokument, in dem steht, dass Ziyads Asylverfahren in Deutschland eröffnet wird. Über den Schleuser und seine Reise von Athen nach Deutschland sagt er nichts. Aus gutem Grund: „Es ist traurig, dass jemand wie Ziyad gezwungen ist, Gesetze zu übertreten“, meint Tobias Klaus vom Bayerischen Flüchtlingsrat. „Warum Ziyad ausgerechnet über Frankreich wieder nach Deutschland eingereist ist, wissen wir nicht. Die Route ist eher ungewöhnlich. Wir sind sehr froh, dass er es geschafft hat, aber begrüßenswerter wäre natürlich eine Grundsatzentscheidung, die diese Abschiebepraxis in vermeintlich sichere Drittländer beendet.“ Tobias Klaus setzt sich seit langem für das Schicksal von Flüchtlingen ein. Er weiß: Ziyad Rifaat ist kein Einzelfall. Seit Beginn des Irak-Krieges sollen etwa 600 000 Christen aus dem Land geflohen sein. In Griechenland und anderen Staaten an der Außengrenze der EU warten zahlreiche illegale Flüchtlinge vor allem aus dem Irak und Afghanistan. Die wenigen, die es bis nach Deutschland schaffen, werden in den meisten Fällen wieder abgeschoben. „Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als Schleuser zu bezahlen. Viele verstecken sich in LKW, die den griechischen Hafen Patras in Richtung Italien verlassen. Andere versuchen mit einem gefälschten Pass, nach Deutschland gekommen.“, sagt er. Weihnachten zu Hause Christoph Unrath ist der Anwalt der Familie Rifaat und mit Ziyads Geschichte betraut. „Am 24.12. erreichte uns der Bescheid, dass das Asylverfahren für Ziyad nun in Deutschland eröffnet wird.“, sagt er. „Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv für Ziyad ausgehen. Auf jeden Fall wird es nicht zu einer Rückführung kommen. Allerdings nannte die Ausländerbehörde als Grund lediglich das Verstreichen einer Fristen. Nur ein Grundsatzurteil hätte Folgen für ähnliche Fälle“. Am 23. Dezember feiert Ziyad seinen 25. Geburtstag. Noch am selben Tag darf er das Asylbewerberheim im badenwürttembergischen Sigmaringen, wo er sich ein kleines Zimmer mit drei Kurden teilt, verlassen und zu seiner Schwester und seinem Bruder nach München reisen. Den Heiligabend verbringt die Familie gemeinsam in der Kirche. Zur Bescherung bekommt Ziyad neue winterfeste Kleidung. Sein Bruder Petrus hat inzwischen eine eigene Wohnung. Sein Geld verdient er noch immer mit dem Braten von Burgern bei einer Fastfood-Kette. Ziyad sitzt auf der Couch seiner Schwester, isst arabische Süßigkeiten und schaut in den Fernseher, aus dem kein Ton dringt. Ziyad ist wieder bei seiner Familie. Zum ersten Mal seit 16 Monaten und vielleicht zum ersten Mal in Frieden und Sicherheit.

Text: philipp-mattheis - Fotos: Philipp Mattheis

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