„Nach jedem Stück stehen sie auf und klatschen“

Benyamin Nuss interpretiert im Konzertsaal die Musik von Computerspielen
jakob-buhre

Benyamin Nuss, 21, spielt ziemlich gut Klavier. Er hat zahlreiche Preise gewonnen und studiert seit einigen Jahren Klavier an der Musikhochschule Köln-Aachen. Jetzt erscheint seine erste CD: Benyamin spielt darauf Werke, die der japanische Komponist Nobuo Uematsu für Computerspiele wie „Final Fantasy“ und „Lost Odyssey“ geschrieben hat. jetzt.de: Benyamin, bist du ein Computerspiel-Nerd? Benyamin: Nein, ich habe meinen Spielekonsum immer in Grenzen gehalten. Meine Mutter hat es mir früher, als ich noch zur Schule gegangen bin, auch nur am Wochenende erlaubt. Man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird, beim Spielen sind drei Stunden schnell rum. jetzt.de: Wie bist du auf die Idee gekommen, als Pianist Musik aus Computerspielen zu interpretieren? Benyamin: Am Anfang habe ich nur einfache Spiele gespielt, mit zehn dann aber das Rollenspiel, „Final Fantasy“. Das war das erste Spiel, bei dem mich die Musik wirklich fasziniert hat. Ich habe dann mit einem Freund zusammen Midi-Dateien erstellt, die wir in einem Kompositionsprogramm bearbeitet haben. Wir haben die Noten übereinander geschichtet und das habe ich versucht am Klavier nachzuspielen. jetzt.de: Aber ein großer Teil von Computerspielmusik ist doch banal, oder? Benyamin: Also, bei den Gewaltspielen gibt es entweder keine Musik oder es ist Hardcore-Techno, der nur dazu dient, die Herzfrequenz des Spielers zu erhöhen. Bei vielen Spielen läuft die Musik nur im Hintergrund, zum Beispiel bei „Super Mario“. Die Musik ist zwar kultig, aber sie trägt nicht zur Handlung bei. Das ist der Unterschied zu einem Rollenspiel wie „Final Fantasy“, wo die Musik für jede einzelne Figur geschrieben ist.

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Illustration: Julia Schubert

Benyamin jetzt.de: Die Kompositionen von Nobuo Uematsu, die du nun auf CD eingespielt hast – wie unterscheiden die sich, sagen wir, von einer Beethoven-Sonate? Benyamin: Beethoven hat Musik geschrieben, die für sich alleine wirkt, absolute Musik, während Videospielmusik Programmmusik ist. Das heißt, man könnte es eher mit Wagner vergleichen als mit Beethoven. Von der Form her sind die Stücke von Uematsu ganz klassisch aufgebaut. Aber es zeigt sich auch, dass sie nicht nur von klassischer Musik sondern auch von Pop und Jazz beeinflusst sind. Und nirgends ist eine Note zu viel, er bringt immer alles auf den Punkt. jetzt.de: Bahnt sich mit Computerspielmusiken ein Trend im Konzertsaal an? Benyamin: Diesen Trend gibt es schon. 2004 fanden die Konzerte noch in kleinen Sälen statt, heute ist es die Kölner Philharmonie. Es gibt jetzt jedes Jahr ein Sinfoniekonzert mit dem WDR-Rundfunkorchester und Chor – und das ist immer in kürzester Zeit ausverkauft. jetzt.de: Wie erlebst du das Publikum bei solchen Konzerten? Benyamin: Die kommen rein, durchaus schick gekleidet, setzen sich hin und sind von der ersten bis zur letzten Sekunde völlig konzentriert. Und nach jedem Stück stehen sie auf und klatschen und schreien wie verrückt. Die wissen immer, worum es geht, welche Melodie was bedeutet – bei den Stücken mit Chor sprechen sie zum Teil auch die lateinischen Texte mit. Und sie kriegen es sofort mit, wenn in den Arrangements Insider-Gags vorkommen. jetzt.de: Zum Beispiel? Benyamin: Beim letzten „Symphonic Fantasies“-Konzert in Köln gab es so einen Insider-Gag. Es wurde einer der Hits aus „Final Fantasy“ mit ein paar Takten angedeutet – es war das Thema des Endgegners –, dann hat eine Klarinette unterbrochen. Sie spielte das Motiv eines kleinen Vogels, das auch immer wieder in „Final Fantasy“ auftaucht. Und auf einmal hat die ganze Philharmonie gelacht. jetzt.de: Werden jugendliche Computerspieler unterschätzt? Benyamin: Das kann man schon sagen. Überall heißt es: „Das ist schlecht für unsere Kinder“ oder „die Jugend von heute spielt nur Videospiele und hat keine Ahnung“. Bei diesem Projekt ist es natürlich auch unser Ziel, die jungen Leute in ein klassisches Konzert zu locken. jetzt.de: Wie hast du als Jugendlicher deine ersten Klassik-Konzerte erlebt? Benyamin: Am meisten hat mich im klassischen Konzert immer das Publikum gestört. Wenn eine Frau neben mir saß, die meinte, ein Bonbon auspacken zu müssen und versucht hat, es möglichst leise zu machen, dabei guckte schon jeder zu ihr rüber . . . Oder wenn die Leute husten oder es geht ein Handy an. jetzt.de: Aber bei den jungen Videospielfans würde man doch vermuten, dass im Saal laufend Handys klingeln. Benyamin: Nein. Das tun die ihrer Musik nicht an. Das ist ihre Musik und die wollen sie durch nichts abwerten. jetzt.de: Was sagt eigentlich dein Lehrer dazu, dass du jetzt Videospielmusik auf dem Klavier spielst? Benyamin: Der hat die Stücke mit mir erarbeitet. Natürlich war das für ihn Neuland und die meisten Professoren würden wahrscheinlich sagen: „Lass mich damit in Ruhe!“ Aber mein Lehrer ist da anders. Der hört auch Michael Jackson und Keith Jarrett. Er findet die Stücke von Uematsu klasse und wir sind vom Arbeiten so rangegangen wie an ein klassisches Werk. Am Mittwoch spielt Benyamin in der Berliner Philharmonie. Mehr Tourdaten stehten auf benyamin-nuss.de.

Text: jakob-buhre - Foto: Universal

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