Nachtwache im Hostel: Ruhige Kugel mit viel Lärm

Sechs Stockwerke, 1200 Betten und eine Lobby in orange-gelb: Ein Hostel ist Schauplatz für Ralphs neuen Nebenjob
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Sechs Stockwerke, 1200 Betten und eine Lobby in orange-gelb: das Hostel sollte Schauplatz für meinen neuen Nebenjob werden: Nachtwächter. Mit 7,50 Euro die Stunde war das zwar eher bescheiden bezahlt, dafür kam es meinem Wunsch, so wenig wie möglich zu arbeiten, sehr entgegen. Dachte ich zumindest. Die Voraussetzungen für einen Nachtwächter erfüllte ich sowieso: Kettenraucher, Kaffeejunkie und ein vom inflationären Filmkonsum geschultes Englisch. Mein Mitbewohner Basti war ohne Überzeugungsarbeit ebenfalls sofort von dem Jobangebot begeistert. Das Einstellungsgespräch: „Klasse Jungs. Klasse. Ihr seid echt klasse. Da könnt ihr ’ne ruhige Kugel schieben, Jungs. Klasse.“ Die Schicht sollte um 22 Uhr beginnen und endete dann um sechs Uhr früh. Das hieß: Acht Stunden lang durch die Gänge schleichen und auf der großen Ledercouch in der Lobby sitzen, Kaffee trinken und fernsehen. So begann der erste Arbeitstag: Wir schlurften in die Hotellobby und stellten fest, dass da kein Fernseher ist. Ein schwerer Schlag, denn wir rechneten schließlich nicht mit übermäßig viel Arbeit. Doch bevor wir dieses Thema erörtern konnten, irritierte uns ein junger Mann hinter der Rezeption, der leise in sich hineinkicherte. „Hey Mann, alles klar, Mann? Bist du Nachtwächter?“, fragte er. „Logo!“, sagte ich. „Logo. Cool, Mann. Du wirst echt deinen Spaß haben. Logo, logo. Versprech’ ich dir.“ Dann begann er, weiterhin kichernd, irgendwelche Schreibarbeiten. Wir fuhren mit dem Aufzug in den fünften Stock. Dort befand sich eine große Bar mit Terrasse und einigen Bierbänken. Hinter dem Bartresen sang eine Frau irgendwelche Lieder auf Spanisch. Gäste, die meisten davon Amerikaner, saßen an der Bar und unterhielten sich so laut, dass sie sogar die südamerikanischen Rhythmen aus der Anlage übertönten. Wir hielten es für eine gute Idee, einfach auch mal ein Bier zu trinken. Die Frau, die uns das Bier reichte, hieß Karla, kam aus Argentinien und sang gerne lauthals zur Musik mit. Wir beäugten die Gäste in der Bar und suchten nach weiblichen, attraktiven Exemplaren. Leider konnten wir keine ausmachen. Dafür rülpste ein Amerikaner ohrenbetäubend und meinte: „Woah! Fuck Dude! Awesome!“ Wir bekamen Hunger und suchten die Küche im Keller. Ich stellte mir schon ein ordentliches Buffet vor, das da auf seinen morgendlichen Verzehr wartete. Doch leider gab es nur abgepackte Wurst. Die schmeckte nach Plastik. Und abgepackten Käse. Der schmeckte nach Knetmasse. Während wir uns abwechselnd Knetmassen- und Plastikreste zwischen den Zähnen rauspulten, spazierten wir durch die langen Gänge des Hostels. Ein bisschen Arbeit könnte ja auch für Entertainment sorgen. Und siehe da: Ein paar Kids brüllten eine Spur zu laut in ihren Zimmern – also hin und unsere Autorität als Nachtwächter in Turnschuhen und bunten T-Shirts ausprobieren! Wir verschafften uns Zugang zum Zimmer und wiesen die Teenager daraufhin, doch ein bisschen leiser zu sein. Es funktionierte. Uns wurde versprochen, jetzt sofort einzuschlafen. Wir erinnerten uns an unsere eigene Zeit in diversen Schulandheimen und beschlossen nicht zu hart mit den Jungs ins Gericht zu gehen, die später in dieser Nacht versuchten, in das Mädchenzimmer zu gelangen. Wie wir danach so über Vergangenheit quatschten kam eine ältere Frau aus ihrer Tür und meinte: „Könnt ihr ein bisschen leiser sein. Meine Schulklasse muss morgen früh raus.“ Ralph Glander

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