Näher ran!

Befehlston, Konkurrenz und Rebellion: So sah das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen früher aus. Heute? Ist da immer öfter Freundschaft und Pragmatismus. Über das Happy End einer problematischen Beziehung.
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Die Tür geht auf und es knallt. Ein kurzes, dumpfes Geräusch. "’Tschuldigung", sagt Thomas, "hat Papa mitgebracht." Auf dem Dielenboden steht ein ferngesteuertes, frontal gegen die Wand ankämpfendes Mini-Rennauto. Von weiter hinten in Thomas’ Wohnzimmer ruft Jürgen: "Gefahren bist du aber schon selbst, oder?" Beide lachen.

Jürgen ist Thomas' Vater. Der 61-Jährige hat es sich auf dem Sofa am Fenster gemütlich gemacht. Auf dem Tisch vor ihm, zwischen Obstschalen, Teelichtern und Kekstellern, dampfen große Tassen mit Kaffee und Tee. Jürgen und Thomas, 35, treffen sich jedes zweite Wochenende. Sonst treffen sie sich im Fußballstadion von Hannover 96. Seit vier Jahren haben sie Dauerkarten. "Wir haben so unsere Routinen", sagt Jürgen. Vor den Spielen treffen sie sich immer am selben Platz. Wenn einer mal zu spät ist, wartet der andere dort unter der Laterne auf ihn. Wie Kneipenabende mit einem guten Kumpel fühlen sich die Vater-Sohn-Heimspiele an, sagt Thomas. Und Jürgen schwärmt: "Wir lieben beide diesen Verein, aber wenn mein Sohn auf der Tribüne neben mir sitzt, macht es das Ganze noch attraktiver."

Logisch, manchmal muss ein Vater immer noch sagen, wo's lang geht. Aber Väter sind heute immer seltener Vollzeitversorger. Warum sollten sie dann daheim als Bestimmer auftreten?

Das neue Vater-Bild

Väter können manchmal nicht anders: Sie drängen ihre Söhne in ein bestimmtes Leben, das sie selbst sich für die Söhne wünschen. Diese einseitige, besonders konfliktgefährdete Vater-Sohn-Beziehung gibt es heute weit weniger häufig als in den Generationen zuvor. Den Eindruck hat Sandra Konrad, Familientherapeutin und Autorin des Buchs "Das bleibt in der Familie". Aber auch viele ihrer Kollegen bestätigen die Veränderungen, die für einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der Familie stehen: Väter sind keine Vollzeitversorger mehr, die zu Hause ausschließlich durch ihre Härte auffallen. Sie sind keine Lehrmeister mehr, keine Trainer. Sie bestimmen nicht mehr, zumindest nicht mehr viel. Auch, weil sie es nicht mehr wollen. Stattdessen wollen sie Partner sein, Freunde, die den Söhnen mit Achtsamkeit und Wertschätzung entgegenkommen. Einigen Vätern gelingt das früher, anderen später. Den wenigsten aber gelingt es nie.

Thomas' und Jürgens Vater-Sohn-Freundschaft klingt kitschig, fast unwirklich. Tatsächlich sind Kumpelbeziehungen wie ihre aber keine Seltenheit. Feste, nahezu konfliktfreie Bindungen gibt es heute in immer mehr Familien. Eine Frage der Jahrgänge, sagt Sandra Konrad. Die Kriegskinder und die nächste Generation litten oft unter der Strenge ihrer Eltern. "Viele haben sich vorgenommen, das bei ihren Kindern anders zu machen", sagt sie. Liebevollere, verständnisvollere Väter zu sein. Dieses neue Vater-Bild habe sich durchgesetzt. Das sei zwar keine Garantie für dauerhaften Frieden, aber eine Grundlage, um schnell Lösungen zu finden, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt. Und zu denen komme es zwangsläufig, zu denen müsse es sogar kommen, sagt die Therapeutin. Schließlich sollen Väter ihren Söhnen nicht nur Sicherheit und Halt, sondern auch gewisse Regeln vermitteln, an denen die sich reiben können, bis sie erwachsen sind.

Jürgen und Thomas drücken sich nebeneinander in die Polster. Sie wirken entspannt. Auch als Jürgen seine eigene Vater-Geschichte erzählt. Seine Eltern trennten sich früh. Jürgen hatte bald einen Stiefvater, ein Alkoholiker, der gegenüber Jürgen und seiner Mutter sehr hart war. "Ich glaube", sagt er, "die Ungerechtigkeit, die ich damals erlebt habe, hat dazu geführt, dass ich es mit meinen Kindern unbedingt anders machen wollte, ganz anders. Ich wollte, dass die Erziehung meiner Kinder das Gegenteil von meiner eigenen wird."

Thomas kratzt sich mit einer Hand am Kopf. "Ich weiß gar nicht, wann wir uns das letzte Mal richtig gestritten haben. Ist bestimmt schon ein paar Jahre her. Das war doch damals, als du meintest, ich würde mich zu wenig um Oma kümmern, oder?"

Jürgen nickt: "Stimmt. Aber das haben wir schnell geklärt. Wir haben uns zusammen in den Garten gesetzt, gegrillt und über alles gesprochen." Konflikte müssen nicht unnötig in die Länge gezogen werden, findet Jürgen. In Thomas Jugend war das noch anders. "Damals ist Thomas immer weggegangen, wenn wir uns gestritten haben. Ich hätte lieber sofort alles geklärt, war da eher kämpferisch. Ich war dann immer derjenige, der später zu Thomas gegangen ist, damit wir die Sache aus der Welt schaffen konnten."

Das Ende der "Basta"-Erziehung

Speziell in der Pubertät, sagt die Therapeutin Sandra Konrad, ist es wichtig, dass sich der Vater in Streitsituationen souverän verhält. Auf ihn und sein "Konflikthandwerkszeug" komme es an. Gelinge es ihm, mit Meinungsverschiedenheiten und der Entwicklung der Autonomie des Sohnes angemessen umzugehen, könne ein Streit klein gehalten und bald beendet werden, vielleicht sogar ganz vermieden. Wenn der Vater hingegen auf eine Art "Basta-Erziehung" bestehe, dem Sohn also ständig seine Meinung aufzwinge, weil er es in seiner Familie, vor allem von seinem Vater genauso gewohnt war, können sich "die emotionalen Altlasten auch in der aktuellen Vater-Sohn-Beziehung niederschlagen".

Mögliche Folgen: Drucksituationen, die sehr lange anhalten können. Ein Reizthema zwischen Vätern und Söhnen ist immer Leistung. Genauer: Leistungserwartung. Haben Vater und Sohn unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft und Karriere des Sohnes und wollen diese jeweils unbedingt durchsetzen, verliert die Beziehung schnell an Halt. Freiräume sind wichtig.

"Am stolzesten", sagt Jürgen, "war ich auf Thomas, als er sich seine Lehre als Veranstaltungstechniker alleine ausgesucht hat. Damals war er gerade etwas abgedriftet, es war nicht klar, wie es weitergehen würde. Und dann hat er da mit eigener Kraft wieder herausgefunden. Fand ich toll." Heute ist Thomas Projektleiter für diverse Events. Er nimmt die Fernsteuerung wieder in die Hand und sagt: "Ich auch."Söhne, sagt Sandra Konrad, wollen sich an ihren Vätern messen. An den vermeintlich Besten testen. Denn: "Für Söhne ist der Vater oft der erste große Held. Er kann alles, weiß alles und ist mit der tollsten Frau der Welt zusammen."

Nicht selten eifert der Sohn dem Vater nach, will genauso stark und schlau sein. Schafft er das, kommt irgendwann gar der Moment, in dem der Sohn den Vater überholt, wird die Beziehung oft schwierig. Der Vater muss erst lernen, mit dem Verlust der Überlegenheit umzugehen. Spätestens wenn ihm vom eigenen Sohn die Grenzen aufgezeigt werden, sagt Konrad, wird ihm klar: Jetzt werde ich alt. Noch riskanter ist es, wenn sich der Vater sogar einen Sohn wünscht, der mehr Leistung bringt, als er selbst.

Das Problem Leistungsdruck

"Papa hat irgendwann gesagt: Ab heute trainieren wir täglich", sagt Andreas und atmet tief durch. Er hat sich gerade ein neues Shirt übergestreift. Der Schweiß läuft ihm über die Stirn, die Wangen, den Hals. Sein Gesicht glüht. Andreas ist 25, er sitzt auf einer kurzen, weißen Plastikbank in der Mitte der Tennishalle, die sein Vater Georg betreibt. Der steht oben im Hallenrestaurant, sieht durch eine Glasscheibe runter und winkt. "Da war ich elf oder zwölf, glaube ich. Ich weiß gar nicht, ob ich mich damals wirklich gewehrt habe. Wahrscheinlich nicht."

Andreas hat mit dem Tennisspielen angefangen, als er in die Grundschule kam. "Das hat Spaß gemacht", sagt er. "Wir waren vier Freunde in einer Trainingsgruppe und haben uns auf jede Stunde gefreut." Sein Trainer bescheinigte Andreas bald großes Talent. Viel mehr Talent als den anderen in der Gruppe. Sein Trainer: sein Vater. "War schon ein bisschen komisch", meint Andreas, "alle haben ‚Herr Dettmann' gesagt, nur ich blieb bei ‚Papa'." Dass sein Vater ihn nicht nur stärker gefördert, sondern auch weit mehr gefordert hat als die anderen Tennisjungs, störte ihn aber nicht weiter. Zunächst. Mit 14 dann, Andreas hatte schon einige hochklassige Turniere gespielt, spürte er die Nebenwirkungen des Wettbewerbs. Er fühlte sich unwohl, bedrängt. Denn, ob er wollte oder nicht: Erfolg war für ihn nicht mehr nur möglich – "sondern fast meine Pflicht. Das war extrem. Ich hab mich dann gefragt, warum mein Vater das macht. Und irgendwann hab ich's kapiert: Ich sollte für ihn gewinnen. Weil er damals selbst nicht gewinnen konnte."

Das Recht auf Spaß

"Väter machen sich oft Sorgen, dass ihre Söhne nicht genug erreichen", sagt Konrad, "oder nicht das in ihren Augen Richtige." Es könne passieren, dass sie deshalb versuchen, die Kontrolle über die Söhne zu gewinnen. Dass sie beginnen, deren Leben zu bestimmen. Ein freudloses Unterfangen für beide, denn irgendwann lassen die Söhne die Väter spüren, was sie von einem Leben als Marionette halten. Sie wollen ihr Recht auf Spaß zurück. Viele fangen an, sich von ihren Vätern zu distanzieren, abzuschotten. Zu rebellieren.

"Als ich 15 war, wurde ich zum ersten Mal Bezirksmeister", sagt Andreas. "Nach dem Finale bin ich mit Freunden weggegangen, auf eine Privatparty. Ich wollte feiern, einfach nur feiern. Ich kam total betrunken nach Hause. Als Strafe hat mir mein Vater Extratraining aufgebrummt – jeden Tag. Und ich bin nicht hingegangen. Weder zu den Extraeinheiten, noch zum normalen Training. Ich bin gar nicht mehr zum Tennis gegangen. Ich hatte keinen Bock mehr. Nicht auf Tennis, nicht auf meinen Vater."

Sein Vater Georg kommt jetzt mit zwei neuen, in Plastikfolie verpackten Schlägern dazu. "Und?", fragt er zur Begrüßung: "Hat er schon erzählt, wie schrecklich ich bin?" – "Papa!" – "Ich frag ja bloß." Es folgt ein Handschlag, der durch die Halle schallt. Und dann erzählt Georg seine Geschichte weiter. In seiner Jugend habe er viel Tennis gespielt, sehr viel, jeden Tag. Im selben Club, in dem jetzt Andreas spielt. Allerdings erst mit 13. "Ich war spät dran – und leider nicht wirklich gut. Clubmeister bin ich mal geworden, aber mehr ging nicht. Irgendwann wurde ich dann Kinder- und Jugendtrainer. Immerhin." Als Coach sah er die Chance, wenigstens andere groß raus zu bringen, etwa den Sohn. Ob das auch dessen Wunsch entsprach, war zweitrangig.

"Und das war natürlich Quatsch", sagt er heute, "weiß ich ja selbst, geb ich ja zu". Er setzt sich neben Andreas auf die Bank, greift einen der Filzbälle vom Boden, dreht ihn, legt ihn von der einen in die andere Hand. Er guckt den Ball skeptisch an, dann wirft er ihn weg. "Ich hab zu lange gebraucht, um es zu merken", sagt Georg, "das tut mir heute leid." – "Passt schon", sagt Andreas. – "Nein, passt es nicht. Aber danke."

Andreas, erzählen Vater und Sohn gemeinsam, durfte irgendwann ganz aufhören mit dem Tennisspielen. Wollte er aber nicht. Nachdem sich sein Vater "zumindest einen kleinen Jugendwunsch" erfüllt und eine eigene Tennishalle gepachtet hatte, habe Andreas "den Sport wieder als Spaß verstanden", neben seinem Politikstudium. Seitdem spielen die beiden nicht mehr jeden Tag, auch nicht jede Woche, aber immer noch regelmäßig. Und auf eine neue Art ehrgeizig: "Wichtig ist, dass ich noch gegen meinen Vater gewinne", sagt Andreas und grinst. Georg sieht ihn an und nickt: "Und mir ist wichtig, dass du ab und zu mal vorbei kommst. Muss auch gar nicht wegen Tennis sein."

Text: erik-brandt-hoege - Foto: gregepperson / photocase.com

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