Neu: Männer sind so, Frauen sind so

Phil Langer ist Sozialpsychologe und erklärt, warum wir mit Sex-Studien bombardiert werden
xifan-yang

Sex-Studien erklären, warum Männer sich wie Männer verhalten und Frauen halt Frauen sind. In den vergangenen Wochen sind wieder hübsche Exemplare solcher Studien auf den Markt gekommen. Eine Mini-Auswahl: „Evolutionsvorteil: Egoist + Draufgänger = Frauenheld“ (spiegel.de am 19. Juni 2008). „One-Night-Stand-Studie: Jede zweite Frau bereut Einmal-Sex“ (bild.de am 26. Juni 2008). Begründet werden die Studienerkenntnisse oft mit Hinweisen auf die Evolution – Frauen stehen eben auf Arschlöcher, weil diese besser Feinde eliminieren und Nachkommen verteidigen können. Muss man so was glauben? Wir haben mit dem Sozialpsychologen und Genderforscher Dr. Phil Langer, 33, von der Ludwig-Maximilians Universität in München gesprochen. jetzt.de: Phil, erklär’ uns mal das Phänomen „Sex-Studie“. Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass wir von Sex-Studien jeder Art überschwemmt werden. Phil Langer: Das entspricht auch meiner Wahrnehmung. Männlichkeit, Weiblichkeit, Begriffe wie Der neue Mann oder Metrosexualität werden medial abendunterhaltend thematisiert und im Zuge dessen wird vermehrt wieder nach Unterschieden gesucht. In unserer Gesellschaft wird Sexualität immer noch als etwas Triebhaftes und Irrationales angesehen – gleichzeitig ist sie aber ein zentraler Teil unserer Lebenswelt. Insofern suggerieren diese Studien, eine Art verdeckte Wahrheit über uns selbst auszusagen. Und nicht zuletzt ist klar, dass solche Studien mediale Aufmerksamkeit sichern.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Phil Langer jetzt.de: Viele Studien werden stolz mit dem Prädikat „wissenschaftlich beglaubigt“ versehen. Wie ernst sollen wir die Ergebnisse also nehmen? Phil: Allein das Label „wissenschaftlich“ genügt nicht. Gerade dann, wenn auf Wissenschaftlichkeit stark Bezug genommen wird, würde ich sie eher in Frage stellen. Oft stecken hinter diesen Studien Meinungsforschungsinstitute, die eher wenig nach wissenschaftlichen Standards arbeiten. Auf der anderen Seite kann man viele dieser Studien schon ernst nehmen, weil sie ja durchaus etwas über Werte und Einstellungen in unserer Kultur sagen. jetzt.de: Im Fall von Meinungsforschungsinstituten leuchtet es ein, dass in erster Linie die mediale Vermarktung von Studien das Ziel ist. Trifft das auch auf Unistudien zu? Phil: Studien, die an einer Universität durchgeführt werden, werden in den Medien nur nach selektiven Gesichtspunkten präsentiert. Am Ende steht im Boulevardblatt: „Männer sind so, Frauen sind so“. Die Studien selbst, auf die Bezug genommen werden, können vollkommen andere Aussagen beinhalten. Die Nuancen gehen im Vermittlungsprozess zwischen Forschung und Medien verloren. Andererseits werden auch immer mehr Studien an Unis durchgeführt, die von der Medienseite in Auftrag gegeben worden sind. Auch der Wissenschaftsbetrieb ist natürlich in zunehmendem Maße ökonomisch bestimmt, und in der Auftragsgestaltung dieser Forschungsarbeiten ist immer schon etwas von den Resultaten impliziert. jetzt.de: Die einen sagen, das „Geschlecht“ ist eher ein soziales Konstrukt, die anderen sagen, Geschlecht ist allein eine biologische Angelegenheit – schliessen sich beide Theorien denn gegenseitig aus? Phil: Die beiden Haltungen vertragen sich schon. Das Zusammenspiel von Biologie und Kultur ist eigentlich inzwischen Konsens, wenn man über die Kategorie „Geschlecht“ spricht. jetzt.de: Aber ist es denn richtig, dass es einen Trend zu evolutionären Erklärungsansätzen gibt, wenn zu den Unterschieden von Frau und Mann geforscht wird? Von wegen: Schon in der Steinzeit war der Mann für das Jagen und die Frau für die Brut verantwortlich? Phil: Das ist definitiv so. Die Evolutionsforschung beansprucht, Fakten zu liefern, die unhintergehbar sind. Es wurde auch lange angenommen, dass in den Genen die letzten Erklärungen für alles zu finden seien – dabei ist auch unser genetisches Material alles andere als starr und fix. Aber mal ehrlich: Dieser Wahrheitsanspruch der Evolutionsforschung hat meiner Meinung nach mehr mit wissenschaftsinternen Machtspielen zu tun als mit einer Produktion von Wahrheit. jetzt.de: Es ist schon interessant: Wir tun emanzipatorisch korrekt, aber dann wollen viele Mädchen doch keinen Freund, der kleiner ist und schlafen gerne an einer starken Schulter ein . . . Phil: Ich finde das sehr spannend, nachzuvollziehen, wie stark Idealvorstellungen eines Partners verinnerlicht sind. Wir müssen uns überlegen, inwieweit unsere persönliche Entscheidung bei der Partnerwahl von gesellschaftlichen Anforderungen abhängt. Bewusst anders zu handeln ist sehr, sehr schwierig. Grundsätzlich gilt aber nach wie vor: Wie man Partnerschaft leben will, ist die persönliche Entscheidung von jedem. Es gibt ein wunderschönes Lied einer englischen Band namens Cornershop, in dem es heißt: „Everyone needs a bosom for pillow“ – jeder braucht jemanden zum anlehnen. Wenn beide Seiten gewisse Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit teilen und sie dabei gleichzeitig immer reflektieren – dann ist das doch eigentlich wunderbar.

Text: xifan-yang - Foto: privat

  • teilen
  • schließen