Neues Buch - Leih mich aus!

Bibliotheken sind nicht nur was für Hausarbeit schreibende Studenten: Ein Rundgang durch Münchens schönste Büchereien
therese-meitinger

Bibliothek des Deutschen Museums

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Illustration: Julia Schubert


Status: Hoch wissenschaftlich. Die Deutsche Forschungsbibliothek für Naturwissenschafts- und Technikgeschichte wurde 1903 gegründet und ist heute die größte deutsche Museumsbibliothek.
Was du hier findest: Seltene Primärtexte aus der Technikgeschichte, aber auch „Science Busters“, „Polish Aircraft 1893-1939“ oder „Experimente mit Supermarktprodukten“.
Atmosphäre: Wie man sich Cambridge um 1932 vorstellt. Zwei Lesesäle mit langen Tischreihen, viel hellem Holz und sanftem Grün, Lesepulte, die angenehmsten Drehstühle der Welt. Die große Ruhe hier wird nur unterbrochen, wenn sich die Zeiger der Metalluhren klackernd eine Minute weiterbewegen.      
Auch da: Naturwissenschaftler. Die Pullunderdichte ist relativ hoch, aber nicht nur der Typ „leicht zerstreuter Chemieprofessor“ schaut rein, sondern auch hübsche TU-Studenten.
Was ablenkt: Die Versuchung, sich im nahen Müllerschen Volksbad den irgendwann vollgeformelten Kopf freizuschwimmen.


Internationale Jugendbibliothek
 
Status: Verspielt. Die weltweit größte Bibliothek für internationale Kinder- und Jugendliteratur ist in Schloss Blutenburg untergebracht und verleiht Titel in 13 verschiedenen Sprachen sowie Sekundärliteratur.
Was du hier findest: Die „Bröderna Lejonhjärta“ von Astrid Lindgren, das Hasenbilderbuch „Princess Bun Bun“, den Ratgeber „Ich lerne Hockey“.
Atmosphäre: Bücherschloss. Unter mittelalterlichen Rundbögen stehen kleine Regale, Stoffwürfel und Tische mit Mühlemuster. An den Wänden hängen Illustrationen aus bekannten Kinderbüchern. Es gibt bunte Postkarten zu kaufen und Papierfahnen fordern: „Neues Buch – bitte leih mich aus“.
Auch da: Hibbelige Kinder, vampirfixierte Jugendliche, Eltern und Omas, Pädagogikstudenten und Fremdsprachenlernwillige, die sich „Erwachsenenliteratur“ noch nicht zutrauen.
Was ablenkt: Das Angebot in der „Schlossschänke“. Mit Gerichten wie „kleiner Kräutersalat“ und „Gefügelleberterrine mit Dörrpflaumen und glasierten Äpfeln“ fällt es ziemlich erwachsenenaffin aus.
 
 
Die Bayerische Staatsbibliothek
 
Status: Staatstragend. Die zentrale Landes- und Archivbibliothek des Freistaates Bayern gehört mit knapp 10 Millionen Medien zu den bedeutendsten europäischen Wissenschaftsbibliotheken.
Was du hier findest: Einzelbände zu allen vorstellbaren wissenschaftlichen Disziplinen, unzählige Datenbanken und Zeitschriften mit Titeln wie „Das Personal bei Unternehmen für Postservice, Logistik und Telekommunikation.“
Atmosphäre: Respekteinflößend. Schon wenn man die endlose Steintreppe vom Eingangstor zum Lesesaal hochgeht, fühlt man sich sehr klein.
Auch da: Im Prinzip Wissensdurstige jeder Art. Tatsächlich aber vor allem Studenten der benachbarten LMU – und zwar viele davon. Gute Leseplätze muss man oft schon frühmorgens suchen.
Was ablenkt: Der überdachte Raucherbereich. An Bistrotischen in dem historischen Innenhof zu rauchen ist ein guter Kontrapunkt.
 

Bibliothek des Deutschen Alpenvereins
 
Status: Bergig. Die weltweit größte alpine Spezialbibliothek steht nicht nur DAV-Mitgliedern offen.
Das findest du hier: Die famose Alpenvereinskarte „Silvrettagruppe“ und das Schauersachbuch „In eisige Höhen – Sterben am Mount Everest“.
Atmosphäre: Schnörkellos. Weiße und alpenvereinsgrüne Wände, außerdem sehr nette Ausleihdamen und ein charmantes Flohmarkt-Regal, bei dem ein ausgemustertes Buch 10 Cent kostet – und zehn Bücher 50 Cent.
Auch da: Ältere Herren, die Wochenendtouren auf die Kampenwand planen und vom Nanga Parbat träumen.
Was ablenkt: Wenig. Die Bibliothek des Alpenvereins befindet sich im Haus des Alpinismus und das wiederum liegt mitten in der Isar auf der Praterinsel. Was sich angenehm abgeschieden anfühlt.


Bibliothek im Amerika Haus
 
Status: Interkontinental. Wie das gesamte Angebot des Amerika-Hauses soll die Bibliothek vor allem die bayerisch-amerikanische Völkerverständigung fördern. Ihr Schwerpunkt liegt auf US-Geschichte, -Politik, -Gesellschaft und -Kultur.
Was du hier findest: Ohne Hilfe erst einmal nicht viel: Das System, nach dem die Titel sortiert sind, ist nämlich recht verwirrend und die Beschilderung spärlich. Mithilfe der netten Bibliothekarin kommt man dann aber auf den Trichter - und zu „Mormonsim for Dummies“ oder der dritten Staffel „Mad Men“.
Atmosphäre: Entspannt. Es gibt Gruppentische und Topfpflanzen, von der Decke hängen traubenartige Lampenkugeln.
Auch da: Am wahrscheinlichsten strebsame Oberstufler und ihre Lehrer – für sie bietet die Bibliothek diverse Seminare an. Und Schilder, auf denen steht: „Sie helfen uns sehr, wenn Sie die Bücher nicht selbst in die Regale zurückstellen. Vielen Dank.“
Was ablenkt: Die wirklich guten Fotoausstellungen im Foyer.
 
 
Zentralbibliothek am Gasteig
 
Status: Mutterschiff. Die Zentrale der Münchner Stadtbibliotheken im Kulturzentrum Gasteig bietet Bücher, Zeitschriften, CDs und DVDs in großer Bandbreite. Integriert sind auch Kinder-, Musik- und philatelistische Bibliotheken.
Was du hier findest: Die „Sturmzeit-Trilogie“ von Charlotte Link, „Günter Grass im Visier“ und „Deutsche Flötenkonzerte“ oder den Film „Amores Perros‘. Besonders gefragt: Das „Kultbuch Weihnachten“ – es hat eine verkürzte Ausleihfrist.
Atmosphäre: Unprätentiös. In diesem Backsteinbau gibt es keine Stöcke, sondern ineinander geschobene Ebenen. Darauf: Funktionsstühle, Funktionstische und  Metallregale mit Röhrenlampen. Bunte Plastikbuchkörbe werden durch die Gegend getragen. Einziger Luxus: Statt Abschließfächern gibt es echte Garderobieren.
Auch da: Am Wochenende irgendwie alle. Unter der Woche Rentner, Schülerinnen, Studenten und Leute, die aus irgendeinem Grund gerade viel Zeit haben.
Was ablenkt: Wenig. Der Kaffeeautomat zum Beispiel fällt zwischen Zentralinformation und Kopierern kaum auf. Besonders Ruhebedürftige können sich außerdem Ohrstöpsel aus dem „Kaugummiautomaten“ ziehen oder separate Arbeitskabinen mieten. Auch vor der Riesenfensterfront wird man nicht unnötig von der Aussicht gestört: Gegenüber liegen traurige Billig-Supermärkte.

Monacensia
 
Status: Die München-Spezialistin. Diese Zweigstelle der Zentralbibliothek sammelt alles Gedruckte, das in irgendeiner Weise mit München zu tun hat. Dazu gehört auch das Literaturarchiv, das 290 literarische Nachlässe Münchner Autoren verwaltet. Die Mitarbeiter der Bibliothek werten seit 1955 täglich Münchner Tageszeitungen und Zeitschriften auf Münchner Themen hin aus und vermerken sie auf Karteikarten.
Was du hier findest: In der Bibliothek: „Die Kirche St. Georg zu Obermenzing“, „Liesl Karlstadt – ein Leben“, „Die Münchner Olympia-Diät“. Im Archiv vor allem Manuskripte und Briefwechsel, aber auch die Zigarettenspitze von Annette Kolb und den Rosenkranz von Lena Christ.
Atmosphäre: Nobel bis angestaubt. Die Monacensia ist in der ehemaligen Prunkvilla des Bildhauers Adolf von Hildebrand untergebracht.
Auch da: Eine Mischung aus stadtgeschichtsinteressierten, älteren Herrschaften und Studenten. Das Literaturarchiv gewährt nur bei nachgewiesener wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit Zutritt: Wer nicht mindestens an einer Proseminararbeit sitzt, muss draußen bleiben.
Was ablenkt: Auf den Tischen im stuckierten Lesesaal werden gerne auch einmal Rundbriefe lautstark zusammen getackert.

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