"Nicht alle muslimischen Frauen sitzen zu Hause"

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„Lady Scar. Rapperin mit Kopftuch“, „Halal Tattoo – die eigenen vier Wände im islamischen Stil“, „Allahs schöns(t)e Namen“ und „Die neuesten Burkini-Trends“ heißen Artikel im neuen Magazin Imra’ah. Dabei handelt es sich um Deutschlands erstes muslimisches Frauenmagazin, gegründet von der 23-jährigen Mediendesignstudentin Sandra Adeoye. Imra’ah bedeutet übersetzt „Frau“, das Heft wurde schon als islamische Cosmopolitan bezeichnet. In den Texten geht es aber nicht nur um Schminktipps und Modestrecken: Interviews mit Frauenrechtlerinnen und Geschichten über erfolgreiche muslimische Frauen sollen die Leserinnen, so die Magazingründerin, „inspirieren und motivieren“. jetzt.de hat mit Sandra gesprochen. 
 
  jetzt.de: Sandra, wie entstand die Idee zu Imra’ah?
  Sandra: Als Uniprojekt. Wir sollten in einem Seminar ein innovatives Magazin entwickeln. Ich konvertierte zu dieser Zeit vom Christentum zum Islam und beschäftigte mich sehr mit der Darstellung des Islams in den Medien. So entstand die Idee, ein Magazin zu gestalten, das ein anderes Bild des Islam zeigt als es bisher der Fall ist. 
 
  jetzt.de: Wie kam die Idee an?
  Sandra: Meine Dozentin war skeptisch! Sie hat bezweifelt, dass das ein gutes Konzept ist. Letztlich habe ich auch nur eine drei bekommen. Aber meine Kommilitonen haben mich unterstützt. Sie meinten, dass sei ein tolles Thema und ich solle dran bleiben, weil es nicht nur für Muslime interessant sei. 
 
  jetzt.de: Mittlerweile gab es vier Ausgaben und Imra’ah wird in Online-Shops, auf deiner Homepage und in einigen Läden in Deutschland, in Berlin und Dortmund, verkauft. Hattest du von Anfang an den Plan, dass aus dem Uniprojekt ein echtes Magazin wird?
  Sandra: Ja, ich habe auch sofort nach echten Werbekunden gesucht. Ich habe geschaut, welche Angebote es für muslimische Frauen gibt – beispielsweise Onlineshops für Mode und Kosmetik. Dann habe ich einfach angerufen. Die Reaktionen waren sehr positiv. Die erste Ausgaben hatte eine Auflage von nur 500 bis 1000 Stück. Bei der aktuellen haben wir 1500 drucken lassen. Viele Leser fragen auch nach alten Ausgaben, deshalb drucken wir jetzt noch mal nach. 

  jetzt.de: Wer gestaltet das Heft und woher kommen die Ideen für die Artikel?
  Sandra: Das meiste mache ich alleine. Ich halte immer Augen und Ohren offen und arbeite somit eigentlich die ganze Zeit am Magazin. Wenn ich interessante Gespräche zwischen muslimischen Frauen höre, spreche ich sie auch schon mal an. Ein paar Kommilitonen haben Geschwister, die zum Islam konvertiert sind oder in muslimischen Ländern leben, und die liefern mir auch Informationen und Ideen. Der Bruder einer Kommilitonin lebt im Jemen und setzt sich beruflich mit der Rolle der muslimischen Frau auseinander. Er hat mir wichtigen Input geliefert. Viele Interviewpartner melden sich selber, zum Beispiel Schriftstellerinnen und Frauenrechtlerinnen. Das Gestalten des Layouts und das Schreiben der Texte dauert zwei Wochen. Dann sitze ich Tag und Nacht am Computer.
 
  jetzt.de: Was willst du mit dem Magazin erreichen?
  Sandra: Es gibt so viele Nischenmagazine – warum nicht auch für Muslima? In Deutschland herrscht zur Zeit eine Phase der Spaltung. Ich finde, gerade jetzt ist es wichtig, eine Vermittlung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zu leisten; die andere Seite des Islams zu zeigen. Ich möchte mit den Vorurteilen aufräumen. Nicht alle muslimischen Frauen sitzen zu Hause und sprechen kein Deutsch. 
 

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Sandra, Cover ihres Magazins

  jetzt.de: Glaubst du, das Magazin hilft Muslima bei der Integration?
  Sandra: Ich denke, dass Imra’ah ein Beispiel sein kann. Wenn muslimische Frauen in Imra’ah erzählen, wie sie Arbeit und Familie gleichzeitig bewältigen, kann es für die Leserinnen eine Anregung sein. Mit Imra’ah will ich zeigen, wie wichtig Integration ist; dass es wichtig ist, die Sprache zu beherrschen. Nicht, weil es der Staat vorschreibt, sondern weil es für die einzelnen Personen von Vorteil ist. 
 
  jetzt.de: Würdest du in einem Artikel muslimische Frauen auffordern, Deutsch zu lernen?
  Sandra: Imra’ah soll motivieren und inspirieren, nicht befehlen. Die Frauen, die das Heft lesen, sollen lernen, was sie machen können. Aber sie müssen es nicht tun. Wer lieber zu Hause bleiben möchte, soll das machen.
   
  jetzt.de: Die Heftgründung hat damit zu tun, dass du vom Christentum zum Islam konvertiert bist. Wie kam es dazu?
  Sandra: Ich habe mich sehr lange und intensiv mit der Frage beschäftigt. Drei Jahre bin ich zu Sitzungen gegangen, habe verschiedene Gruppen besucht und den Koran gelesen. Ich habe immer an Gott geglaubt und mich auch mit dem Christentum beschäftigt, aber der Funke sprang nicht über. Ich wusste irgendwann, dass der Islam für mich der richtige Weg ist.
 
  jetzt.de: Du hast an anderer Stelle angekündigt, dass du bald ein Kopftuch tragen willst. Trägst du es schon?
  Sandra: Nein. Ich konnte mich noch nicht wirklich dazu entscheiden. Das Kopftuch ist für mich die letzte Konsequenz meines Konvertierens. Ein großes Symbol. Viele Muslima sagen zu mir, dass ich mir dessen sehr sicher sein soll. Ich bin einfach noch nicht so weit, weil ich heute noch Dinge mache, die für mich mit dem Tragen des Kopftuchs nicht einhergehen. Es zeigt ja auch nicht, wie religiös man ist und es heißt nicht, dass man eine bessere Muslima ist, wenn man es trägt.   

  jetzt.de: Was spricht für dich gegen das Tragen?
  Sandra: Ich schminke mich gerne. Wenn ich das Kopftuch trage, würde ich darauf verzichten. Ich würde mich auch anders kleiden. Ich laufe nicht freizügig herum, aber ich würde mit dem Kopftuch noch mehr darauf achten, was ich trage. Ein Kopftuch zu tragen heißt, seinen Schmuck vor dem Mann zu verstecken und das Schminken wäre dann ein Widerspruch für mich. 
 
  jetzt.de: Deine Mutter ist Christin. Was sagt sie zu deiner Entscheidung?
  Sandra: Dass ich konvertiert bin hat sie mittlerweile akzeptiert. An die Idee mit dem Kopftuch muss ich sie erst langsam gewöhnen. Das ist, glaube ich, ein Schritt zu viel für sie. Zu radikal.
   
  jetzt.de: Was sagen deine Freunde?
  Sandra: Auch für manche von ihnen wäre das Kopftuch zu viel des Guten. Dass ich konvertiert bin hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Meine muslimischen Freunde haben sich von Herzen gefreut, mein christlicher Freundeskreis war gespalten. Einige Kontakte haben sich gelöst, denn viele meiner Freunde haben große Vorbehalte gegen den Islam. Viele waren skeptisch und dachten, dass ich mich komplett ändern werde. Ich denke, dass ich kein anderer Mensch geworden bin, weil ich auf manche Dinge verzichte. Aber es stimmt, dass sich der Lebensstil ändert. Wenn meine Freunde feiern gehen, gehe ich nach Hause. Ich trinke keinen Alkohol mehr, was für viele ein Problem zu sein scheint. Zumindest fällt es auf. Aber natürlich gibt es auch Freunde, die mir entgegen kommen und zum Beispiel beim Kochen darauf achten, was sie zubereiten – so, dass ich es auch essen kann. 
 
  jetzt.de: Hast du nun mehr muslimische Freunde?
  Sandra: Mittlerweile schon. Aber das hat nicht nur etwas mit dem Konvertieren zu tun. Viele Freunde von früher haben nicht studiert und man lebt sich auseinander. 
 
  jetzt.de: Du bist seit kurzem mit der Uni fertig. Wie geht es weiter?
  Sandra: Ich würde das Heft gerne hauptberuflich machen. Darum habe ich Verlage angeschrieben. Ich hoffe, dass sie das Potential von Imra’ah erkennen. Falls nicht, werde ich das Magazin nebenher weiterführen.

Text: marie-charlotte-maas - Foto: oh

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