Niedliche Boys?

Die Musik der Band Boy wird gerne als Mädchenmusik bezeichnet. Was, zum Teufel, bedeutet das eigentlich noch? Ein Gespräch.
charlotte-haunhorst

jetzt.de: Kritiker schreiben über euch gerne als „Fräuleinwunder“ oder „Frauenduo“ – ist es noch außergewöhnlich, wenn zwei Frauen zusammen Musik machen?
Sonja: Anscheinend! Für uns ist es auch immer interessant zu beobachten, dass das noch so ist.
Valeska: Den Begriff „Männerduo“ verwendet ja auch keiner.
Sonja: Schon seltsam. Wir werden auch oft gefragt, ob wir uns viel streiten – das scheinen die Leute bei zwei Frauen direkt zu vermuten. Wir selbst machen uns über diese Themen gar nicht so große Gedanken.


Valeska Steiner und Sonja Glass

Vielleicht liegt es an der Musik, die ihr macht. Die wird gerne als „Mädchenmusik“ bezeichnet.
Valeska: Was ist denn Mädchenmusik? Der Begriff „Mädchen“ passt ja nicht einmal richtig.
Sonja: Ich bin immerhin schon 38.
Valeska: Wir sind zwei Frauen, die zusammen Musik machen. Aber das beschreibt unsere Musik ja nicht inhaltlich! „Mädchen“, das klingt gleich nach „niedlich“ oder „klein“. Wenn wir überhaupt ein Label für unsere Musik brauchen, würde ich sagen: Wir machen Popmusik und das ist nicht geschlechterspezifisch.

„Ganz reizend“, „süß“ und „lieblich“ sind auch Begriffe, die in Rezensionen über euch häufiger auftauchen.
Valeska: Für mich klingen diese Begriffe immer so, als wäre eigentlich „harmlos“ oder „nicht tiefgründig“ gemeint. Das finde ich negativ, denn wir machen keine harmlose Musik. Man könnte eher, positiv formuliert, sagen: Unsere Musik ist tröstlich. Sie nimmt einen auch mal in den Arm und hat eine positive Grundhaltung.
Sonja: Unsere Texte sind nicht immer positiv und niedlich.
Valeska: Wir konzentrieren uns vielleicht nicht immer auf die Schwere der Dinge, sondern suchen einen Weg, damit umzugehen. Aber ich finde das schon interessant – müssen männliche Bands sich auch mit diesen Verniedlichungen auseinandersetzen? Ich vermute eher selten.

Seid ihr denn so nett, wie alle behaupten?
Sonja guckt betont böse und sagt „nein“. Dann fangen beide laut an zu lachen.
Valeska: Ich glaube, wir sind wirklich nett. Auf der Tour in den USA hat der Booker einmal gesagt: „Sometimes I think they’re almost too nice.“ Da habe ich mich kurz gefragt, ob da was dran ist. Aber dann habe ich festgestellt: Nett sein bedeutet nicht automatisch, zu allem „ja“ zu sagen.
Sonja: Man kann auch sehr nett nein sagen.
Valeksa: Das stimmt, das habe ich auch ein bisschen von dir gelernt!
Sonja: Ich bin schon ein sehr direkter Mensch. Dafür habe ich von Valeska gelernt, Kritik ein bisschen schonender zu formulieren.
Valeska: Ich bin halt Schweizerin und Sonja Deutsche, das merkt man manchmal. Wir Schweizer sind eben sehr diplomatisch und formulieren unsere Standpunkte eher liebevoll.

Habt ihr das Gefühl, ihr werdet manchmal unterschätzt?
Sonja: Das ist jetzt ein Megaklischee, aber wenn, dann passiert mir das in Gitarrenläden. Da will ich mir dann einen Bass von der Wand nehmen und der Verkäufer sagt direkt „Also das ist jetzt schon ein sehr besonderes Instrument, wollen Sie nicht lieber . . .“ Dann muss ich schon klarstellen: Ich bin Berufsmusikerin, ich habe E-Bass studiert, ich weiß, was ich da tue.

Dass Du, Sonja, den Bass selbst spielst, wird in Interviews häufig thematisiert . . .
Sonja: Das stimmt. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Musikerin bin, sagen sie oft direkt: „Ah, eine Sängerin!“ Wobei man leider sagen muss, dass es im Verhältnis zu Männern wirklich wenige Frauen gibt, die Musikinstrumente spielen. Manchmal höre ich dann auch Sätze wie: „Für eine Frau spielst du ja ganz gut.“ Das ärgert mich. Ich habe schon früh Cello in einem klassischen Orchester gespielt. Deshalb käme ich nie auf die Idee, mich da gegenüber Männern unsicher zu fühlen.
Valeska: Diese Außenwahrnehmung von uns als Musikerinnen kriegen wir natürlich nicht immer direkt mit. Was wir aber mitkriegen: Wir arbeiten mit vielen Männern zusammen. Unsere Band, unser Management und unser Label bestehen hauptsächlich aus Männern. Und da haben wir das Glück, dass wir uns sehr gleichberechtigt fühlen. Da sagt nie jemand: „Ach, ihr niedlichen Mädchen.“
Sonja: Da sind wir die Chefs! (beide lachen)
Valeska: Das ist unsere Band, das heißt, wir setzen alles so um, wie es uns gefällt. Und da ist es gut, dass wir uns nicht belächelt fühlen.



Fühlt ihr euch unter Druck, mit den Erwartungen an die nette Mädchenband auch mal zu brechen?
Sonja: Nein, denn diese Form der Kritik treibt uns nicht an und wir haben nicht das Gefühl, dagegen ankämpfen zu müssen. Wir wissen ja ganz gut selbst, was uns bewegt und welche Musik wir machen wollen. Abgesehen davon kann man die Außensicht auf einen eh nicht steuern.

Wie ist das mit euren Fans? Sind das auch eher Frauen?
Sonja: Bei den Konzerten ist der Großteil des Publikums weiblich, ja. Das hat aber auch den Vorteil, dass es sehr schön klingt, wenn sie bei den Songs mitsingen (beide lachen). Aber wir laden natürlich auch Männer herzlich ein, zu unseren Konzerten zu kommen.
Valeska: Vielleicht liegt es auch daran, dass das Thema „Freundschaft“ in unserer Musik so präsent ist. Da kommen dann viele Freundinnen gemeinsam zu unseren Konzerten. Weil es schön ist, dort andere Freundinnen zu treffen.

Ihr spielt nicht nur in einer Band, sondern seid auch seit zehn Jahren enge Freundinnen. Ist das manchmal schwierig?
Valeska: Als Freundinnen haben wir selten Streit, aber über die Arbeit müssen wir viel diskutieren. Über Gitarrenlinien, das neue Cover . . . das ist sehr anstrengend. Aber meistens gelingt es uns ganz gut, die Freundschaft vom Beruflichen zu trennen, und wenn es doch mal kracht, das zu klären. Man sagt ja auch in Beziehungen, dass man nicht zerstritten ins Bett gehen soll – wir gehen nicht zusammen auf die Bühne, bevor wir uns vertragen haben.
Sonja: Das ist ja auch das Gute an einer Tour: Man weiß, man hat jetzt noch den halben Tag Zeit, sich zu vertragen, dann muss man wieder auf die Bühne. So haben wir beide gelernt, uns auch mal zu entschuldigen. Wir waren nach der Produktion dieses Albums auch noch zusammen in den Ferien. Da haben auch viele gesagt „Das könnt ihr doch nicht machen!“ Hat aber auch funktioniert. Nur in einer Situation wurde es uns dann doch zu nah. In Valeskas Haus wurde eine Wohnung frei und wir haben kurz überlegt, ob ich einziehen sollte. Wir haben dann doch entschieden: Im selben Haus müssen wir nicht auch noch wohnen.

Text: charlotte-haunhorst - Fotos: Debora Mittelstaedt