"Niemand nutzt die Werkstatt. Sie verfällt."

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Seit die Bundesregierung 2008 den Freiwilligendienst weltwärts einführte, waren mehrere Tausend junge Erwachsene mit einer Hilfsorganisation und einem Stipendium des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Ausland. Lars Thoma, 20, aus Norderstedt bei Hamburg ist einer von ihnen und verbrachte ein Jahr in Ecuador. Wieder zu Hause, produzierte er mit anderen "weltwärts"-Rückkehrern das Magazin globalista und schrieb darin einen kritischen Text über den Freiwilligendienst, der mit den Worten "Wir Kulturimperialisten" betitelt ist. jetzt.de sprach mit Lars über den Wert des Freiwilligendienstes.
 
jetzt.de: Lars, was hast du in Ecuador gemacht?
Lars: Ich war in einem Dorf mit 200 Einwohnern in der tropischen Zone und habe an einer Grundschule Englisch unterrichtet. An den Nachmittagen habe ich meiner Gastfamilie auf der Farm geholfen. Insgesamt waren wir in der Region um das Dorf herum 16 Freiwillige, die unterrichtet haben oder auf den Farmen beim Baumpflanzen mitgeholfen haben.  

Mit welcher Erwartung bist du nach Ecuador gereist?
Ich war sehr neugierig. Ich habe mir überlegt, dass es sinnvoll sein kann, dort Englisch zu unterrichten, dass es für die Kinder richtig ist und dass sie sicher sehr neugierig sind und sehr gerne Englisch lernen.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



War es so?
Nee. Ich hatte das Gefühl, dass die Kinder gar kein Englisch brauchen, weil die meisten sowieso im Dorf bleiben. Es gibt im Dorf selbst auch gar keinen Tourismus. Die brauchen die Sprache gar nicht. Schon vor mir waren drei Freiwillige an der Schule und haben Englisch unterrichtet. 95 Prozent der Kinder konnten trotzdem keinen Satz auf Englisch formulieren.  

Hat dich das frustriert?
Total. Ich habe versucht, mich reinzudenken. Muss ich anders an die Aufgabe rangehen? Ist die Aufgabe überhaupt richtig? Ich kam zu dem Schluss, dass die Aufgabe an sich falsch war. Lehrer und Kinder haben einen Riesenzeitaufwand für den Unterricht, aber der Bedarf ist gar nicht da. Man hätte die Zeit sinnvoller nutzen können.  

Wie war es beim Bäumepflanzen?
Wir haben aufgeforstet und nebenan die Wälder gesehen, die die Freiwilligen der vergangenen Jahre gepflanzt haben. Sie sind nicht gewachsen. Man muss immer rechtzeitig das Unkraut beseitigen, sonst gedeihen die Bäume nicht. Diese Arbeit ist wahnsinnig aufwendig und wird nicht geleistet. Dadurch sterben die meisten Bäume ab. Das Geld für das Pflanzen der Bäume war da, aber das Projekt scheitert trotzdem, weil die Pflanzungen nicht gepflegt werden.  

Die Lust am Initiieren eines Projekts ist also groß und die Lust an der Betreuung klein?
Das kann man so sehen. Im Nachbardorf wurde vor einiger Zeit eine Tischlerwerkstatt eingerichtet, die das Ziel hatte, den Menschen eine Möglichkeit zu geben, sich Geld zu erwirtschaften. Aber niemand nutzte die Werkstatt. Sie verfällt.  

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Lars

Haben die anderen Freiwilligen die Situation ähnlich gesehen?
Ja, viele waren von der Arbeit frustriert.  

Wie hat das Jahr deine Sicht auf den Freiwilligendienst verändert?
Anfangs dachte ich, dass es darum geht, etwas zu leisten und ich dachte auch, dass wir die Kompetenz dafür haben. Im Nachhinein denke ich, es geht eher um den Kulturaustausch und darum, eine eigene Vorstellung von Kulturen und Machtverhältnissen in der Welt zu bekommen.  

Gehen viele mit falschen Erwartungen ins Ausland?
weltwärts ist keine Entwicklungshilfe, das muss man verstehen. Implizit will man aber doch sinnvolle Arbeit leisten und demnach auch helfen. Viele wollten das. Ich auch.  

Was ist so schwierig daran, Menschen in anderen Ländern zu helfen?
Es ist schwierig, von Deutschland aus zu beurteilen, welche Bedürfnisse die Menschen in einem anderen Land haben. Man kann sich in seinen eigenen Annahmen verirren, wenn man zum Beispiel nicht bedenkt, wie aufwendig die Pflege eines Waldes ist.  

Nach deiner Rückkehr hast du einen sehr nüchternen Text verfasst, in dem du schreibst, dass die Gastgeberländer im Grunde diskriminiert werden, weil die Freiwilligen ungefragt ihre heimischen Ideale als Maßstab mitbringen würden. Was meinst du damit?
Ich finde schon das Konstrukt Entwicklung, also die Annahme, dass sich Länder geradlinig durch Bildung und Industrialisierung entwickeln müssen seltsam. Das ist eine westliche Vorstellung, die machtvoll auf andere Länder übertragen wird. Das ist aber unrealistisch. Ich habe mit anderen Freiwilligen über den Müll auf der Straße in Ecuador diskutiert. Viele fanden, wir müssten den Einheimischen Recycling beibringen. Aber ist das nicht komisch? Wir verschmutzen in Deutschland die Luft und verbrennen fossile Brennstoffe und gehen dann ins Ausland und sagen, die Menschen dürften keinen Müll auf die Straße werfen? Ich finde, dahinter steckt ein diskriminierendes Weltbild. Man geht davon aus, dass man helfen kann und muss, weil die eigene Kultur auf dem richtigen Weg ist. Das ist ein Fehlschluss.  

Immer wieder wird der Freiwilligendienst kritisiert, manchmal ist von Dritte Welt-Tourismus die Rede. Findest du diese Kritik berechtigt?
Das stimmt insofern, als am allermeisten ich selbst profitiere. So ehrlich muss man sein. Aber ich finde es trotzdem gut. Ich profitiere, indem ich mich und meine Sichtweisen verändere und weiterentwickle. Mein Wissen kommt später der Gesellschaft zugute.  

Du bist gerade für ein halbes Jahr in Israel. Was tust du?
Ich studiere gerade Kulturwissenschaften im Fernstudium und will später in Deutschland Psychologie studieren.  

Wenn man denn Gutes tun will wie kann man das am besten?
Ich kann gar nicht gut sein, weil ich Teil einer konsumreichen Gesellschaft bin. Ich versuche jetzt halt, zu Hause so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Ich will mehr lokal und vor allem nachhaltig konsumieren. So kann ich helfen. Darüber hinaus will ich mich weiter intellektuell mit dem Problem auseinandersetzen.  

Empfiehlst du den Freiwilligendienst?
Ja! Auf jeden Fall. Aber wenn man es macht, muss man versuchen, offen zu sein, reflektieren, viel beobachten und nachdenken.

Mehr im Schwerpunkt Entwicklungshilfe: Die Münchner Studentengruppe "Ingenieure ohne Grenzen" will Strom nach Sierra Leone bringen und lernt, dass Entwicklungshilfe kein Kinderspiel ist. Und ein Verein aus Münster zeigt in einer Ausstellung, was die weltwärts-Freiwilligen von ihren Aufenthalten mitbringen.


Text: peter-wagner - Fotos: chris-up/photocase.com; privat

  • teilen
  • schließen