Nur nichts Böses über Drachen singen

Die Münchner Rockband „Alev“ startet in zwei Wochen eine Tour durch China
hannes-kerber

Sie sind Münchner Weltstars: Schließlich tourten sie 2005 bereits mit großem Erfolg in der Türkei. Ende April reisen die fünf Münchner von Alev nun nach China. jetzt.muenchen sprach vor der Abreise mit Gitarrist Patrick Fleischer. jetzt.muenchen: Wie kommt ihr an eine China-Tour? Patrick: Das war ein großer Zufall: Ein Fan von uns ist von München nach China gezogen und da habe ich – natürlich im Spaß – zu ihr gesagt: „Wir wollen da touren; mach das mal klar.“ Sie ist dann mit unserem Material zu einer Booking-Agentur gegangen – und so ist die China-Tour zustande gekommen.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Gibt es in China sonst noch Fans, die euer Album kaufen? Patrick: Mit Alben ist es in China noch relativ schwierig. Dort gibt es nicht so etwas wie unser Urheberrecht und deshalb werden die CDs gebrannt und einfach für einen Euro weiterverkauft. Wir Europäer können eine CD gar nicht für einen Euro anbieten, weil die Produktionskosten viel zu teuer sind. Die Chinesen machen das anders: Deren Markt ist das ganze Handy-Zeug. Die Bands verkaufen dort PIN-Nummern, mit denen sich die Fans dann Klingeltöne oder Videoclips runterladen können. jetzt.muenchen: Wollt ihr auch versuchen in diesen Markt einsteigen? Patrick: Natürlich. Am 1. Mai werden wir auf dem größten chinesischen Rockfestival in Peking auftreten. Auf dem Midi-Festival, wo Bands aus aller Welt vor über zehntausend Menschen spielen. Die Leute kennen uns dort noch nicht. jetzt.muenchen: Wo werdet ihr sonst noch auftreten? Patrick: In den ganzen großen Städten, Shanghai, Beijing und so weiter. Ich kenne mich in China nicht so gut aus, aber ich habe mal eine Karte angeschaut und überall, wo große Städte sind, spielen wir. Angeblich sind das – bis auf eine – alles Städte mit über zwei Millionen Einwohnern. jetzt.muenchen: Worauf freut ihr euch am meisten? Patrick: Wir wollen unbedingt den Finanzminister Lang Nei und den Textilminister Han Dschuh kennen lernen. Das ist natürlich unser ganz großes Ziel. (lacht) Nein, ernsthaft: Ich glaube das Midi-Festival wird das Highlight. Rockmusik war ja in China lange Zeit an der Grenze des Verbotenen. Die Jugend sollte nicht ausflippen und deshalb ist sie jetzt hungrig nach solcher Musik. Aber ich habe mir auch schon Videos chinesischer Rockbands angeschaut und mir gefällt sehr gut, was die machen: derb, krass und roh, so dass die Leute total ausflippen. Diese Bands haben das Rebellische noch, was wir westlichen Bands verloren haben. Ich habe mit Musikern gesprochen, die dort gespielt haben und angeblich muss das Publikum schon komplett ausrasten, wenn man nur die Gitarre ansteckt. jetzt.muenchen: Welche Regeln müsst ihr im Bezug auf das herrschende Regime beachten? Patrick: Das ist wirklich ziemlich krass: Wir mussten alle unsere Texte einreichen, bevor wir überhaupt die Erlaubnis zum Spielen bekommen haben. Die Texte werden alle überprüft. Wenn wir irgendeinen Text nicht singen dürfen, werden wir das aber auch nicht tun. Man kann auch unsere englischsprachige Internetseite aus China nicht aufrufen. Das soll jetzt aber nicht so klingen, als hätte ich irgendetwas gegen deren System. Ich kenn’ mich da nicht aus. Es hieß, dass wir nichts Böses gegen Drachen sagen und nichts Politisches äußern dürfen. Aber wir dürfen Alkohol trinken . . . jetzt.muenchen: Habt ihr keine moralischen Bedenken in so einem Staat aufzutreten? Patrick: Nein, haben wir nicht. Dort gibt es genauso junge Leute, die Bock auf Musik haben und wir sind nicht da, um Politik zu machen. Wir wollen feiern und wenn die Musik, die wir machen, gefällt und berührt, dann ist das nur etwas Positives. jetzt.muenchen: In den USA wird euer Album am heutigen Dienstag veröffentlicht. Was erwartet ihr davon? Patrick: Dadurch, dass wir unsere Sängerin gewechselt haben und jetzt in Amerika das Album „We Live In Paradise“ mit der alten Sängerin erscheinen wird, haben wir mit der amerikanischen Plattenfirma vereinbart, so wenig Promotion wie möglich zu machen. Eigentlich natürlich genau das Gegenteil dessen, was eine Band will. Aber es ist wohl sinnvoll sich voll auf das nächste Album zu konzentrieren, das in Deutschland im Oktober erscheinen wird. Sie hauen das alte Album auf den Markt und schauen, wie die Reaktionen der Presse sind. Wenn man die Frontfrau auswechselt, hat das natürlich Folgen. Wir bauen aber auf das nächste Album. jetzt.muenchen: Was hat euch die Türkei-Tour 2005 gebracht? Patrick: Nach der Tour hatten wir monatelang über hunderttausend Besucher auf unserer Internetseite und davon waren die meisten aus der Türkei. Das beste war natürlich die Erfahrung, wie man mit Erfolg umgehen muss: In der Türkei waren wir sehr erfolgreich und konnten spüren, wie es ist, sich eine Woche wie Superstars zu fühlen. Dann wieder nach Deutschland zu kommen, wo man nicht auf der Straße erkannt wird, das heißt dann, einen ganz anderen Film zu erleben . . . Illustration: dirk-schmidt

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