"Ohne Langeweile geht nichts."

Lernen von den Alten: Sakyong Mipham Rinpoche, tibetanischer Buddhist, über Meditation im Kraftraum, Hiphop und den Weg zum Glück.
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Er gilt als eine der höchsten geistigen Autoritäten des tibetischen Buddhismus: Sakyong Mipham Rinpoche wurde 1962 in Indien geboren und lebte die ersten Jahre in einem tibetischen Flüchtlingscamp, bis er vom buddhistischen Klerus als Wiedergeburt eines bedeutenden tibetischen Lehrers erkannt wurde. Später zog er zu seinem Vater, dem buddhistischen Lehrer Chögyam Trungpa , nach Colorado. Nach dem Tod seines Vaters übernahm Sakyong Mipham die Leitung von Shambhala International, einer Organisation mit über 200 Meditationszentren in westlichen Ländern.

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Illustration: Julia Schubert

Sie halten nicht nur buddhistische Zeremonien ab, sondern laufen auch Marathon und heben Gewichte. Die meisten Menschen tun das aus eigensüchtigen Gründen, etwa um schlanker und selbstbewusster zu werden . . . Ich liebe es, meinen Körper zu fordern – und animiere auch andere buddhistische Lehrer dazu . . . . . . weil diese sich zu sehr der Buddha-Figur annähern? Genau. Dabei hat körperliche Arbeit ja auch eine spirituelle Komponente. Als ich vor einigen Jahren die Klöster in Tibet besuchte, waren viele dort enttäuscht: Ich entsprach nicht dem klassischen Buddha-Bild. Es war auch unmöglich für mich, um das Kloster herumzurennen. Um dennoch für den New York Marathon zu trainieren, musste ich dann in ein anderes Dorf fahren. Sind Sie den Marathon dann gelaufen? Ja, es hat Spaß gemacht. Mir ging es weniger um die Zeit, als darum, mit meiner Teilnahme Spenden für die Klöster zu sammeln. Außerdem ist Langstreckenlaufen eine Art Meditation: Du konzentrierst dich aufs Atmen, musst deinen Geist im Zaum halten. Gilt das auch für Ihr Bodybuilding? Genau. Ich finde bei einer montonen Tätigkeit wie dem Gewichtheben zu innerer Ruhe und Kontemplation. Warum auch nicht? Im Buddhismus heißt es, es gibt 84 000 Wege, um seine Spiritualität zu praktizieren. Man muss dazu weder in einer Höhle, einem Tempel oder Kloster verweilen. Auch ein langweiliger Fitnessraum kann dem selben Zweck dienen. Sie schreiben in Ihrem Buch „Der weite Raum“ über die Langeweile. Ein unangenehmes Gefühl, oder? In dieser Kultur ist es fast schon eine Beleidigung, etwas langweilig zu finden: vergleichbar mit dem vergeblichen Warten auf den Bus, der niemals kommt. Der Geist wird panisch und vermisst die übliche Stimulation. Kann Langeweile dennoch nützlich sein? In der Meditation verlangsamst du dein Denken, steigst vom Karussell in deinem Kopf herunter und fängst an, Dinge wertzuschätzen. Das sieht von außen sehr langweilig aus. Aber in Wirklichkeit wird dein Geist empfindlicher und achtet mehr darauf, was gerade passiert. Aber meiden wir nicht auch die Langeweile, weil wir Angst haben, in eine Depression zu verfallen? Du kannst daran wachsen. Vielleicht siehst du zum ersten Mal, wie dein Leben wirklich läuft. Wird man deswegen zum Langweiler? Langeweile kann eine Folge von Desinteresse sein. Dann will der Geist nicht mehr lernen und die Sinne werden dumpf. Das ist die schlechte Variante. Denn der Geist braucht eine Aufgabe, um glücklich zu sein. In der Meditation hast du ein Ziel. Die Menschen denken zwar, da passiert nichts, aber in Wirklichkeit bist du auf einer Reise. Deswegen nennen wir diesen Zustand auch „cool boredom“, coole Langeweile. Unsere Kultur basiert auf einer Bombardierung mit Stimuli. Wie wollen Sie die Menschen dazu bringen, sich freiwillig einer Form von Langeweile auszusetzen? Mir ist bewusst, dass ich Meditationsanfängern nicht zu viel zumuten kann. Eine gewisse Enttäuschung ist unvermeidbar. Als mein Vater Chögyam Trungpa Ende der 60er Jahre nach Amerika kam, hatte er es sehr schwer, einem Haufen Hippies beizubringen, einfach still auf einem Kissen zu sitzen. Wenn jemand vor der Langeweile wegläuft, wird er sein ganzes Leben auf der Flucht vor sich selbst verbringen. Aber kann meditieren nicht auch eine Flucht sein? Das ist eines der großen Missverständnisse über den Buddhismus: Man meditiert eine Weile, um sich zu stärken. Aber letztlich geht es darum, wieder in die Welt hinauszugehen und sich mehr zu engagieren als zuvor. Pop und Meditation Gebetsfahnen und Meditationsgongs sind also gar nicht so wichtig? Ja, es heißt, die Erleuchtung sei die größte Enttäuschung. Sind Sie denn erleuchtet? Ich hoffe nicht. Warum sagen Sie das? Es könnte enttäuschend für Sie sein. Enttäuschend? Ja, weil es nicht die große Sache ist, die daraus gemacht wird. Man denkt, man würde durch die Erleuchtung ein anderer werden. Dabei geht es nur darum aufzuwachen; ganz man selbst zu sein; zu merken, was im Augenblick passiert. Auf der nächsten Seite liest du, wie du glücklich werden kannst


Sie haben zusammen mit Joni Mitchell, Leonard Cohen, Willie Nelson und Sting eine Fundraising-CD eingespielt. Von den Erlösen wird der Bau einer Stupa, eines traditionell buddhistischen Heiligtums in den Rocky Mountains finanziert. Wie kommen diese Popsänger dazu, Sie zu unterstützen? Einige von ihnen wie Leonard Cohen haben lange im Kloster gelebt, andere finden sich in buddhistischen Ideen wieder. Ich glaube an eine dem Menschen angeborene Wahrheit. Es ist dieselbe Wahrheit, die auf dem Sitzkissen zu Tage tritt und in einem Willie Nelson Song. Gerade viele Country- und Western-Musiker haben diese Qualität von Traurigkeit entdeckt, die uns als Grund der Erkenntnis dient. Man kennt ja diese Country-Klischees über den Mann, der seinen Job verliert, den die Frau betrügt und . . . . . . dann zum Gewehr greift (lacht). Oder sich aufs Sitzkissen eines buddhistischen Zentrums rettet. Als Buddhist bist du immer auf der Reise. Auch das ist eine sehr amerikanische Idee. Ich habe für den Sampler ein paar Gedichte und eine Spoken Word Performance beigetragen. Einige meiner Musikerfreunde haben sie nachträglich vertont. Sie kennen sich mit Popmusik aus? Mit meiner Frau schaue ich manchmal MTV. Aber auf meinem iPod höre ich vor allem tibetanischen Hiphop. Tibetanischen Hiphop? Wir haben eine Menge hipper junger Tibeter, die unsere traditionelle Musik mit Hiphop-Beats aufmischen. Die haben eine Energie wie die Beastie Boys. Soll ich Ihnen eine CD brennen? Im Grunde müssten Sie Popkultur doch als Gift für Ihre Lehre von der Langeweile ansehen: Immer schnellere Schnitte und schrillere Effekte . . . Manchmal muss man sein Gegenüber natürlich herunterbremsen, um überhaupt mit ihm in ein Gespräch zu kommen. In meiner Spoken Word Performance versuche ich auch den Menschen, denen ein Buch vielleicht zu langatmig ist, ein paar Ideen über die Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit mit zu geben. Sie meinen, es reicht für den Anfang, wenn ein paar Worte hängen bleiben? Das ist nicht nur im Westen so. Als ich einmal eine große Zeremonie in einem tibetischen Kloster hielt, schickten sich die Mönche gegenseitige SMSe auf ihre Handies. Und selbst in Mittel-Tibet rennen sie in jeder Meditationspause ins Internet-Café, weil es da so schöne Computerspiele gibt. Sind wir im Westen vielleicht im Vorteil, weil uns die Reize des Materialismus schon ermüdet haben? Das ist die frohe Botschaft. Aber du kannst so was natürlich kaum jungen, Technik-faszinierten Tibetern predigen: Sie wollen erst selbst diese Erfahrung machen. Langeweile statt Durchfall Sie fahren ein schönes großes Auto und tragen teure Schuhe. Steht dieser Luxus nicht im Widerspruch zu Ihrem spirituellen Auftrag? Im Westen ist die mönchische Tradition der Weltentsagung viel bekannter. Dabei gibt es in Tibet einen pragmatischeren Ansatz: Du machst deine Geschäfte in der Welt, gründest deine Familie. Und alles, was dir begegnet, wird Teil deines spirituellen Wegs. Du brauchst kein Kloster, um Mitgefühl zu praktizieren. Viele Westler fahren ja nach Indien oder Thailand, um in einer exotischen Umgebung zwischen Mangobäumen und Tempelstatuen zu sich selbst zu finden. Aber sie bringen nichts von dort mit, außer vielleicht eine Magenverstimmung oder Durchfall. Jedenfalls muss die Faszination des Exotischen erst verfliegen, bevor man wirklich lernt. Ohne Langeweile geht nichts voran. Davon handelt auch Ihr neuestes Buch „Den Alltag erleuchten“. Wie unterscheidet es sich von den dutzend Ratgeberbüchern mit Titeln wie „Zen für den Geschäftsmann“? Ich habe keins davon gelesen. Aber haben Sie auch für die Leser mit kürzerer Aufmerksamkeitsspanne eine Anleitung zum Glücklichsein? Wir sind einfach von einer falschen Vorstellung von Erfolg verblendet. Es gibt empirische Untersuchungen darüber, was ein Mensch zum Glücklichsein braucht: Demnach bemisst sich das gefühlte Glück nicht in Geld, sondern darin, bei seinem Tun erfüllt zu sein. Buddhisten predigen das schon seit Tausenden von Jahren. Geht es noch kürzer? Wenn du dich schlecht fühlen willst, denk an dich selbst – wenn du glücklich sein willst, denk an andere! Kürzer geht es nicht. Ist Langeweile tatsächlich unterschätzt? Im Label langweilig kannst du über die Thesen von Sakyong Mipham Rinpoche diskutieren. Dort erzählen jetzt-User, was sie über Langeweile denken. „Den Alltag erleuchten. Die vier buddhistischen Königswege“ von Sakyong Mipham, ist Deutschen Taschebuch Verlag erschienen und kostet 15 Euro. Foto: Sabine Kückelmann

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