Ois easy!

Warum wir so gerne einen Dialekt sprechen, den wir eigentlich nicht können
max-scharnigg

Es ist doch so: Wir können kein Bairisch, auch wenn wir das als junge Münchner nicht gerne zugeben. Klar, wir kennen Bairisch, wir erkennen es, wir verstehen es und können auch Fetzen davon wiedergeben. Aber wenn es ans Sprechen geht, ans richtige „Wort für Wort“-Bairisch, da müssen die meisten von uns ehrlicherweise doch passen. Bei manchen ist es nur die mangelnde Übung, schließlich waren es nur Opa und Oma, die es ihnen vormachen konnten und die heute nicht mehr da sind. Anderen wurden hoffnungsvolle Ansätze im Gymnasium abtrainiert, denn zwischen Lateinextemporale und Medizinertest war einfach kein Platz für ein weiches Zwischending aus Singen und Grunzen. Wieder andere, und die sind in der Mehrheit, konnten einfach noch nie Bairisch, weil es Zuhause nicht gesprochen wurde oder weil das Zuhause irgendwo lag, wo es keinen bayerischen Dialekt gab. Soll ja auch vorkommen. Das echte Bairisch also mag irgendwo in den hintersten Winkeln des Bayernlandes noch Amts- und Alltagssprache sein, in München ist es so selten wie ein Rind am Rindermarkt. Kein Grund zu Lamentieren, denn es war schon 1958 so, als Siegfried Sommer notierte: „Altbairisch wird in München kaum mehr gesprochen.“ „Ois easy, Oida. Check di nei!“ Wir könnten die Sprache also getrost vergessen und wären nicht mal die erste Generation. Aber, und das ist das Komische, wir haben sie doch recht gerne. Wir ordnen die Überbleibsel des Dialekts als chic ein, es gehört sich geradezu, sie gut zu finden, wie es sich auch gehört, Leitmayr & Batic, Bierstüberl, Monaco Franze und die U-Bahnfahrer-Ansager gut zu finden: aus einer lokalen Loyalität heraus. Wir ahnen vielleicht, dass diese Kleinigkeiten zu den wenigen Dingen zählen, die unser Leben hier von den jungen Leben in Köln, Montreal oder Paris unterscheiden, pflegen sie deswegen mit dem Stolz der Eingeweihten und sagen statt des globalen „Merci!“ viel lieber unser langgezogenes „Merse!“

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Illustration: Julia Schubert

Mit Stolz praktizieren wir also das Merse!-Münchnerisch, was gar keine eigene Sprache ist, eher ein Konglomerat von Ausdrücken. Nicht anerkannt von Dialaktforschern, aber umso verbreiteter an den Clubtheken, Stadtstränden und Vernissagen Münchnes. Diese Hilfssprache (eigentlich ist es sogar nur ein besseres, temporäres Geräusch) verändert sich schnell, weil sie am liebsten von den Jungen verwendet wird und sich dabei wie von selbst mit der Jugendsprache mischt. Aus Anglizismen werden gleich Bavarismen, und je hipper und unmünchnerischer die Situation ist, desto öfter hört man die stolz eingestreuten Brocken, die überlauten „Geweida!“, die immer süffige Begrüßung „Was geht’n, Oida?“ oder das herrlich polyglotte „Ois easy, check di nei!“. Diese Ausdrücke funktionieren wie Anfeuerungsrufe, als könnte man mit ihnen den Abend oder die Gesellschaft besonders innig anschubsen. Wer sie im Mund hat, trägt sie wie ein wertvolles Accessoire, ein bisschen angeberisch und gut sichtbar. Sie sind ein lebensfrohes und immer etwas zu laut vorgetragenes Bekenntnis zum Standort, und sie können alleine stehen, brauchen keine Einbindung in einen flüssigen Dialekt. In gewisser Weise ist dieser Rumpf-Dialekt ein Abbild der Stadt und ihres Lebensgefühls, das ja schon vor langer Zeit mit „Laptop und Lederhosen“ recht treffend klassifiziert wurde. Im gleichen Verhältnis wie hier heute die Laptops den Lederhosen zahlenmäßig überlegen sind, werden in das gängige Normalo-Deutsch die gelegentlichen Münchnerismen eingestreut. München: überwiegend global, gelegentlich g’schert! Die Bavaro-Brocken sind Botschafter aus einer gemütlichen, manchmal ungehobelten und meist vergangenen Welt und wirken besonders kontrastreich auf roten Teppichen und in der Nähe von Champagner, deswegen ist die Schickeria besonders dankbarer Abnehmer. Bairisch, wenn es mal laut und lustig sein soll Aber auch den Normalmünchnern dient das Merse!-Müncherische bis zu einem gewissen Grad immer noch als Distinktionsmerkmal, wie es jeder Dialekt tut. Wer erst seit einem Jahr in der Stadt studiert, kann den kleinen Code noch nicht glaubhaft in sein Reden integrieren, kriegt in den Fluch „Fack!“ (sprich: Fahgg!) nicht das breit-weiche, das ihn an der Isar zu einer liebenswerten Unmut-Äußerung macht. Neulinge kämen nicht auf die Idee, an die Namen ihrer Freunde bei der Begrüßung ein -heimer oder -inger anzuhängen, wie wir Merse!-Münchner es bisweilen machen, um die derart Angesprochenen lautmalerisch zu bajuwarisieren. „Na logen, Spezicowboy!“ rufen wir, wenn wir dann gefragt werden, ob wir wirklich aus München kommen und „Nixn!“, wenn erörtert wird, ob der Abend schon enden soll. Dazwischen reden wir Hochdeutsch, das nun mal unsere eigentliche Sprache ist. Aber immer wenn es besonders laut, lustig oder schön sein soll, dann muss es doch noch Bairisch sein. Ein bisserl, eben.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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