On the road

Als Band auf Tour zu gehen gehört zu den Mythen des Rock'n'Roll. Hier erzählt ein Konzertmanager, was es wirklich damit auf sich hat.
mario-cetti

Aufstehen
  Früher muss Touren noch schön gewesen sein. Da hatten die Hotels noch Anstand und hetzten einem nicht schon gegen neun Uhr morgens erste „Housekeeping“-Klopfattacken in die Musikerträume. Doch die Rache folgt umgehend: Den Wecker umstellen auf zehn Minuten vor Ablauf der Frühstücksfrist, fix anziehen, runter, ausgiebig zulangen und dann gemütlich wieder rauf aufs Zimmer zur Katzenwäsche. Klappt so übrigens auch, wenn vorher niemand an der Tür genervt hat.
 

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Illustration: Julia Schubert



Pinkelpause
  Die erste Pinkelpause ist in der Regel 15 Minuten nach Abfahrt in die nächste Stadt erforderlich („Es ist wirklich dringend!“) und müsste eigentlich Kippen- oder Kaffeepause heißen. Doch weil der mitreisende Tourmanager da an die Decke gehen würde, schickt der Musiker lieber die drückende Blase vor. Denn gegen die kann ja nun wirklich niemand was sagen. Der weitere Ablauf ist der: Zwei gehen pinkeln, zwei holen Kaffee. Zwei weitere rauchen erstmal. Wenn dann die Kaffee-Holer zurück am Bus sind, bummeln die Raucher langsam Richtung Raststätte. Weil die beiden aber erst bei der Rückkehr ihren Kaffee haben, muss aus Genussgründen noch mal eben eine gequarzt werden. Mittlerweile drückt den Kaffee-Holern der ersten Schicht allerdings schon wieder die Blase. Und die anfänglichen Pinkler? Rufen derweil spontan bei ihrem Finanzamt an. „Das dauert jetzt leider ein bisschen. Ist aber echt wichtig!“

Be-, Ent- und Verladen
  Fünfzig Prozent beim Rock’n’Roll sind Schleppen. Es sei denn man heißt Roger Whittaker und hat bierwänstige Metalljungs im Tourtross, die für viel Geld das ganze Gelumpe durch die weitläufigen Hallen wuchten. Ansonsten gilt für Sänger und Posaunisten gleichermaßen: Bitte alle mal mit anpacken und sich fürs Wieder-Einladen merken, wie-was-wo im Bus gestapelt war, und Obacht auf Füße, Finger, Ellebogen. Wer clever (und ein faules Stück) ist, wuselt emsig hin und her und bemüht sich besonders rührend um einzelne Gitarrenständer, Effektboards oder Notenständer. Nur die Doofis landen bei den metallenen Schlagzeug-Einzelteilen, vollgestopften Merchandise-Kisten oder der windschiefen Bassbox.
 
Der Veranstalter
  „Die Finger einer Hand sind ja auch nicht alle gleich“ ist eine Weisheit, die man auf Tour von Taxifahrern lernen kann. Getreu dieser Logik, gibt es auch bei den Veranstaltern solche und solche. Vom zottelhaarigen Althippie, der die schüchterne Jungherrenband als „dumme Waldorf-Schüler“ anblafft, weil sie sich nicht von alleine darauf gekommen sind, sich vor Ankunft ihre Hotelschlüssel selbst zu besorgen, bis hin zum kumpeligen Dauerquassler, der alles ganz toll und dufte findet, selbstredend alle Platten hat und auch sonst furchtbar inspiriert durchs Leben schwebt – in den Clubs dieses Landes ist wirklich alles vertreten. Was nicht schlimm ist, weil man Namen und Aussehen ja ohnehin spätestens am übernächsten Tag wieder vergessen hat und beim nächsten Abstecher im kommenden Jahr peinlich lange überlegen muss, wie der Veranstalter wohl hieß, der sich da eben nicht noch mal extra vorgestellt hat. Man kenne sich ja bereits.
 
Der Backstage
  „Unterm Neonröhrenlicht im Hinterzimmer sitze ich, stumpf unter der Neonlampe und seh auf eine tote Pflanze. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderhaken – bis die Zeit kommt muss man warten“ singt der ehemalige Fink-Chef Nils Koppruch über das Abhängen in Backstage-Räumen. Ganz so trist ist es dort dann meistens doch nicht. Aber dank dreilagiger, bunter Bandsticker-Collagen auf Spiegel, Tür und Kühlschrank in Kombination mit ausdruckslosen Kunstleder-Loungemöbeln immerhin noch so schlimm, dass man seine Zigarette dann doch lieber in Ruhe woanders raucht. Nämlich draußen, beim Publikum. 
 
W-Lan
  Während man früher backstage gemütlich beisammen saß und bei einer Holunderlimo bis kurz vor dem Auftritt noch eine Partie Risiko spielte, sitzen die Musiker heute starr und apathisch und glotzen in ihre Macbooks. „Kennst du vielleicht das W-Lan-Passwort?“ ist die Frage, die Clubbetreiber, Booker oder Tourbegleiter seit einigen Jahren wohl am häufigsten aus Musiker-Mündern hören. Und weil das irgendwann unglaublich nervt, haben die meisten Clubs mittlerweile hausgroße Zettel an ihren Backstage-Wänden, mit Informationen zu Netz und dazugehörigem Password.
   
Der Soundcheck
  Egal wie früh man im Club ankommt oder wie spät die Türen für das Publikum aufgehen – bis kurz vorher soundchecken Bands. Und sollte an einem Tag dann doch mal alles zur Abwechslung pünktlich über die Bühne gehen, gibt es mit Sicherheit noch den lokalen Support, der für sein Stimmchen und die alte Westernklampfe gute zwei Stunden Einpegelungszeit benötigt („In dem Lied zupfe ich an einer Stelle mal mit fünf statt vier Fingern. Können wir die bitte auch noch mal kurz anspielen?“). 
 
Verpflegung
  Weil jeder Mensch das essen soll, was ihm schmeckt und gut tut, bekommt der Veranstalter im Vorfeld sogenannte Rider geschickt, in denen von religiösen Essgepflogenheiten bis hin zu Allergien und kulinarischen Kindheitstraumata alles vermerkt ist, was bei der abendlichen Essensausgabe zu beachten wäre. Dass dem Veganer trotzdem kein Hackbraten („Da ist wirklich kaum Fleisch dran!“) und dem Laktose-Intoleranzler keine Milchspeise vorgesetzt werden dürfen, hätte man aber nun wirklich noch mal irgendwo gesondert erwähnen müssen. Denn: „Das stand so nicht explizit druff, auf dem Reiter!“ 
 
Allabendliche Wunderheilung
  Einer ist auf Tour immer krank, das ist Gesetz. Und der jammert dann den ganzen Tag über so herzerweichend, dass die anderen Bandmitglieder ihm freiwillig die Liegefläche im Bus anbieten oder ihm ohne Murren das einzige Einzelzimmer im Hotel überlassen. Gesetz ist aber auch, dass der Kranke sich im Laufe des Abends besser und besser fühlt, bis er dann bei der unausweichlichen Entscheidung „Kneipe oder Hotel?“ am allerlautesten nach einer zünftigen Aftershow-Sause verlangt. Am nächsten Tag ist er natürlich wieder todkrank und zittert und jault, dass es einem das Herz abbindet. 
 
Die Bettenaufteilung
  Wer lange tourt, muss gut schlafen. Da wird natürlich jeder notorische Schnarcher im Bandgefüge spätestens ab Betreten des Hotels konsequent gemieden. Nicht-Schnarcher–Allianzen formen sich, erst heimlich, dann immer offensiver, um dann meist über die komplette Tour hinweg zu halten. Die alten Grunzer? Verteilen im besten Fall freiwillig Ohropax an ihre Mitschläfer und fühlen sich sonst Abend für Abend wie der kleine dicke Junge von früher im Schulsport, den partout keiner in seiner Mannschaft haben wollte.
 mario-cetti.jetzt.de
 
Der Autor ist Konzertagent und regelmäßig mit Künstlern wie Gisbert zu Knyphausen, Moritz Krämer, Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi oder Polarkreis 18 unterwegs. Seine eigenen Bands hießen: Ramady’s Roots, Super Gaby, Vermont und Bergen

Text: mario-cetti - Foto: Kai Müller

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