"Orgasmisch gutes Gebäck"

Ein US-Professor hat die Sprache in Gastro-Kritiken und Speisekarten untersucht. Er fand: sexuelle Begriffe, Drogen-Jargon und viele Adjektive. Ein Interview
jan-stremmel

jetzt.de: Herr Professor, Sie haben fast eine Million Restaurantkritiken im Internet verglichen. Und herausgefunden, dass Menschen in schlechten Kritiken die gleichen Sprachmuster verwenden wie Überlebende von Terroranschlägen.
Dan Jurafsky: Richtig. Wenn man zum Beispiel Blogeinträge von vor und nach dem 11. September untersucht, kann man den Grad der Traumatisierung an der Wortwahl messen.

Wie schreibt jemand, der traumatisiert ist?
Er verwendet zum Beispiel mehr Vergangenheitsform als Präsens und erwähnt viele andere Leute. Und die Texte sind oft in der ersten Person Plural verfasst, also „wir“, „uns“, „unsere“. . . Überraschenderweise genau wie viele Gastro-Kritiken mit einem Stern, also der schlechtesten Note.

Ein mieser Restaurantbesuch traumatisiert uns also wie ein Terroranschlag?
Nicht ganz so schwer, aber ähnlich.

Sprache geht durch den Magen.

So schlimm kann Essen sein?
Schlimm ist eher das Zwischenmenschliche. Die Menschen schreiben in den Kritiken selten über das miese Essen, sondern fast immer über das Personal: Wie respektlos, unfreundlich oder gemein es war.

Nicht das Essen, sondern die Kellner machen ein Restaurant also erst richtig schlecht?
Zumindest bleibt uns ein unfreundlicher Kellner länger in Erinnerung. Wir gehen eben nicht nur in ein Restaurant, um zu essen. Sondern auch, um uns mit Menschen zu umgeben.

Warum schreiben die Leute überhaupt so gerne Restaurantkritiken im Netz?
Bei negativen Kritiken sind die Texte eine Art Selbsttherapie. Es fühlt sich besser an, ein schlimmes Erlebnis mit anderen zu teilen. Wenn man schon nichts dran ändern kann, hat man wenigstens irgendetwas unternommen.

Indem man darüber lästert?
Genau. Auch Gossip hat ja eine gesellschaftliche Funktion: Dadurch, dass wir uns schlimme Sachen weitererzählen, soll verhindert werden, dass sie wieder passieren. Eine Art Warnfunktion.

Warum schreibt man dann gute Kritiken?
Dabei geht es viel ums Angeben. Eine Fünf-Sterne-Kritik zu schreiben ist eine Art, öffentlich zu prahlen. Diese Texte sind oft sehr lang. Interessant ist, dass sie je nach Preissegment anders aufgebaut sind: Wenn Menschen ein billiges Restaurant loben, beschreiben sie lang und breit, wie sie es gefunden haben. Wenn sie ein teures Restaurant loben, erzählen sie erst mal den Grund für den Besuch, als müssten sie ihn rechtfertigen. Sie erwähnen zum Beispiel, dass es das Geburtstagsessen mit dem Ehemann war.

Dan Jurafsky leitet den Lehrstuhl für Linguistik an der Standford Universität. Kürzlich erschien sein Buch "The Language of Food", in dem er untersucht, wie Gastronomen und Kritiker über Essen schreiben und sprechen.

Stimmt es eigentlich, dass Menschen im Internet zu Extremen tendieren? Entweder brutale Kritik oder überschwängliches Lob?
Nein. Wir haben aber herausgefunden, dass Menschen in ihren Bewertungen – nicht nur auf Gastro-Seiten wie Yelp, sondern zum Beispiel auch auf Amazon – zum Lob tendieren. Vielleicht wollen wir uns lieber an das Positive erinnern. Wenn Menschen Links zu Zeitungsartikeln an ihre Freunden weiterleiten, sind das häufiger positive Artikel. Es ist uns offenbar wichtig, als positiv wahrgenommen zu werden.

Sie haben auch nachgewiesen, dass positive Restaurantkritiken häufig sexuelle Formulierungen enthalten.
Ja, die Autoren schreiben zum Beispiel von „orgasmisch gutem Gebäck“ oder „verführerisch sautierter Gänseleber“. Interessanterweise aber nicht in allen guten Lokalen, sondern nur in sehr teuren.

Warum?
Vielleicht, weil man teure Restaurants tendenziell mit dem Partner oder für ein Date besucht. Da sind die Gedanken ohnehin schon näher am Sex.

Wie schreiben die Leute über gute billige Lokale?
Da tendieren sie zu Drogen-Jargon. Also Formulierungen wie „die Cupcakes machen sofort süchtig“ oder „die Knoblauchnudeln sind meine Droge der Wahl“. Sogar der Vergleich mit Crack taucht häufig auf.

Seltsam.
Dachte ich auch! Dann haben wir nachgeschaut, welches Essen auf diese Art beschrieben wird. Es ist fast immer ungesundes Zeug, Chicken Wings, Pizza, Süßigkeiten. Unsere Folgerung: Indem man über Junkfood spricht wie über eine Droge, gibt man Verantwortung ab. Man suggeriert: Der Cupcake hat mich gezwungen, ihn zu essen! Also fühlt man sich weniger schuldig.

Unterscheidet sich das zwischen Mann und Frau?
Frauen benutzen diese Art der Formulierung häufiger. Sie werden offenbar stärker dahin gehend sozialisiert, sich schuldig zu fühlen, wenn sie einen Schokoladenkuchen gegessen haben.

Sie haben auch die Sprache von Speisekarten untersucht – und einen Zusammenhang zwischen Wortwahl und Preisen entdeckt.
Oh ja, eine meiner liebsten Entdeckungen! Je billiger ein Restaurant ist, desto mehr Worte benutzt es insgesamt, die Karte ist größer. Außerdem wird der Gast oft direkt angesprochen und das Wort „Wahl“ taucht öfter auf.

Warum?
Ein billiges Lokal will, dass ein Gast möglichst jeden Tag zum Essen kommt. Eine große Karte oder ein Satz wie „Beilagen nach Ihrer Wahl“ deuten darauf hin, dass der Gast viele Optionen hat. Feine Restaurants funktionieren eher wie ein Theater: Du gehst hin und lässt dich vom Küchenchef überraschen. Viele sehr teure Restaurants haben gar keine Speisekarte mehr.

Und wenn sie eine haben, verwenden sie weniger Worte?
Ja, und vor allem wenige Adjektive, die den Geschmack beschreiben. „Köstlich“, „zart“ oder „frisch“ – wenn Sie die in einer Karte finden, können Sie davon ausgehen, dass das Essen günstiger ist.

Warum?
Wenn ein Lokal erwähnen muss, dass etwas „köstlich“ oder „frisch“ ist, dann ist das offenbar nicht selbstverständlich. Teure Restaurants wollen ihre Gäste gar nicht erst auf den Gedanken bringen, dass etwas nicht köstlich oder frisch sein könnte.

Status drückt sich also durch Schweigsamkeit aus.
Genau. Vor hundert Jahren war es noch andersrum: Da hatten die teuersten Lokale die längsten Karten. Seit viele mittelmäßige Restaurants das adaptiert haben, setzen sich die Premium-Lokale durch minimalistische Karten davon ab. Der berühmte Soziologe Bourdieu hat gesagt: „Wie man seinen Status ausdrückt, ist beliebig. Alles was zählt, ist etwas anders zu machen als der Rest.“


Text: jan-stremmel - Illustration: Katharina Bitz; Foto: oH

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