Panik näht am besten

Was die Modeschülerinnen Katharina und Nadine in den letzten Tagen vor der großen Abschluss-Schau durchmachen
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Die Tische sind übersät mit Schnittmustern und Stoffbahnen, der Fußboden des Klassenraums ist fast vollständig bedeckt von einem Wirrwarr aus Stecknadeln, Garnrollen, Papierschnipseln, Stofffetzen, Holzperlen und Maßbändern. Die Vorbereitung ihrer Abschluss-Modenschau ist für die Schülerinnen und Schüler der „Deutschen Meisterschule für Mode“ der ultimative Belastungstest. Die 16 Modeschüler im Zimmer machen einen ziemlichen Lärm – wer sich in diesem Klassensaal verständigen will, muss laut reden, denn aus dem Nebenraum schallt das Rattern von Nähmaschinen herüber und vermischt sich mit der kubanischen Musik, die aus einem Ghettoblaster tönt. Direkt neben dem Ghettoblaster, mitten im Chaos, sitzt Katharina Luig, 29, und stickt mit einem Silberfaden komplizierte Ornamente auf eine helle Baumwollbluse. Draußen ist es heute 34 Grad heiß und hier drinnen noch wärmer, denn die Sonne scheint jetzt, am frühen Nachmittag, auf die großen Bogenfenster des Altbaus am Sendlinger Tor. Aber Katharina, genannt Ini, scheint von alledem nichts mitzubekommen: Sie ist versunken in ihre Welt, die aus weichen, fließenden Stoffen besteht, aus hellen Grau- und Ockertönen und verspielten Stickereien. „Meine Welt“, ist das Oberthema, zu dem Ini und ihre 15 Mitschüler an der „Deutschen Meisterschule für Mode“ ihre Abschlusskollektionen entworfen haben.

Seit einem halben Jahr arbeiten sie an ihren Projekten: Sie haben sich Gedanken gemacht, wie „ihre Welt“ aussieht, Stimmungsbilder gemalt, Kleidungsstücke skizziert, genaue Schnittmuster ausgearbeitet, aufwändige Entwurfs-Mappen zusammengestellt und endlich begonnen zu schneidern. Nun läuft der Countdown: In genau fünf Tagen und sieben Stunden wollen sie ihre fertigen Arbeiten bei einer großen Modeschau präsentieren. Bis dahin ist noch eine Menge Arbeit, denn ein Viertel der Kleidungsstücke, die gezeigt werden sollen, existiert bisher nur als Entwurf. Im Bett mit Schneiderpuppe „Die durchnähten Nächte vor der großen Show gehören zum Modemachen“, erklärt Ini als sie von ihrer Stickerei aufschaut. In ihrem etwas ausgeleierten weißen T-Shirt sieht sie auf ersten Blick nicht wie jemand aus, der in der Modebranche Karriere machen will. Die zierliche junge Frau mit den blonden kurzen Strubbelhaaren wirkt sehr natürlich und ein bisschen schüchtern. Aber wenn Ini von ihrem bisherigen Werdegang erzählt, merkt man, dass sie genau weiß was sie will: Nach dem Abitur begann sie eine Schneiderlehre, obwohl ihr Vater lieber gesehen hätte, dass sie studiert. Sie ließ sich ihren Traum auch nicht vermiesen, als sie im ersten Lehrjahr manchmal tagelang Stecknadeln aus dem Müll sortieren musste. Nach der Ausbildung arbeitete sie zwei Jahre lang als Gesellin in London, bei der Couture-Macherin, die einst Lady Di’s Lieblingsschneiderin war. Dort bestickte sie Roben für Dustin Hoffmanns Frau, aber damit war sie noch nicht am Ziel. Ini wollte „alles selber machen können“: Die Beratung, den Entwurf, den Einkauf von Stoffen, die Anfertigung und den Vertrieb. Deshalb bewarb sie sich bei der „Deutschen Meisterschule für Mode“ in München. Hier machte sie nicht nur eine zweijährige Ausbildung zur Schneidermeisterin, sondern anschließend auch noch die einjährige Schulung zur „Mode-Direktrice im Bereich Entwurf“, die sie nun, mit der Modeschau abschließt. Eine Abschluss-Modenschau für die sogenannten „Entwurfsklassen“ gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal. Die 13 Modeschülerinnen und drei Modeschüler müssen dabei nicht nur die Outfits liefern, sondern auch das Kunststück vollbringen, eine möglichst professionell-wirkende Show mit einem Mini-Budget zu organisieren: Mit Unterstützung ihrer Schulleiterin haben sie eine Autofirma überredet, ihnen Räumlichkeiten in der Innenstadt zur Verfügung zu stellen, ein befreundeter Friseur kümmert sich um Haare und das Make-up und weil das Geld nicht für professionelle Models reicht, haben die Modeschüler sich stundenlang in den Läden der Kaufingerstraße herumgetrieben und junge, hübsche Kundinnen gefragt, ob sie nicht Lust hätten, unbezahlt Model zu spielen.

Ini und der unbarmherzige Kleiderständer „Im Vorbereitungsstress der letzten Wochen habe ich so viel über meine Klassenkameraden gelernt, wie in dem ganzen gemeinsamen Jahr zuvor“, sagt Ini. Vor allem mit der Herausforderung eine eigene Kollektion zu erstellen, gehe jeder anders um. Ini selbst ist eine Ausprobiererin. Sie arbeitet seit Wochen konstant vor sich hin: Zuhause steht am Fußende ihres Bettes eine Schneiderpuppe, auf die sie fast jeden Abend ein halbfertiges Teil steckt. Vor dem Einschlafen meditiert sie über ihren Entwürfen und nach dem Aufwachen ist manchmal eine neue Idee da, die sie dann gleich umsetzt. Fünf Tage vor der Show, ist sie schon ziemlich weit. Vier der fünf Outfits, die sie präsentieren will, sind fertig. Amateurmodel wird Fee Die Kollektion ihrer Klassenkameradin Nadine Rohde, 30, existiert zu diesem Zeitpunkt noch fast nur in ihrem Kopf. Aus klassischen Business-Stoffen mit Karo-Muster und gedeckten Farben will sie Outfits machen, deren Schnitte an die Kostüme von Zirkus-Künstlern erinnern. „Leider habe ich solange an dieser Konzeption rumgemacht, dass ich jetzt kaum mehr Zeit habe sie umzusetzen“, sagt Nadine. Sie steckt an Tag fünf vor der Show mitten in einem Kampf gegen die Uhr. Seit dem frühen Morgen steht sie an ihrem Arbeitsplatz in der Schule und schneidet ein Teil nach dem anderen zurecht. Wenn ihr Handy klingelt, klemmt sie es zwischen Schulter und Ohr und während sie mit ihren Verwandten diskutiert, wie viele Karten sie ihnen für die große Show zurücklegen soll, fliegt die Schere weiter durch die Stoffbahnen. Wie viele Verwandte und Bekannte jeder Schüler einladen darf, war innerhalb der Klasse eine heiß diskutierte Frage. Es wäre ein Leichtes gewesen die 450 Plätze komplett mit Mamas, Papas und Freunden aufzufüllen, aber die wirklich wichtigen Gäste für die Absolventen sind Vertreter von Modefirmen und professionelle Headhunter, die nach Talenten Ausschau halten und so wurden die Privatkarten streng rationiert. Sie sei eigentlich eine schreckliche Perfektionistin, erklärt Nadine als sie das Telefonat beendet hat: „Deshalb doktere ich immer an Vorarbeiten herum und fange mit der eigentlichen Aufgabe an, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Erst wenn ich Angst haben muss, dass ich am Ende gar nichts abliefern kann, löst sich bei mir die Blockade.“ Am Abend kommt eine junge Frau vorbei, die ein Kleid aus Inis Kollektion vorführen soll. Das „Model“ ist 27 und eigentlich Realschullehrerin für katholische Religion. Ini steckt sie in ein langes, weißes Kleid mit Stickerei, das sie in ein feengleiches Wesen verwandelt. Als das Model sich im Spiegel sieht, entspannt sich ihr Gesicht, ihr Körper richtet sich auf und sie lächelt. Für Ini sind das die schönsten Momente in ihrem Beruf. Sie liebt es, über die Schulter einer Kundin hinweg zu beobachten, wie diese im Spiegel einen ihr bisher unbekannten Aspekt der eigenen Schönheit bestaunt. Etwas, das verborgen war und erst durch das neue Kleid zur Geltung kommt. Am nächsten Abend, vier Tage und zwei Stunden vor der großen Modenschau, hat Ini das umgekehrte Erlebnis. Ein anderes Stück aus ihrer Kollektion, eine weiße Röhrenhose, verwandelt ein schlankes, hochgewachsenes Hobby-Model in ein ziemlich plumpes Wesen. Auch einem eilig dazu geholten Ersatz-Model steht die Hose überhaupt nicht. Die Nacht von Tag vier auf Tag drei vor der großen Show liegt Ini wach. Eine andere Hose muss her. Aber schnell.

Nadine und ein Objekt der Verzweiflung An Tag drei vor Ende des Countdowns sitzt sie mit schwarzen Ringen unter den Augen an der Nähmaschine in der Schule. Es ist Wochenende, aber die Klasse ist fast komplett versammelt. Als Ersatz für die lange Röhrenhose soll nun noch schnell eine kurze Hose entstehen. Und eigentlich hätte sie ja gerne noch ein zusätzliches Oberteil genäht und wer weiß, ob das mit dem Schal wirklich so passt? Von der Gelassenheit, die Ini zwei Tage vorher ausgestrahlt hat, ist nichts mehr zu spüren. Sie erzählt, dass neben ihrem Bett nun drei Listen liegen: Eine „Was ich noch nähen muss“-Liste, eine „Was ich noch ändern muss“-Liste und eine „Wie kombiniere ich was“-Liste. Den Tag über arbeitet sie die Listen ab, abends schreibt sie sie wieder voll. Seit sieben Tagen war sie nicht mehr einkaufen und deshalb ernährt sie sich von Cornflakes ohne Milch und Marmeladen-Toast ohne Butter. Alles nochmal neu? Nadine hat sich derweil den Schlüssel zur Werkstatt eines befreundeten Modemachers besorgt. Die Schule ist ja nur von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends geöffnet und Nadine hat ausgerechnet, dass sie mit drei 12-Stunden-Tagen das noch anstehende Pensum nicht bewältigen kann. Daheim hat sie zwar auch eine Nähmaschine, aber die näht ihr zu langsam. Angesichts dessen hält Nadine Inis Hosen-Krise für eine Art Luxus-Problem, was Ini selbst auch nicht abstreitet. „Wahrscheinlich kann man so früh anfangen, wie man will“, sagt Ini, „bis zu dem Moment, in dem das erste Model den Laufsteg betritt, denkt man, man müsse unbedingt noch was ändern, um eine Total-Blamage zu vermeiden.“ Als Ini am nächsten Tag drauf und dran ist, ihre Kollektion noch einmal komplett umzustellen, reißt sie ihr Freund aus ihrem Veränderungswahn und überredet sie einen Tag mit ihm am Lech bei Augsburg zu verbringen. Ini bekommt dort mal wieder etwas anderes zu essen als Toast und döst anschließend im Schatten. Ihre Klassenkameradin Nadine erhöht solange in München ihr Pensum noch einmal: Sie verbringt den Tag komplett in der Schule und die Nacht in der Werkstatt ihres Bekannten. Erst um vier Uhr morgens legt sie sich auf dem Werkstattboden schlafen – einen Schlafsack hat sie glücklicherweise noch im Auto. Vier Stunden später steht sie wieder in der Schule. „Mein Problem ist, dass jetzt alle Teile halbfertig sind und keines ganz“, sagt Nadine. Ab sofort hat Vorfahrt, was absolut unentbehrlich ist: „Wenn der Mantel nicht fertig wird, dann ist das jammerschade, denn er ist ein Prunkstück meiner Kollektion“, erklärt sie: „Wenn das T-Shirt nicht fertig ist, ist das aber noch schlimmer – ich kann das Model ja nicht oben ohne auf den Laufsteg schicken.“ Die ausgeschlafene und leicht gebräunte Ini rettet Nadine schließlich. Weil sie mit ihrer eigenen Kollektion abgeschlossen hat, beschließt sie den letzten Tag vor der großen Show als Hilfsschneiderin für ihre gestresste Klassenkameradin zu verbringen. Am Mittwochabend muss dann alles fertig sein. Um 20 Uhr ist Einlass. Fotos: Maria Dorner

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