Per Anhalter in eine bessere Welt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

jetzt.muenchen: Hallo Julia, bist du denn noch rechtzeitig nach Krakau gekommen? Julia Tzschätzsch: Ja, es wurde zwar spät gestern und wir waren beinahe die letzten, aber es hat geklappt. Es war auch mehr ein Truckstopp als ein Autostopp: Meine Mitfahrerin Vicky aus der Slowakei hat an der polnischen Grenze einen Landsmann entdeckt, der Klopapier nach Krakau transportieren musste . . . . . . das klingt doch eigentlich nach einer ganz zuverlässigen Fahrt. Naja, der Fahrer hat einen Tag einen Tag lang Zwischenstopp in Warschau gemacht, da sind wir natürlich auch geblieben und erst am nächsten Morgen mit ihm weiter den restlichen Weg nach Krakau gefahren. Reden ging bei mir zwar nicht, aber es war trotzdem lustig, obwohl die einzige Verständigung das „Gut, sehr gut“ war, wenn ein Lied im Radio kam. Dann hat euer Klopapier-Fahrer ja gar nicht so richtig mitbekommen, aus welchen Gründen ihr trampt? Vicky ist ja Slowakin, sie hat ihm dann erklärt, dass wir eigentlich in einer großen Gruppe unterwegs sind, um auf die UN-Milleniumziele aufmerksam zu machen. Und wir haben auch eine CD dabei, mit erklärenden Texten in vielen verschiedenen Sprachen, die habe ich ihm einfach eingelegt. Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht, er hat sich jedenfalls köstlich amüsiert.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Gestartet seid ihr in Riga, das Ziel heißt Europäisches Parlament Straßburg – eure Fahrt soll ein politisches Zeichen für mehr Gerechtigkeit sein. Wie soll denn so was ausgerechnet auf den Fernstraßen Europas zu vermitteln sein? Das Trampen ist nur das Bindeglied zwischen den eigentlichen Veranstaltungen. Wir arbeiten hauptsächlich vor Ort in acht europäischen Städten – eben etwa Riga, Krakau, Straßburg, aber nächste Woche auch bei euch in München (siehe nebenstehender Kasten). Zusammen mit lokalen Gruppen veranstalten wir Diskussionen, Workshops und machen mit spontanen Flashmobs Werbung dafür in den Fußgängerzonen. Ihr wollt über die Millenium-Ziele informieren, die vor sechs Jahren von 198 Staats- und Regierungschefs unterzeichnet wurden. Kann man diese große Weltpolitik denn sinnvoll auf uns Menschen vor Ort herunterbrechen? Klar! Denn diese acht Ziele konzentrieren sich auf das alltägliche Leben. Bis 2015 soll die extreme Armut auf der Welt halbiert sein, also die Zahl der Menschen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Das ist technologisch und wirtschaftlich möglich, sonst hätte das unser damaliger Kanzler Schröder ja nicht unterschrieben. Aber vor allem in Afrika tut sich fast nichts, also müssen wir alle – ob in Deutschland oder Polen – unsere Politiker an ihre Unterschriften von damals erinnern. Bei den Millenium-Zielen geht es aber auch um Umweltschutz. Salopp gesagt erklären wir auch banale Dinge: Licht ausschalten! Wasser sparen! Für uns ist sowas altbekannt, aber für viele Leute, die wir bisher unterwegs beim Trampen getroffen haben, war das neu. Und wir selbst sind ja das beste Beispiel für praktischen Umweltschutz: Car-Sharing statt selbst fahren; jemanden mitnehmen. 50 junge Leute auf langer Fahrt durch Europa – ein bisschen denkt man an aufdringliche Truckerfahrer und den vermeintlich wilden Osten. Schon mal ein mulmiges Gefühl gehabt? Auf dem Weg von Riga nach Kaunas saßen wir in einem Kleinbus mit zwei Russen, die irgendwann meinten: Tomorrow Birthday. Also haben wir angehalten, sie haben russischen Vodka und Cola aus dem Kofferraum geholt und dann mussten wir uns richtig die Kante geben, das ging nicht anders. Und weil Vicky recht katholisch ist, musste ich auch noch für sie mittrinken. Aber es war lustig und wir sind dann ja doch glücklich angekommen. Außerdem haben alle 50 Teilnehmer einen Backpacker-Guide bekommen mit Landkarte, wenn wir in ein Auto steigen, schicken wir das Kennzeichen per SMS an jemand anderen. Und schließlich gibt es noch ein Lumpensammler-Auto, das Leute einsammelt, die nicht mitgenommen wurden, und das zum Emergency Car wird, wenn etwas passieren sollte. Aber trotz allem habe auch ich in den letzten Tagen mal die Nerven verloren, als wir nicht vorangekommen sind. Interview: Max Hägler

  • teilen
  • schließen