Popstar dank zweitem Bildungsweg

Zu Besuch in der Popakademie Baden-Württemberg
tobias-peter

Michi versucht, lässig zu wirken. Der 28-Jährige mit dem Ring an der Unterlippe hat sich mit ungradem Rücken auf seinen Stuhl gefläzt, weit zurückgelehnt. Grünes T-Shirt mit ein paar Löchern. Verwaschene Jeans. Michi ist barfuß. Doch die Füße unter dem Tisch verraten seine Anspannung: Die Zehen sind miteinander verhakt. Michael Grötzinger, Sänger der Band Torpedo Schoenfeld sitzt in einem Klassenraum der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Die Torpedos spielen hörenswerten, druckvollen Gitarrenpop mit viel Schlagzeug – nur leben können sie davon nicht. Michi arbeitet halbtags als Altenpfleger. Das möchte er nicht so gern sein Leben lang machen. Auch deshalb lauscht er jetzt aufmerksam seiner Text-Lehrerin Edith Jeske, die unter anderem für Wolfgang Petry und Echt Songs geschrieben hat. Jeske empfiehlt: „Du musst beim Publikum dieses unglaublich fette catching Gefühl entfachen, wie Grönemeyer, wenn er sein Herz zurück will.“

Torpedo Schoenfeld beim Hausaufgaben machen im Studio. Foto: Christian Pertschy Die Zeiten, wo bei hoffnungsvollen Nachwuchsbands der Mann mit dem Koffer voller Geld vorbeikam, sind lang vorbei. Der Weg zum Erfolg ist schwer. Die Popakademie bildet zukünftige Sänger, Komponisten, Bandmitglieder und Producer aus: im sechssemestrigen Bachelor-Studiengang Popmusikdesign. Von der Schule kommen und Popmusiker lernen: das ist die Idee. Im Bandpool-Projekt, an dem Michi teilnimmt, sollen außerdem bereits bestehende Bands mit Wochenendkursen über 18 Monate auf den künstlerisch-kommerziellen Erfolgsweg gebracht werden. Gewissermaßen auf dem zweiten Bildungsweg. Michi hat schon viel über das Musikbusiness gelernt: „Wenn du gefühlvolle Liebeslieder singst, kannst du dir nicht auf der Bühne die Hose runterziehen oder ins Mikrofon rülpsen. Das Publikum rafft das nicht. Bei einer Punkband ist es okay – da gehört das zur Show. Dann zahlen die Leute genau dafür. Die Band ist ein Gesamtprodukt, bei dem die Hose des Gitarristen zur Musik passen muss.“ Als Lehrer aufzutreten falle ihm nicht schwer, erklärt Henning Rümenapp, Ex-Gitarrist der Guano Apes. „Wenn es mit der Band damals nicht funktioniert hätte, wäre ich vielleicht Musiklehrer geworden“, sagt er. In Rümenapps Klasse sitzen zwölf Jungs, die über ihr Instrument und sich und Dissonanzen reden. „Der Einzelne denkt häufig, mit dem Instrument ist etwas nicht in Ordnung, wenn es in der Band nicht rund läuft“, berichtet Rümenapp. Dabei läge es meist daran, dass das betroffene Bandmitglied zu sehr für sich spiele, vielleicht auch um persönlichen Frust abzubauen. „Wichtig aber ist die Band, das gemeinsame Ziel. Alle müssen darauf hören, wie die anderen spielen. Wichtig ist, dass auch der persönliche Umgang miteinander stimmt“, fügt er an. Auch Text-Coach Edith Jeske findet es entscheidend, dass auf Tour im Bandbus gute Stimmung herrscht. Deshalb bringt sie ihren Schülern das Doppelmoppel-Spiel bei. Dabei geht es darum, den Bandkollegen ein Rätsel zu stellen, dass durch einen Reim aufgelöst werden kann. Schweigsame Seehilfe? Stille Brille! Kreisförmige Kläffer? Runde Hunde! Ben von der Band Ben*Jammin versteht das Reimspiel anfangs nicht. Kein Problem – Edith Jeske erklärt es noch mal. „Das kann man auch ganz toll mit Kindern spielen“, sagt sie. „Ach so, und vergesst eure Hausaufgaben bitte nicht“. Im Raum wird genickt – der eine oder andere in der Popakademie lächelt aber auch über die Herangehensweise von Elfriede Jelinek, wie ein Bandmitglied sie lästerlich nennt. „Nicht alles hier funktioniert für jeden – aber vieles funktioniert für viele. Niemand zwingt einen, sich für den Erfolg zu verändern. Das sind alles nur Angebote“, erklärt Michi von den Torpedos. Wer Erfolg wolle, müsse aber schon ein bisschen Flexibilität mitbringen, findet er. Michi ist dazu bereit – dabei will er gar kein millionenschwerer Megastar werden. Er sagt: „Erfolg würde für mich bedeuten, nebenher nicht mehr arbeiten zu müssen. Erfolg ist, wenn ich dank meiner Musik die Kühlschranktür aufmachen kann, und es ist genau das drin, was ich essen und trinken will.“