Produktbiografie: Meine Uhren

Zur eigenen Biografie zählen nicht nur Zeugnisse und Praktika, sondern auch Produkte. Deshalb schreiben jetzt.de-Autoren hier ihre Konsum-Lebenslinien auf. Heute: Dominik Schottner über seine Uhren.
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Die Flik-Flak-Uhr

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Illustration: Julia Schubert

Man kann Kinder nicht früh genug auf die Erfolgsspur setzen und so schenkte mir meine Mutter zur Einschulung eine Schweizer Qualitätsuhr. Pünktlichkeit und Diskretion sollte sie ausstrahlen. Ihren Namen verdankt die Armbanduhr ihren Zeigern: Der größere hieß Flik (der blaue Minutenzeiger), der rote Stundenzeiger hieß Flak. Dazu kam noch ein himmelblaues Stoffarmband. Neid und Missgunst meiner Mitschüler waren mir sicher. Etappensieg!


Die Olympiauhr

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Illustration: Julia Schubert

Zeit spielte für mich nach dem Übertritt auf das Gymnasium nur noch insofern eine Rolle, als dass man sie in langweilig (Vormittag) und nicht so langweilig (Nachmittag) einteilen konnte. Wozu brauchte ich da eine Uhr? Geweckt wurde ich von meiner Mutter oder dem Schulgong. Entsprechend unmotiviert war die Wahl des Uhrwerks: eine Swatch-Spezial-Ausgabe anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1996 in Atlanta, Geschenk meiner Oma. Beige-blaues Plastikarmband, darauf die Skyline der Olympiastadt Atlanta, die Olympischen Ringe, die Zahl 1996. Eine herbe Niederlage.


Die G-Shock

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Illustration: Julia Schubert

Uhrentechnisch wollte ich jetzt mal ganz vorne liegen. Die Wahl meines Firmpaten fiel daher auf meinen Nachbarn Claus, der unkritisch meinen Wunsch nach einer gelben, klobigen G-Shock erfüllte. Die Uhr aber, das hatte ich mit meinen 14 Jahren nicht bedacht, war für mein pubertäres Handgelenk grandios überdimensioniert und deshalb alltagsuntauglich. Sie passte zu nichts, hatte einen Käfig um das Gehäuse und nahm zu allem Überfluss nach einigen Monaten auch noch das Schwarz meiner Pullover an, die ich voller Scham darüber stülpte. Das Ende meiner Uhrenträume, vorerst.


Die Abo-Uhr

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Illustration: Julia Schubert

Sechs Jahre nach dem G-Shock-Desaster abonnierte ich die Wochenzeitung Die Zeit. Dazu erhielt ich eine schlichte Uhr mit schwarzem Kunstlederarmband. Ich fühlte mich unglaublich intellektuell. Niklas Luhmann schreibt: „Wenn man nicht mehr denkt, kann man immer noch dösen.“ Ich habe in dieser Phase oft und gerne gedöst, weshalb auch die schöne Zeit-Uhr keinen erkennbaren Zweck erfüllte. Auch die Zeitung blieb oft liegen. Aber immerhin sah ihre Uhr besser aus als die Vorgänger. Leider fiel sie mir während einer zweimonatigen Rucksackreise in ein Flugzeugklo. Adieu, Zeit!


Das Handy

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Illustration: Julia Schubert

Seit einem halben Jahr trage ich nun keine Uhr mehr. Ich komme seitdem gerne mal pünktlich, bin ausgeschlafener und spreche häufiger Fremde an, um sie nach der Uhrzeit zu fragen. Sollte es wirklich dringend sein, krame ich mein Handy hervor und lese die Zeit dort ab. Das hat zwei Vorteile: Mein Handy ist die erste Uhr, mit der ich auch telefonieren kann. Und die erste, die ich mir wegen des Designs ausgesucht habe.

Text: dominik-schottner - Illustration: Christoph Ohanian

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