Prügeln ist unser Hobby geworden

Sara schlägert sich durch die Straßen, Linda hat vor einem Jahr aufgehört mit der Gewalt – unterwegs mit einer Mädchengang
caroline-vonlowtzow
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Illustration: Julia Schubert

Neonlicht erhellt die Waschküche. Vier Mädchen sitzen sich hier im Keller gegenüber – Sara und Yasemin auf der Bügelmaschine, Esra und Carla auf der Waschtrommel (alle Namen geändert). Sie lassen ihre Beine baumeln, stopfen sich Chips in den Mund, ziehen an ihren Zigaretten. „Wir wissen einfach nicht, wohin wir gehen sollen“, sagt Sara. „Normalerweise hängen wir im Hof unseres Wohnblocks rum, oder auf der Straße. Aber dafür ist es im Moment zu kalt.“ Sara ist die Älteste in der Mädchenclique. Sie ist 15. Sara zieht ihren hellgrauen Kapuzenpulli ein Stück hinunter und deutet auf zwei tiefe, blutige Kratzer an ihrem Hals. „Das war Esra. Wir haben uns gestern gestritten. Sie ist plötzlich ausgerastet und hat mir ihre langen Fingernägel in die Haut gegraben.“ Nichts besonderes, meint sie. Die vier Mädchen schlagen sich fast täglich. Und das nicht nur mit anderen Mädchencliquen aus Neuperlach. Obwohl sie befreundet sind, gehen sie auch aufeinander los. Sara spuckt ihren Kaugummi auf die dreckigen Kellerfliesen und rutscht von der Bügelmaschine. Sie ist ein bisschen pummelig. Darüber ist Sara ziemlich unglücklich. Sie erzählt, dass sie aus Frust zu viel esse. „Scheiße, Mann“ quetscht sie heraus. Das sagt sie fast nach jedem zweiten Satz. Schon seit einem Jahr war sie nicht mehr in der Schule, einen Abschluss hat sie bisher nicht. Blaues Auge Sara und ihre Gang prügeln. Dabei geht es nicht einmal um Handys oder Markenklamotten. Es reicht schon, wenn ein Mädchen nicht hübsch ist, erzählt Esra. „Dann kriegt die halt eins auf die Fresse.“ Esra ist erst 13. Vieles, was sie an ihrem Körper trägt, ist goldfarben. Goldene Ballerinas, einen goldenen Glitzergürtel und riesige goldene Ohrringe. Eigentlich wie eine kleine Prinzessin. Während sie erzählt, kaut sie auf ihren Nägeln, trommelt mit den Füßen gegen die Waschmaschine. „Wenn jemand an uns vorbeigeht und komisch schaut, dann langweilt uns das halt. Zuerst sagen wir nur: Du Hure, Du Nutte, aber dann prügeln wir los. Irgendwie ist das unser Hobby geworden“, sagt Esra. Saras Familie lebt in einem der 20-stöckigen Wohnsilos in Neuperlach. Mit vier Geschwistern teilt sie sich ein neun Quadratmeter großes Zimmer. Eine Seite des Zimmers ist für die Jungs, die andere für die Mädchen, erzählt sie. In der Mitte stehen der Fernseher und die Playstation. Dass Sara keinen Platz für sich hat, macht ihr nichts aus. „Ich liebe meine Familie über alles“, sagt sie. Nur mit ihrer Schwester versteht sie sich nicht. „Gestern habe ich ihr ein blaues Auge geschlagen. Sie war böse zu meiner Mutter. Meine Mutter hat sich aber nicht gewehrt. Ich musste doch etwas tun“, erzählt sie. Saras Mutter ist traurig darüber, dass ihre Tochter zuschlägt. „Ich habe eine kriminelle Tochter, aber weiß nicht, wie ich ihr helfen kann.“ Sie habe alles versucht. Erst im Guten, dann hat sie angefangen, Sara zu bestrafen, das Handy wegzunehmen, ihr Dinge verboten, die sie gern hat. Es hat nicht geholfen. „Ich weiß nicht mehr, wie ich Zugang zu ihr finden soll.“ Cornelia Broich von der Städtischen Jugendhilfe betreut die Mädchen und ihre Familien schon lange. „Viele dieser Mädchen kommen aus schwierigen Familienverhältnissen. Die Eltern sind arbeitslos oder allein erziehend. Oft sind sie mit der Erziehung überfordert, fühlen sich hilflos.“ Wenn die Eltern schließlich Hilfe suchen, sind die Mädchen meistens schon 13, 14 Jahre alt. „In diesem Alter ist es kaum mehr möglich, die Jugendlichen noch zu erziehen. Das ist wie in der Schule: Wenn man dort immer wieder fehlt, dann sammeln sich immer mehr Lücken. Irgendwann sind die Defizite so groß, dass sie nicht mehr aufzuholen sind. Genauso ist das auch bei der Erziehung: Wenn die Eltern ständig inkonsequent sind, Drohungen ankündigen, die sie dann aber nie durchführen, dann sind diese Lücken irgendwann auch nicht mehr zu schließen.“ Warum sie immer wieder zuschlagen, können die Mädchen selbst nicht erklären. Prügeln sei wie eine Sucht, sagen sie. Sie können einfach nicht damit aufhören. Doch im Moment sind die Mädchen vorsichtig. Wegen ihrer Schlägereien bekamen sie Ärger mit der Polizei. „Jetzt passe ich schon auf. Denn in den Knast will ich nicht“, sagt Esra. Aus ihrem Handy klingt Sido: „Ich leb’ mein Leben, scheiß’ auf dich, drück’ mich zu Boden doch ich steh wieder auf!“ hallt laut von den kahlen Betonmauern der Waschküche wider. Es ist kaum zu hören, als Esra sagt: „Aber das ist sowieso egal, denn verkackt habe ich eh schon alles.“ Das dachte Linda auch, als sie 14 Jahre alt war und noch regelmäßig prügelte. „Ich war ganz tief unten. Eigentlich hatte ich keine Chance, neu anzufangen“, erzählt sie. Jetzt ist Linda 16. Sie musste früh erwachsen werden. Schon mit sechs Jahren erledigte sie Behördengänge und sorgte für die kleinen Geschwister. Lindas Mutter ist taubstumm – die Gebärdensprache hat die Mutter nie gelernt. Die Kinder verständigen sich mit ihr über Zeichen. Mit zwölf Jahren hat Linda zum ersten Mal zugeschlagen. „Ich habe immer gedacht, ich muss stark sein und beweisen, dass man nicht alles mit mir machen kann“, erinnert sie sich. „Und irgendwann habe ich das auch geschafft. Alle im Viertel hatten Angst vor mir.“ In ihren Augen blitzt es, als sie hinzufügt, „Darauf war ich stolz.“ Linda kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als sie auf ihre Gegner losging. „Zuerst musst du auf die Nase treffen.“ Dabei zeigt sie mit ihrer rechten Hand, wie das geht. Mit der geballten Faust berührt sie ihre Nase. „Dann ist derjenige erst mal gut beschäftigt, und du kannst dir aussuchen, ob du weitermachst.“ Oft war das aber noch nicht genug. „Ich habe sämtliche Arten von Körperverletzung durch. Ich habe Nasen- und Kieferbrüche verursacht, Hämatome zugefügt, Rippen geprellt, blaue Augen geschlagen. Es gab eigentlich nichts, was ich nicht gemacht habe.“ Doch Linda hat den Ausstieg geschafft. Seit einem Jahr ist sie nicht mehr auf andere Mädchen losgegangen. Im Moment muss sie ihre „Gerichtsverfahren abarbeiten“, wie sie sagt. Geschafft hat sie den Ausstieg durch die Hilfe von Susanne Korbmacher vom Verein Ghettokids e.V. „Als ich Linda zum ersten Mal getroffen habe, war ich entsetzt. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was in ihr schlummert. Sie wirkt so hübsch, jung und offen. Ich habe mich gefragt: Was hat dieses Mädchen, welche Probleme stecken dahinter?“ Als Susanne Korbmacher das sagt, schließen sich ihre Hände zu einer Faust – einer zupackenden Faust. So, als wolle sie das Problem gleich anpacken. Susanne Korbmacher kennt viele Mädchen wie Linda. „Gerade in den letzten zwei Jahren konnte ich einen drastischen Anstieg von Gewalt unter Mädchen feststellen. Nicht nur Jungs schlagen sich auf dem Schulhof – auch Mädchen werden immer aggressiver und gehen aufeinander los“, erzählt sie. Und sie spricht von einer neuen Qualität der Gewalt: „Da reicht es nicht mehr, wenn ein Mädchen dem anderen eine Ohrfeige verpasst. Da wird mit Fäusten aufeinander eingeschlagen.“ Susanne Korbmacher befürchtet, dass sich die Lage noch weiter zuspitzt, wenn Jugendliche keine Perspektiven haben. „Momentan werden immer mehr Jugendeinrichtungen geschlossen“, erzählt sie. „Die Jugendlichen werden in ihren Chancen immer mehr beschnitten. Aber wenn man ihnen alles wegnimmt, wenn ihr Leben zum Straßenleben wird, dann muss man sich nicht wundern, wenn solche Gewalttätigkeiten der Gesellschaft später wieder entgegenprallen. Das ist wie ein Bumerang – irgendwann kommt er zurück.“ Rap als Hilfe Was Linda früher mit ihren Fäusten ausgedrückt hat, verarbeitet sie nun in Texten. Sie tanzt und rappt in einer Gruppe von Ghettokids, die Susanne Korbmacher ins Leben gerufen hat. „Ich habe etwas gefunden, was mir Spaß macht, für das ich meine Kraft besser einsetzen kann“, erzählt Linda. Neben ihr sitzt Susanne Korbmacher mit den anderen Mädchen aus der Gruppe. Heute stellt Linda zum ersten mal ihren neuen Rap-Text vor. „Ich gehe durch den Tag / ich gehe durch die Nacht / ich habe in meinem Leben viel Scheiß gemacht / Ich schaue nach vorn / nach hinten / hin und her / ich lebe den Tag/ als wenn’s der letzte wär.“ Die Bässe hämmern aus der Stereoanlage, die Mädchen schnippen im Takt mit den Fingern. Linda steht auf und beginnt in der Mitte des Raumes zu tanzen. Sie sieht selbstbewusst aus. Sie weiß, dass sie es kann. Auch in der Waschküche in Neuperlach dröhnen Hiphop-Bässe. Die Mädchen wippen mit den Füßen, bewegen sich im Rhythmus der Musik. Esra probiert Tanzfiguren aus. Dabei hüpft sie und dreht sich im Kreis. „Das haben wir gestern in der Tanzschule gelernt“, erzählt sie. Die Eltern haben die vier Mädchen in den Tanzkurs geschickt. Sie wollen nicht, dass die Mädchen nachmittags auf der Straße rumhängen. „Meine Mutter glaubt, wenn ich tanze, dann komme ich nicht auf dumme Gedanken“, sagt Sara. Sie schubst Esra auf die Seite, denn auch sie will zeigen, was sie gelernt hat. Esra zieht Sara an den Haaren zurück. Sara schreit. „Wir müssen uns doch schon mal vorbereiten“, erklärt Esra lachend. „Denn morgen gehen wir alle zu Saras Schule. Ein Mädchen in der Klasse nervt Sara. Also helfen wir ihr. Nach der Schule warten wir auf die. Dann machen wir sie fertig.“ Text: Sophia Seiderer

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